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Enger Dialog: Wohnhaus bei Marrakesch

Zehn Kilometer südlich von Marrakesch liegt das 172 qm große »Fobe Haus«. Auf dem Grundstück sollten ursprünglich drei Häuser entstehen. Als der Bauherr, ein belgischer Filmproduzent, seine Pläne änderte und für die beiden anderen Häuser ein größeres Grundstück in der Nähe fand, wurde es zu einer Herausforderung, für das kleinste der drei Häuser eine ausbalancierte Komposition auf dem 2,5 ha großen Areal zu entwickeln.

Architekt: Guilhem Eustache, Paris
Standort: Tassoultante, in der Nähe von Marrakesch, Marokko

Das eingeschossige Gebäude wirkt trotz des Kontastes seiner weißen Wände zur braunen Erde eher zurückhaltend, fast minimalistisch. Aus vielen Perspektiven erscheint es wie zufällig auf dem weitläufigen Grundstück angeordnet zu sein. Doch die Ausrichtung der einzelnen Gebäudeteile wurde sehr genau untersucht und analysiert und von mehreren Faktoren beeinflusst. Die Aussicht auf das nahe gelegene Atlasgebirge spielte dabei eine ebenso wichtige Rolle wie die natürlichen Faktoren Wind und Sonne.

Insgesamt wurden auf dem 2,5 ha großen Grundstück etwa 240 m² bebaut. Das Ensemble besteht aus einem Wärterhäuschen und einer Garage, die nahe dem Eingang positioniert sind, sowie dem 172 m² großen Haupthaus, das zentral auf dem Grundstück angeordnet ist.

Die Gestaltung der Außenbereiche tritt in einen Dialog mit der kargen Landschaft. Obwohl schließlich mehr als 500 Bäume gepflanzt wurden, blieb der wüstenartige Charakter auf dem Grundstück erhalten.

Das Areal liegt direkt an der Straße nach Marrakesch. Man betritt das von einer Lehmmauer umfasste Grundstück an dieser nördlichen Seite. Den Eingang bilden drei weiße Betonstelen, die exakt in der Verlängerung der Achsen des Haupthauses aufgestellt sind. Vorbei an den Nebengebäuden, richtet sich der Blick auf den Eingang des Wohnhauses, den drei parallel aufgestellte, gegeneinader verschobene Wände bilden.
Geht man auf das Gebäude zu, scheinen die schmalen Wände sich vom  strengen Baukörper abzulösen und in Bewegung zu geraten. Zwischen den beiden äußersten Wänden befindet sich eine schmale, steile Treppe, die direkt auf die Dachterrasse führt, von der man einen hervorragenden Blick auf das Atlasgebirge hat. Die Eingangstür befindet sich hinter der nächsten, der mittleren Wandscheibe. Über eine kurze Rampe gelangt man auf das gegenüber dem Gelände leicht angehobene Niveau des Innenraumes. 

"Das Haus hat etwas von einem Labyrinth. Es gibt nicht nur einen Weg um den Raum zu betreten. Es kann von unterschiedlichen Seiten, durch unterschiedliche Wege erlebt werden"- beschreibt der Besitzer. Solche freien Spiele mit der Nutzung des Raumes waren dem Bauherr besonders wichtig. Mehr noch, er untersuchte bereits das Haus durch das Objektiv seiner Kamera und sagte: "Es hat etwas sehr kinematographisches. Es gibt keine Sackgassen. Alles ist in Bewegung".


"Mein Wunsch war es, einen engen Dialog mit dem Land, der Pflanzenwelt und dem Atlasgebirge am Horizont zu finden
", erklärt der Architekt Wilhelm Eustache.

Die Bergkulisse ist ein wichtiger Bestandteil des "Dialogs" zwischen der Umgebung und dem Haus. Die aufsteigende Treppe am Ende des Pools scheint direkt in die Berge führen zu wollen.

Zunächst wirkt das weiße Haus völlig fremd in der Mitte der marokkanischen Wüste, doch es hat mehr regionale Aspekte als man auf den ersten Blick sieht. Der Architekt verwendete für den Bau ausschließlich lokale Baumaterialien und -techniken: Ton für die Außenwände, Tadelakt, einen marokkanischen Kalkputz für die Bäder, und Stein aus dem nahen Ourikatal für alle Böden.

Die Erfahrung von fünf spezialisierten marokkanischen Bauarbeitern und einige wenige Werkzeuge reichten aus, um die Mauer aus Lehm um das gesamte, 2,5 Hektar große Grundstück zu realisieren. Die Werkzeuge: Eine Hacke um die Erde zu lösen, einige Körbe und Jutesäcke um diese zu transportieren, die selbst gebaute Schalung aus Holzdielen, durch Holzpflöcke gehalten, ausgesteift und mit Seilen festgezurrt. Um das Material, die tonige Erde zu verdichten, wurde ein Stampfer, bestehend aus einem zylindrischen Stein, verwendet.

Die Grundplatte des Hauses wird aus großen Kieselsteinen aus der Umgebung gebildet. Da das Gebiet überflutet werden kann, bildet diese Bauweise einen effektiven Schutz vor Wasser und Feuchtigkeit in der Zukunft. Dieses Bett aus Steinen wird letztlich als verlorene Schalung für die Grundplatte herangezogen.

Das Gebäude wurde in einer Art Fachwerk aus Stützen und Trägern erstellt. Die Ausfachung bilden zweischalige Wände, die den Verbrauch teuren Stahls reduzieren und klimatisch vorteilhaft sind. Gleichzeitig sind die Dimensionen der Stützen selbst verhältnismäßig groß, was der Vorgabe geschuldet ist, dass Gebäude in der Region von Marrakesch erdbebensicher ausgeführt werden müssen.

Weitere Informationen
www.guilhemeustache.com

Ein Beitrag von Emilia Margaretha und Peter Popp.


Weitere Projekte zum Thema »Massives Bauen« finden Sie in unserer Ausgabe 
DETAIL 2013/6.

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 6/2013

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