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»Es war immer mein Ziel Visionen umzusetzen«

Die Nemetschek AG ist der größte europäische Anbieter von Computerprogrammen für Architekten, Ingenieure und die Bauindustrie. Für die Jubiläumsausgabe 50 Jahre DETAIL sprach Redakteurin Hildegard Wänger mit Prof. Georg Nemetschek, Gründer der Nemetschek AG, München, über die Anfänge und die Entwicklung des Unternehmens.

Nemetschek, CAD, Computerprogramm
Prof. Georg Nemetschek

DETAIL: Bereits während Ihres Studiums haben Sie sich mit den ersten elektronischen Rechnern beschäftigt. Was hat sie an diesen komplexen Maschinen fasziniert?

Prof. Georg Nemetschek:
Direkt neben unserem Physik-Hörsaal war ein weiterer Hörsaal in dem die PERM, die erste programmierbare elektronische Rechenmaschine München, aufgebaut war. Mich hat dieses Gerät fasziniert, eine raumgroße Anlage, die getickert hat und bei der jede Menge Lämpchen aufgeleuchtet haben. Dieses Gerät war 1953, also zwanzig Jahre nach dem ersten Gedanken Konrad Zuses an einen Rechner, entstanden. Mit dem Bau seiner ersten Programm gesteuerten, frei programmierbaren Rechneranlage hatte Zuse also unendlichen Weitblick bewiesen. Besonders an ihm bewundert habe ich aber, dass er das, was er erdacht hat auch realisiert hat. Das war auch immer mein Ziel: Visionen umzusetzen.

DETAIL: Wie ging es nach dem Studium weiter?

Nemetschek:
Das traurige war, dass keiner meiner Professoren erkannt hat, dass diese Technik die Zukunft ist. Nicht einmal Professor Robert Sauer, mein Mathematikprofessor, der zusammen mit Piloty, die PERM entwickelt hatte. Die Faszination für Computer hat sich dann, weil sie im Studium keinen Widerhall gefunden hat, erst 1963 weiter entwickelt. Als Assistent an der Technischen Hochschule habe ich einen Programmierkurs an einem Zuse-Rechner gemacht und dabei gedacht, das wäre doch etwas auch für Ingenieure.

DETAIL: Aber zunächst haben Sie ein Büro für Tragwerksplanung gegründet?

Nemetschek:
Ja, 1963. Die Anfänge unseres Ingenieurbüros waren sehr bescheiden, wir haben erst in einem Nebenraum in unserer Wohnung gearbeitet. Doch schon kurz nach der Gründung unseres Ingenieurbüros, habe ich für 32 000 D-Mark einen Rechner gekauft, der unser Budget total gesprengt hat. Dieser Rechner, eine Olivetti Programma 101, hat uns bei der Berechnung eines Hochhauses in Ziegelbauweise große Dienste geleistet. Da jedoch der Rechner nur die Ergebnisse und nicht die einzelnen Rechenschritte ausgab, hatten wir in den Prüfberichten immer die Vermerke „diese Statik ist nicht prüfbar“. Wir mussten also erst Überzeugsarbeit leisten, dass Statik selbst dann prüfbar ist, wenn sie von einem Computer berechnet wurde.

DETAIL: Was hat Sie dazu veranlasst, diese für den eigenen Bedarf entwickelten Programme professionell zu vertreiben?

Nemetschek:
Professionell war damals relativ. Die ersten Programme wurden von uns zwischen 1975 und 1977 ebenfalls in sehr bescheidenen Räumen auf dem Dachboden eines Zweifamilienhauses geschrieben. Wenn man will, könnte man das mit der Garage vergleichen, in der Bill Gates sein Microsoft entwickelt hat. Bis 1976 waren wir ein reines Ingenieurbüro. Dann kamen die ersten bezahlbaren Tischrechner auf den Markt, darunter auch der HP 97. Ich hatte schon für diese Tischrechner Programme geschrieben und wollte sie gegen den anfänglichen Widerstand meines Oberingenieurs auch vertreiben. Ich habe mich durchgesetzt und so haben wir 1977 mit dem Vertrieb der Software begonnen.

DETAIL: Entwicklung und Vertrieb sind aber zwei unterschiedliche Bereiche. Wie sind Sie in den Vertrieb hineingewachsen?

Nemetschek: Ich hatte an der Hochschule den Vertrieb des Handbuches zur neuen Stahlbeton-Norm, der DIN 1045, per Postwurfsendungen übernommen. Mit dem Vertrieb der ersten Programme haben wir das dann genauso gemacht. Die Software hat damals 800 D-Mark gekostet, plus 60 D-Mark für den Magnetstreifen, plus 60 D-Mark für das Handbuch – so war das Ganze sofort steuerlich absetzbar. Damit waren wir sehr erfolgreich. Innerhalb des ersten Monats erhielten wir hunderte von Bestellungen – eine neue Ära begann.

DETAIL: Konnten Sie damals schon erahnen, welchen Einfluss Computer und Software auf den Bau- und Planungsprozess haben würden?

Nemetschek: Das glaube ich nicht. Wenn wir die Komplexität der ganzen Sache, auch die Komplexität unseres Unternehmens schon damals geahnt hätten, hätten wir es wahrscheinlich nicht gewagt. Was wir damals versäumt haben, weil ich eben ein deutscher Ingenieur war, war die schnelle internationale Vermarktung unserer Entwicklungen. Wir waren schon stolz auf unsere 14 Niederlassungen in Deutschland. Erst später haben wir unsere Vertriebstätigkeiten auf Europa und darüber hinaus ausgeweitet. Dadurch hat uns Autodesk, die zunächst hinter uns waren, überholen können und wir sind am Weltmarkt jetzt die Nummer zwei.

DETAIL: Wie sind aus den Programmen für Ingenieure die ersten Lösungen für Architekten entstanden? Und mit welchen Schwierigkeiten und Vorbehalten hatten Sie zu kämpfen?

Nemetschek: Die Ingenieure haben unsere Software mit offenen Armen aufgenommen. Sie hatten einen echten Bedarf und mussten ihre Arbeitsweise nicht ändern – der Computer hat ihnen lästige Massenarbeit abgenommen und eine größere Komplexität in den Berechnungen ermöglicht. Bei den Architekten dagegen hat sich durch die Einführung von CAD-Systemen die komplette Arbeitsweise revolutionär verändert. Objekte konnten am Computer entworfen, visualisiert, durchgeplant und ausgeschrieben werden. Eine solche, in grundlegende Prozesse eingreifende Veränderung ist immer schwierig durchzusetzen.

 

Nemetschek, CAD
Ein Arbeitsplatz für Architekten und Ingenieure aus dem Jahr 1987. Da die Maus noch nicht erfunden war, wurde mit einem Steuer- und Digitalisiertablett gearbeitet.

DETAIL: Heute findet keine Planung mehr ohne CAD statt. Welchen Stellenwert hat der Computer im Architekturbüro?

Nemetschek: Ich bin stolz, dass wir die Arbeitsweise der Architekten zum Nutzen der Bauherrn revolutionär verändern konnten. Dabei haben wir keineswegs den Genius des Architekten überflüssig gemacht, er muss nach wie vor seine Denkleistung bringen. Wir haben ihm Tagesarbeit abgenommen, sodass er sich auf das wirklich Wichtige, die Idee und den Entwurf, konzentrieren kann. Mit unserer Software sind heute komplexere Bauten möglich, manche Gebäude, wie beispielsweise die BMW-Welt oder das Mercedes Benz Museum wurden sogar erst durch den Einsatz von digitaler Planungs- und Entwurfstechnik möglich.

DETAIL: Immer wieder kommt der Vorwurf, dass unsere strengen Normen und Bauverordnungen den Möglichkeiten der CAD-Planung hinterher hinken?

Nemetschek: Ich glaube nicht, dass unsere DIN-Normen, die ja die Sicherheit am Bau gewährleisten, einschränkend sind. Allerdings würden wir uns eine einheitliche Gestaltung dieser Normen zumindest für Europa wünschen. Dann könnten nämlich die Berechnungsvorschriften auch einheitlich gestaltet werden. Die Einführung des Eurocodes zieht sich schon viel zu lange hin.

DETAIL: Der Börsengang der Nemetschek AG 1999 brachte frisches Kapital, welches das Unternehmen zur Akquisition zahlreicher Firmen eingesetzt hat. Was war die Strategie dahinter?

Nemetschek: Für unser Unternehmen stellte der Börsengang einen ganz wesentlichen Meilenstein dar. Es gibt im Leben ein paar Wendepunkte, von denen man sagen kann, dort ist ein fundamentaler Wandel, ein sogenannter »Change« aufgetreten auf den man reagiert hat. Der erste Wendepunkt war, dass billige Rechner auf den Markt kamen und wir unsere Rechensoftware vertreiben konnten. Der zweite »Change« war, dass billige Grafiksoftware verfügbar war und man in die konstruktive Bearbeitung des Planungsprozesses investieren konnte. Der nächste fundamentale Wandel wurde durch die Verbreitung des Internets eingeleitet, so dass über einen Workgroupmanager verschiedene Büros über weite Entfernungen zusammenarbeiten konnten. Und plötzlich war es auch möglich, zur Börse zu gehen und dort einen kleinen Teil des Unternehmens, 25 Prozent, in fremde Hände zu geben und dafür Akquisitionen zu tätigen. Unser Unternehmen hat auf diese Art und Weise verschiedene Entwicklungen ins Haus geholt, die man in der nötigen Geschwindigkeit nicht mehr hätte selbst vorantreiben können, um den Bogen – Planen, Bauen, Nutzen – auch spannen zu können. Wir konnten auf den Gebieten Software für Bauunternehmen, für Immobilienmanagement sowie ERP- und CAD-Sofware zukaufen. So haben wir heute im Bereich CAD drei starke Marken unter den Top 5 – Nemetschek Allplan, Graphisoft und Vectorworks – und damit Lösungen für die unterschiedlichsten Anforderungen und Bedürfnisse unserer Kunden.

DETAIL: Der Name Nemetschek ist seit fünf Generationen mit dem Bauwesen verbunden. Durch die Entwicklung der Software wird er es auch weiter bleiben. Ist die Verbindung mit Ihrem Namen zugleich auch eine Verpflichtung?

Nemetschek: Als junger Ingenieur habe ich von einer Firma geträumt, die „Südstatik“ heißt, also weg vom eigenen Namen. Heute steht der Name Nemetschek für einen ganzen Konzern und in Verbindung mit vielen verschiedenen Unternehmen unter seinem Dach. Und natürlich bin ich auch persönlich mit meinem Namen mit all diesen Unternehmen verbunden. Das treibt mich an, dafür stehe ich auch persönlich ein. Es gibt eine Familienverfassung für die Mitglieder unserer Familie, die, auf freiwilliger Basis, jedem die Verpflichtung auferlegt, zu dem Unternehmen zu stehen, es zu erhalten und in seiner Weiterentwicklung zu unterstützen. Die Entscheidung, meine beiden Söhne nur indirekt am Unternehmen zu beteiligen, das Unternehmen aber in die Hände von Fremdmanagement zu geben, war die einzig und absolut richtige.

DETAIL: 2D, 3D, 4D, parametrisches Entwerfen – wohin geht der Trend, wo liegt die Zukunft der CAD-Software?

Nemetschek: Die Softwareindustrie steht vor immer neuen Herausforderungen und muss für diese neue Produkte entwickeln. 2D wird heute noch viel verwendet, ist aber in meinen Augen nicht das richtige Werkzeug für modernes Planen. Das Planen in 3D ist bereits seit den 1980er Jahren in unserer Software fest verankert. Dieses Planen und Entwerfen in 3D ist auch eine Voraussetzung für das so genannte Building Information Modeling.

DETAIL: Eine Sache, für die Sie sich persönlich immer eingesetzt haben ist die Abbildung aller Daten in einem einheitlichen Datenmodell. Warum?

Nemetschek: Wir haben im Bauwesen eine sehr komplexe Bauabwicklung. Das Problem sind nicht schlechte Ingenieure oder Planer, auch nicht schlechte Baumaschinen oder schlechte Baustoffe. Sondern das Problem ist der nicht strukturierte Prozessablauf. Das Ziel muss ein durchgängiger Informations- und Datentransfer für alle Gewerke sein – vom Architekten und Ingenieur über die Fachplaner bis hin zu den Bauausführenden. Im Moment könnte man den Planungs- und Bauprozess mit einem Unternehmen vergleichen, das mehrere Niederlassungen hat, die aber nur durch Feldwege, nicht über Straßen oder Autobahnen, miteinander verbunden sind. Die große Herausforderung liegt darin, diesen Prozess zu verbessern, die IT muss dabei die Rolle der Infrastruktur übernehmen.

DETAIL: Ihr 1997 initiiertes Projekt O.P.E.N., eine objektorientierte Datenbank die allen Beteiligten Zugriff auf die benötigten Daten bieten sollte, fand keine große Resonanz. Wie erklären Sie sich das?

Nemetschek: Wir waren mit unserer Entwicklung schlichtweg zehn Jahre zu früh dran. Heute befinden wir uns in der Zukunft von damals und die Softwareindustrie im Verbund mit vielen Bauunternehmen bemüht sich, den Prozess – Planen und Bauen – in einem Zug zu verwirklichen. Ob dieser schwierige Prozess gelingen wird, hängt nicht nur von der Softwareindustrie ab, sondern auch von den Anwendern. Viele zögern noch.

DETAIL: Woran liegt das?

Nemetschek: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zunächst denken alle am Bau Beteiligten sehr egozentrisch. Der Architekt denkt an sich, der Ingenieur denkt an sich, der Bauherr denkt an sich. Der Planer lässt sich nicht gerne in seine Planung schauen, warum also soll er seine Daten nach außen geben? Und es fehlt auch an Anreizen – wer bezahlt ihn dafür, dass er die Daten eingegeben hat, die beispielsweise der Ingenieur brauchen könnte? Auch nicht jedes Bauunternehmen ist unbedingt an einer durchgängigen Planung interessiert, denn mit Nachträgen ist auch gut Geld zu verdienen. Hinzu kommen die technologischen Hindernisse. Nicht alle am Bau Beteiligten benötigen die gesamte Datenmenge. Es müssen also Filter entwickelt werden, die die vorhandenen Daten intelligent aufspalten und zur Weiterbearbeitung bereitstellen. Neben der Kostenfrage für die Datenerfassung und -bereitstellung ist vor allem auch die Haftungsfrage ein großes Problem. Denn wer haftet, wenn die Daten falsch sind? Dies zeigt, dass es weniger Engstirnigkeit ist, die diesen Prozess erschwert, sondern dass es sich wirklich um eine komplexe Aufgabe handelt.

DETAIL: Und was bringt die Zukunft?

Nemetschek: Die Zukunft wird in der Vernetzung und dem reibungslosen Austausch aller Planungsdaten liegen. Heute hat jeder einen BIM-Server und einen Internetanschluss. Vor zehn Jahren war ja allein schon die Vernetzung aller am Bau beteiligten ein Problem. Heute ist Cloud Computing ein ganz großes Stichwort, die Bereitstellung von IT-Leistungen »on demand«. In der Zukunft wird jeder in der Cloud alle Daten, alle Werkzeuge und alle Kollaborationsmöglichkeiten haben. Als Softwareunternehmen stehen wir wieder vor einem ganz großen Schritt – wir müssen diese Cloud lebendig machen. Die Cloud wird kommen, sie bringt deutliche Verbesserungen in der Vernetzung, Ersparnisse in der Ausstattung des Arbeitsplatzes und schnelle Verfügbarkeit der benötigten Daten und Werkzeuge. Für uns bedeutet das, unserer Unternehmensvision – allen am Bau Beteiligten alle Daten zu jeder Zeit an jedem Ort zur Verfügung zu stellen – einen großen Schritt näher zu kommen. Wir sind auf dem Weg in diese Cloud.

DETAIL: Herr Prof. Nemetschek, wir bedanken uns für das Gespräch.

Der deutsche Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai mit dem Titel »balancity« symbolisierte die Grundidee einer modernen deutschen Stadt und den Balanceakt, den sie zu bewältigen hat. Die begehbare dreidimensionale Skulptur der Architekten Schmidhuber + Partner, München, wurde mit Allplan geplant. Die Abstimmung mit Planungspartnern in Deutschland und China erfolgte auch über Austauschformate des CAD-Systems. Ebenso der Datentransfer zum Modellierwerkzeug Rhino, in dem ein 3-D-Modell erstellt wurde, das Stahlbau, Haustechnik, Innenausbau und Membran vereint.
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 4/2011

50 Jahre DETAIL - Konstruieren heute und morgen

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