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Essenziell und nonkonform: Wiener Gäste Zimmer

Auf unvorbereitete Besucher mag die provokant in Szene gesetzte Nacktheit der Räume zunächst wie ein kleiner Kulturschock wirken. Bei genauer Betrachtung entpuppen sich die fünf Gästezimmer jedoch als sinnlich ambitioniertes Kleinod, das die elementarsten Bedürfnisse feiert und dabei Werte verhandelt, die auf das Engste mit dem Ort und der Geschichte seiner Bewohner verknüpft sind: In den verschlungenen Räumlichkeiten der 1929 von seinem Großvater gegründeten ehemaligen Konservenfabrik forscht Erwin Gegenbauer heute mit leidenschaftlichem Mut zum Experiment nach der »Essenz« von Geschmack. Seine handwerklich hergestellten und qualitativ extrem hochwertigen Essigunikate werden aufgrund ihrer facettenreichen Aromen von Sterneköchen in aller Welt geschätzt.

Entsprechend oft ist der »Kulinarische Genussbotschafter Österreichs 2014« unterwegs. Die uniformierte Tendenz zur Überinszenierung vieler Unterkünfte verursacht jedoch ein Sättigungsgefühl: »Ich möchte keine Bedienungsanleitung lesen, bevor ich ein Hotelzimmer betrete. Ich möchte mich entspannen.« Mit der Einrichtung der »Wiener Gäste Zimmer« im ersten Stock seiner Essigbrauerei überträgt der per Eigendefinition »kleinste Essigbrauer der Welt« das Credo seiner permanenten Suche nach Reinheit wohl auch deshalb in einen eigenen, räumlich erzählenden Kontext.

Minimaler Komfort bei gleichzeitig maximalem Genuss ist für ihn dabei kein Widerspruch. Bio-Bettwäsche auf hochwertigen Matratzen, fließend warmes Wasser und — als stiller Höhepunkt — ein beheizter Toilettensitz gehören zu den wenigen offensichtlichen Annehmlichkeiten. Ansonsten beherrscht eine karge, fast klösterliche Einfachheit den Raum. Statt technologischer Verführungen entwickelt das Architektenduo heri&salli eine Art »Negativdesign«, das die Geschichte der ursprünglichen Bausubstanz sichtbar werden lässt. Die freigelegten Holzbalken und lokal gefertigten Ziegel tauchen das Zimmer in eine höhlenartige Atmosphäre.

Sämtliche Ausbaudetails tragen den charmanten Duktus der Improvisation. Gewöhnliche Baumarktmaterialien sind fantasiereich kombiniert und zu sinnlich erfahrbaren Lösungen jenseits des haustechnischen »Mainstreams« umfunktioniert: Akustische Signale begleiten nun jeden Lichtimpuls, komplett sichtbar verlaufende Stromwege enden in lose herabhängenden Dreiwegekupplungen, ausschließlich feinmotorisch zu bedienende »Armaturen« aus Standard-Hebelgriffen bestimmen die gewünschte Wassermenge und -temperatur.

Selbst das optisch dominierende, mittig im Raum platzierte Schlafmöbel will vom Gast entdeckt und erobert werden. Über Kreuz gestapelte, teilweise mittels Gewindestangen auf Abstand gehaltene, quadratische Kanthölzer mit einem Durchmesser von 8 x 8 Zentimetern fungieren als Bett, Ablage, Schreibtisch und Sitzfläche zugleich. Wie die einzeln in den Raum wachsenden »Bedienebenen« letztlich genutzt werden, bleibt jedem selbst überlassen. Weiteres Inventar ist nicht vorgesehen, der spartanische Entwurf ist als Solitär konzipiert.

In dem reduktionistischen Konzept für das Wiener Gäste Zimmer spiegelt sich Erwin Gegenbauers fundamentale Philosophie ressourcenschonenden Wirtschaftens genauso wie der Wunsch nach lebendigem Austausch: »Die Leute, die bei uns schlafen, sollen mit mir streiten. Sie sollen sagen, auf der Dusche ist kein Duschkopf. Dann sage ich, Gott sei Dank, weil ich den Duschkopf nach zwei Jahren nicht mehr anschauen kann, weil diese Modernität für mich so vergänglich ist.«

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Weitere Informationen:

Architektur/Design: heri&salli, www.heriundsalli.com
Bauherr: Erwin Gegenbauer, www.gegenbauer.at
Baubeginn:September 2014
Fertigstellung: Januar 2015

Eine ausführliche Dokumentation zum Wiener Gäste Zimmer finden Sie in unserer Ausgabe DETAIL inside 1/2015

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
INSIDE I1/2015

inside 1/2015

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