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Expertengespräch: Wie gestaltet man Zukunftskonzepte für altersgerechtes Wohnen?

Im Rahmen der Messe »Altenpflege 2016« in Hannover veranstaltete DETAIL deshalb zum Thema »Universal Living? – Internationale Konzepte für mehr Lebensqualität bis ins hohe Alter« unter anderem einen Roundtable mit Experten aus verschiedenen Fachbereichen.
Während diesem ersten Teil der Veranstaltung, die von Moderatorin Andrea Boysen, DETAIL München, begleitet wurde, waren die Teilnehmer zunächst unter sich. Als Einstieg in die Diskussion diente die Frage nach der eigenen Zukunftsvision fürs Alter. Keiner der Experten aus Politik, Architektur oder Sozialdienst sah sich selbst später in einer Pflegeeinrichtung. Im Gegenteil: die Visionen strotzten nur so von Gesundheit, Unabhängigkeit und Agilität. Dieses Phänomen ist allerdings universell. Kaum einer rechnet damit später pflegebedürftig und deshalb auf Hilfe angewiesen zu sein. Dabei sollte man in die Zukunft denken, damit eben jene eigene Vision näher an die Realität heran rückt – und man nicht letztendlich doch im ungeliebten Altenheim sein Dasein fristet.

Dass sich nicht nur die eigene Haltung, sondern auch die der Branche im Allgemeinen zu verändern hat, machte Frau Jasmin Arbabian-Vogel, vom interkulturellen Sozialdienst in Hannover, deutlich. Viele Einrichtungen weigern sich ihrem Bericht nach hartnäckig Veränderungen vorzunehmen bzw. überhaupt deren Notwendigkeit anzuerkennen. »Gesellschaftliche Realität ist auch«, so Arbabian-Vogel, »dass später nicht nur Deutsche, sondern auch viele Zuwanderer betreut werden müssen. Diese Zielgruppen werden momentan noch zu Hause von den Angehörigen gepflegt. Dieser Umstand muss zentraler Bestandteil der zukünftigen Visionen werden. Parameter wie Herkunft, Kultur, Lebensweise und Geschlecht sind wichtige Faktoren, die es gilt mit einzubeziehen!« Doch nicht nur Zuwanderer stellen im Gegensatz zu den bestehenden Angeboten andere Ansprüche an die Architekturkonzepte – nachkommende Generationen wie z.B die 68er oder die sogenannten „Alt-Rocker“ fordern ein viel selbstbestimmteres Wohnen.

Diese zunehmende Diversifizierung der Lebenslagen erfordert, so Christiane Feuerstein Architektin und Buchautorin aus Wien, die Entstehung von einem breiten Spektrum an Modellen und Projekten, die unterschiedliche Wohnformen und Unterstützungsangebote kombinieren, an Stelle der standardisierten Pflegeeinrichtungen. Die Entwicklung anderer Konzepte erfordert eben auch neue Denkweisen. Jarno Nillesen, von Wiegerinck architectuur stedenbouw in Arnhem, bekräftigte dieses Argument mit seiner Aussage, dass „der größte Fehler in den Niederlanden in diesem Bereich die Monotonie der Altenheime“ sei. Deshalb werden von Planern und Architekten neue Ideen gefordert – mit unterschiedlichen Ansätzen für Stadt und Land. Alle stimmten überein, dass man sich dafür auf neue, kreative Wege einlassen muss. Die Frage stand im Raum, wie genau so ein neues Konzept aussehen müsste, damit kommende Generationen dieses annehmen. Daniela Keck, vom Institut für Wohnen und Entwerfen an der Universität in Stuttgart, forderte »deshalb von der Linearität der früheren Bauten Abstand zu nehmen und Räume zu schaffen, die anpassbar sind, damit möglichst wenig Menschen gezwungen werden ihre gewohnte Umgebung zu verlassen«. Die Plötzlichkeit mit der Lebensveränderungen eintreten, da waren sich alle einig, muss bei der Planung berücksichtigt werden – sonst funktioniert keine der Zukunftsvisionen. Sinnvoll wurde von der Runde erachtet, dass einzelne, in ihrer Konzeption herausragende Pilotobjekte gezielt unterstützt werden sollten, anstatt eine massenhafte Förderung für stereotype Bauweisen auszuloben.
 
Dr. Thies Boysen, von der AVW Immobilien AG aus Hamburg, plädierte für eine stärkere Sensibilisierung der älter werdenden Generation, damit diese sich aufgrund der Unplanbarkeit schon von vorneherein in ein Umfeld begibt, das flexibel und vorausschauend für alle Fälle gerüstet ist. Da mit zunehmendem Alter die Länge der zurücklegbaren Wege oft abnimmt, gibt Christiane Feuerstein zu bedenken, gewinnen die nahräumlichen Qualitäten des Wohnumfelds, zu denen u.a. Geschäfte des alltäglichen Bedarfs und eine gute Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln zählen, an Bedeutung. Die Integration von Pflegeeinrichtungen in das nähere Wohnumfeld und eine bedarfsgerechte auf den einzelnen Fall zugeschnittene Organisation der Pflege, unterstützen die eigenständige und selbstbestimmte Lebensführung. Was zu dem Fazit führt: Da die Ausgangslage aufgrund der verschiedenen Einzelfälle so kompliziert ist, benötigt man verschiedene Wohnoptionen, die stärker auf die Bedürfnisse des Patienten als Individuum eingehen.

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Um genau für diese Einzelfälle verschiedene Konzepte zu skizzieren, teilten sich die Teilnehmer in drei Gruppen auf. Die Themen waren untergliedert in die Bereiche „Nachbarschaftswohnen“, „ambulante Pflege“ und „stationäre Pflege“. Dazu wurde diskutiert, eine grobe bauliche Skizze entworfen und anschließend im Plenum vorgestellt. Im Konzept der Nachbarschaftswohnform rückten die Personengruppen, die alleine sind, in den Fokus. Neun quadratische Gebäude, würfelförmig angeordnet, gruppieren sich um das Hauptgebäude in der Mitte. Dort befinden sich die Wohnung für die Senioren und die Tagespflege für diejenigen, die nicht stationär betreut werden müssen. Einer der wichtigsten Punkte sind hier die Interaktionsräume, in Form von einem Café, notwendigen Dienstleistungen wie Bank, Frisör und Supermarkt oder dem kleinen Park, der sich um das Hauptgebäude herum legt. „Diese Orte bieten Raum für Begegnung“, so Prof. Dr. Matthias Ottmann von Urban Progress aus München, der die Skizze seiner Arbeitsgruppe vorstellte. „Die wesentlichen Schwerpunkte dieser Skizze lauten Wahlfamilie, Bewahrung der Individualität und soziale Infrastruktur. Dieses Konzept, das die Alleinstehenden und Hilfebedürftigen in die Mitte nimmt, ist für alle Altersgruppen gedacht.“

An diesen Aspekt knüpfte auch das Konzept zur ambulanten Pflege an. Hier steht der Bestand als schützende, gewohnte Hülle im Mittelpunkt, um den sich dann ein Netz aus Nachbarschaft, Dienstleistungen und Kontakten spinnt. Verknüpft wird das Ganze mit dem neuesten Stand der Technik, Stichwort »Smart housing«. Hier könnte zum Beispiel über ein internes Netz Hilfe im Alltag angefordert werden. Um das zu ermöglichen und aufzubauen, muss sich auch die Architektur der umliegenden Bauten verändern, denn es wird in der Maßeinheit „Quartier“ gedacht. Die Aufgabe der Architekten ist hier vor allem der Umbau bzw. die Erweiterung des Bestands. Ein anderer Aspekt in diesem Konzept ist das Personal. Dieses sollte wenn möglich im Quartier leben und fachübergreifend geschult sein, so dass im Notfall immer eine Betreuung vor Ort verfügbar ist. Doch nicht nur in der beruflichen Ausbildung der Pflegekräfte vor Ort müssen verschiedene Zahnräder ineinander greifen. „Der demografische Wandel fordert eine ganzheitliche Betrachtung der Thematik an zentraler Stelle“, so Architektin Petra Alten vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit in Berlin, „von allen wird bei diesem Prozess Offenheit, Flexibilität und eine vorausschauende Politik erwartet, denn wer nimmt sich der Altenpflege an, die mehrere Ministerien betrifft? Im Zweifelsfall niemand – und deshalb setzt die Bundesregierung im Rahmen ihrer Demografiestrategie erste Impulse für den notwendigen fachübergreifenden Dialog  und fördert eine starke Sensibilisierung für das Thema.

Eine stärkere Sensibilisierung aller Partner ist auch für zukünftige Einrichtungen der stationären Pflege gefragt. Julian Weyer, von C.F. Møller Architekten aus Aarhus, stellte in dem Konzept der dritten Gruppe eine Prämisse in den Mittelpunkt: stationäre Pflege darf kein despektierliches Erlebnis mehr sein, das den Menschen aus seiner Umgebung und aus der Gesellschaft heraus reißt und in ein isoliertes Heim verlegt. Man muss diese Wohnform als Teil des Lebens akzeptieren und in andere Wohnformen integrieren. Dazu ist es wichtig, dass vor allem die einzelnen Institutionen wie Pflegeeinrichtungen, Wohnungsgesellschaften und stadtpolitische Gremien eng zusammenarbeiten. Ulrike Petersen, von der Hamburger Koordinationsstelle für Wohn-Pflege-Gemeinschaften der STATTBAU Hamburg, verwies in der Runde der Spezialisten darauf, dass es fließende Übergänge zwischen ambulanter und stationärer Versorgung in der Pflege gibt, die weniger starr sind als allgemein angenommen wird. Eine Versorgung kann auch kurzzeitig erfolgen und deshalb ist es unabdinglich, dass altersgerechte Wohnungen flexibel gestaltet werden müssen.

Der zweite Teil der Veranstaltung startete am Nachmittag im DETAIL Forum auf der Messe mit einer Vortragsreihe zum Thema altersgerechtes Bauen. Diesen eröffnete Christiane Feuerstein mit dem Thema »GenerationenWohnen im Quartier«. Sie stellte unter anderem die modern und offen gestalteten Wohnsiedlungen der »Stiftung Alterswohnungen Zürich« vor, die wie Implantate in das Stadtgebiet eingefügt worden sind. Im Stadtteil Affoltern entstand in Ergänzung zu den altersgerechten, barrierefreien Wohnungen ein neues lokales Zentrum mit einem Café und einem Eltern-Kind-Zentrum. Für Familien, die aufgrund zunehmender Mehrfachbelastung in Beruf und Familie einen immer komplexer werdenden Alltag zu bewältigen haben, sind leistbare Angebote, die im Quartier die Organisation des Haushalts erleichtern oder die Pflege von Kontakten unterstützen, attraktiv.

Julian Weyer veranschaulichte in seinem Vortrag, dass in Dänemark die altersgerechten Wohnformen nicht nur weiter gedacht, sondern auch umgesetzt werden. Ein Beispiel ist hier das Care Center Sølund in Kopenhagen, welches in den nächsten Jahren direkt am Wasser als große Wohnanlage für Senioren entstehen wird. Die Anlage wird 360 Pflegewohnungen, 150 Wohnungen für junge Menschen und 20 Einheiten für Senioren, die noch selbstständig sind beherbergen. Für das tägliche Leben sind im Erdgeschoss alle Dienstleistungen vorhanden, zusätzlich wird es eine Tagespflege geben. Der Komplex öffnet sich zur Wasserseite mit einem großen Garten, der zum Flanieren einlädt und als Treffpunkt dient. »Die Menschen haben dort sogar die Möglichkeit auf dem Dach ihr eigenes Gemüse anzubauen und es direkt unten in der eingegliederten Ladenzeile zu verkaufen. Alles ist fußläufig erreichbar – der Park ist das verbindende Element in der Mitte.«, so Julian Weyer über das Objekt.

Dr. Thies Boysen stellte in seinem Vortrag ein ähnliches, jedoch noch fiktives Konzept vor, in dem ein ausgedientes Kaufhaus in einer beliebig deutschen Innenstadt zu einem Service Wohnen umgebaut wird. Denn für ihn bedeutet dieses Wort nicht »einen Wohnkomplex am Rande der Stadt mit einer hellgelben WDVS-Fassade zu planen, sondern ein Quartier inmitten der Stadt.« Das Konzept sieht im Erdgeschoss den Einzelhandel mit Ärzten, Krankengymnastik und allem, was man zu der eigenen täglichen Versorgung braucht, vor. In den Stockwerken darüber und den innen liegenden Räumlichkeiten wurden Wohnungen für verschiedene Bedürfnisse um einen grünen, ruhigen Innenhof herum konzipiert. So bietet diese Anlage nicht nur einen Rückzugsort, sondern ermöglicht durch ihre präsente Lage in der Stadt auch eine Einbindung in die Gesellschaft.

Den Abschluss bildete Jarno Nillesen mit seinem Vortrag »Mensch Kopf Herz Hand. Raum für ein gesundes und glückliches Leben mit Demenz!«, in dem er sich für erlebbare Räume für Menschen mit Demenzerkrankung aussprach. Menschen mit Demenz kann durch Architektur geholfen werden, sich selbst, die Dinge und den Raum um sie herum durch bestimmte Details spürbar und (be)greifbar zu gestalten. »Demenziell erkrankte Menschen verlieren nach und nach die kognitive Ebene, weshalb für sie das ureigene Wesen viel wichtiger wird.« Deshalb muss die Architektur hier auf Erfahrungswerte aus der Vergangenheit der Bewohner zurückgreifen, die den Menschen das alltägliche Leben erleichtern. Das ist zum Einen eine gute Beleuchtung, die nicht nur tagsüber eine angenehme Atmosphäre schafft, sondern auch nachts Orientierung bietet. Kontrastfarben sind ebenfalls ein gutes Mittel, um bestimmte Bereiche in der Innenausstattung klar zu definieren. Die Toilette im Bad geradeaus sichtbar anzubringen (statt zum Beispiel hinter der Tür) und sich früherer Farbschemata (z.B. weiße Schüssel mit schwarzem Sitz) zu bedienen, sei enorm wichtig. So können Demenzkranke sofort erkennen, um was es sich hierbei handelt und in welchem Raum sie sich befinden. Nillesen wies zum Abschluss seines Vortrags darauf hin, dass diese Feinheiten der Innenausstattung bei Planern und Architekten kaum bekannt sind. Er forderte ein verstärktes Interesse für diese essentiellen Details der altersgerechten Wohnform.

Zusätzlich zu den Vorträgen konnten die Besucher während der gesamten Messedauer eine kleine von der DETAIL konzipierte Ausstellung besuchen, die ebenfalls im Messe-Forum aufgebaut war. Sie zeigte verschiedene Lösungsansätze und Projekte, wie mit dem Thema individuelle Alterswohnsitze umgegangen werden kann.

Altersgerechtes Bauen wird nicht nur die Architektur und Gesellschaft noch viele Jahre beschäftigen – eine Aufgabe für alle ist hier das Aufbrechen der veralteten Denkmuster. Dass der Wohlfühlfaktor und die Technik dabei immer wichtigere Komponenten werden ist unbestritten.

Kooperationspartner des Experten-Roundtable und DETAIL Forums auf der Altenpflege:

 

 

 

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