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Hadi Teherani, Interview, Fassade

Fassaden müssen emotional sein – Interview mit Hadi Teherani

Der Architekt Hadi Teherani prägt mit seinen Bauten Stadtbilder auf der ganzen Welt. Sein ganzheitlicher Entwurfsansatz kommt dabei auch im Kontext mit Fassaden zum Tragen. Eine »perfekte« Fassade ist für Teherani nicht nur funktional, sondern spricht auch emotional an und ist damit weit mehr als die bloße Hülle eines Gebäudes. Mit Katharina Sommer sprach er über zeitgemäße Gebäudehüllen.  Katharina Sommer: Die Hülle eines Bauwerks trägt maßgeblich zu dessen Identitäts-Bildung bei. Was macht eine »perfekte Fassade« in Ihren Augen aus?

Hadi Teherani: Das Bild des Gebäudes im Straßenraum manifestiert den Inhalt der Architektur und den Anspruch, der an sie gestellt wird. Die Fassade liefert damit nicht allein die notwendige bauphysikalische Abschirmung, sondern sie bringt im Zusammenspiel mit der Form und den Öffnungen des Gebäudes die komplexe architektonische Zielsetzung zum Ausdruck. Ein Passant, der keine Gelegenheit hat, das Innere des Gebäudes kennenzulernen, kann einen Eindruck davon gewinnen, was hinter der Fassade vor sich geht. Die Qualität im Inneren wird im äußeren Erscheinungsbild sichtbar und spürbar. Der Anspruch an die Fassade umfasst damit das gesamte ganzheitliche Spektrum der Architektur.

Erläutern Sie doch anhand eines Ihrer Projekte, welche Rolle die Fassadengestaltung in Ihrer Arbeit spielt.

Es gibt keine logische Trennung zwischen verschiedenen Entwurfs- und Planungsphasen. Mit den allerersten Ideen ist auch die Fassade schon mit im Spiel, ebenso wie erste Vorstellungen zu Raumkonfiguration und Interior Design. Wie in einer musikalischen Komposition lassen sich einzelne Passagen nicht für eine spätere Bearbeitung vorläufig ausklammern. In unterschiedlichen Projektphasen variieren lediglich die Bearbeitungstiefen. Bei den Tanzenden Türmen in Hamburg musste die Fassade die Gebäudedynamik wie selbstverständlich umsetzen. Bei den Kranhäusern in Köln bestand die Aufgabe von Anfang an darin, die unterschiedlichen Typologien der Hochhäuser zu veranschaulichen, aber auch die Gesamtwirkung des dreiteiligen Ensembles.

Sie vertreten einen ganzheitlichen Ansatz, der von der Architektur bis hin zu den Details sowie einzelnen Designprodukten reicht, die Sie jeweils ausgehend von der Architektur entwickeln. Wie Konzipieren Sie in Ihrem Büro eine Fassade?

Mit der Entwurfsidee steht von Anfang fest, in welche Richtung wir die Fassade entwickeln wollen. Das Konzept leitet sich aus dem Innenraum und dem städtebaulichen Zusammenhang ab. Gerade die Materialität der Fassade muss die vorhandene Umgebung reflektieren. Das heißt nicht, dass die einzig richtige Lösung grundsätzlich in der Anpassung besteht. Variation und Kontrast sind weitere sinnvolle Möglichkeiten, sofern der Entwurf die Voraussetzungen dafür aus der Aufgabe mitbringt.

Bei den Materialien in der Fassadengestaltung sind heute immer weniger Grenzen gesetzt. Welche Materialien und Funktionen reizen Sie bei der Fassadenplanung besonders?

Neue Materialien reizen immer. Fortschritte in der Entwicklung der Materialien ermöglichen neue Freiheiten in der Gestaltung. Davon ist jeder Architekt und Designer fasziniert. Glas, dessen Transparenz regelbar ist, reduziert den Wärmeeintrag auf ein Minimum. Corian ermöglicht eine neue leichte Ästhetik und eine subtile Beleuchtung. Bei Keramik faszinieren mich die dreidimensionalen Strukturen, Oberflächen, Farben und Texturen. Damit eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten, um den aus energetischen Gründen zwangsläufig höheren Anteil geschlossener Fassadenflächen zu gestalten.

Welche Prämisse gilt für Sie im Zusammenhang mit Fassaden? »Form follows Function« oder »Function follows Form«? Oder anders formuliert: Legen Sie den Fokus primär auf kreative Ästhetik oder spielen Funktionserfüllung und die Einbindung in das urbane bzw. ländliche Umfeld eine Rolle?

Anders als der Künstler steht der Architekt stets vor der Aufgabe, dem Alltagsgebrauch eine Form und einen Rahmen zu geben. Wenn man dafür eine griffige Gleichung sucht, kann das nur »Form follows Function« sein. Trotzdem geht es dabei auch um die Form, um Emotion, Ausstrahlung und Identität. Identitätsstiftende Gebäude verlangen eine eindeutig definierte, anschauliche Architektur mit funktionalen Vorteilen, aber vor allem emotionaler Ausstrahlung. Überzeugende Architektur ist darum immer auch Form gewordene Sinnlichkeit.

Techniken wie der Digitaldruck eröffnen verblüffende und nahezu unbegrenzte ästhetische Möglichkeiten. Dies gilt auch und gerade für keramische Fassaden. Bevorzugen Sie dabei projektspezifische Sonderfertigungen oder arbeiten Sie auch mit hochwertigen Standardlö-sungen oder sehen Sie eine »friedliche Ko-Existenz« beider Denkschulen?

Das hängt immer von der jeweiligen Situation und Aufgabenstellung ab. Schon die Möglichkeiten der Standardlösungen schaffen im Detail einen sehr weiten Spielraum. Man muss also nicht in jedem Fall mit einer absoluten Neuheit oder Sonderfertigung arbeiten. Trotzdem liegt es mitunter nahe, die Möglichkeiten des Materials weiterzuentwickeln, wenn eine besondere Bauaufgabe oder Situation Anlass dafür geben.

Gibt es bestimmte Gebäudetypen bzw. »Situationen«, für die Sie sich Keramikfassaden vorstellen könnten?

Gerade bei großen geschlossenen Flächen von Museen, Einkaufswelten und Wohngebäuden erlaubt die Keramik einen Weg zurück zu einer filigranen Kleinteiligkeit und Proportionalität, die bei großen »monumentalen« Projekten schnell verlorengeht. Der besondere Reiz liegt für mich aber auch im edlen, besonders anspruchsvollen und dauerhaften Auftritt dieses Materials.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Agrob Buchtal

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