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Gesundheit in der Stadt

Die junge Forschungsdisziplin der Neurourbanistik befasst sich mit der gebauten Umwelt und ihrer Auswirkung auf die menschliche Psyche. Heutzutage zieht es immer mehr Menschen in Großstädte. Laut UN-Bericht sollen bis 2050 bereits 68% der Bevölkerung weltweit in Städten leben – aktuell sind es knapp über 50%. Städte sind attraktiv – schließlich bieten sie ihren Bewohnern ein Potpourri aus Arbeits- und Kulturangeboten sowie der gesellschaftlichen Teilhabe. Städte gelten als innovative Hotspots, in denen in kürzesten Zeiträumen neue Ideen getestet und entwickelt werden. Wer am Puls der Zeit leben möchte, zieht in die Stadt. Die zahlreichen Möglichkeiten, die Städte bieten, bringen gleichzeitig aber auch eine Vielzahl an negativen Faktoren mit sich: Die Dichte an Menschen, Bauten und Verkehr produziert Lärm und Emissionen. Der öffentliche Raum wandelt sich zum Transitraum und verliert seine Aufenthaltsqualitäten. Mit der zunehmenden Nachverdichtung und Versiegelung verschwinden die Nischen und grünen Oasen der Stadt. An dieser Stelle setzt die Neurourbanistik an – dabei handelt es sich um ein interdisziplinäres Forschungsgebiet bestehend aus Experten aus der Stadtforschung, Neurowissenschaften, Soziologie, Philosophie und Geographie an der Charité Berlin.

Beeinflusst die Stadt die menschliche Psyche?
Die Wissenschaftler der Charité beschäftigen sich mit den Auswirkungen von urbanen Veränderungen auf die Stadtbewohner. Wie stark werden wir durch unsere Städte jeden Tag aufs Neue beeinflusst? Welche Aspekte spielen dabei eine Rolle? Psychologen wiesen bereits nach, dass das Leben in Städten psychische Erkrankungen verursachen kann. Die Anonymität kann zur sozialen Isolierung führen, wodurch das Risiko, an einer Depression zu erkranken, steigt. Welche konkreten städtischen Faktoren aber die Ursachen für welche psychische Erkrankungen darstellen, ist bisher kaum erforscht.

Eine erste methodische Annäherung an das Themenfeld zeigt das Zonenmodell von Ernest W. Burgess. Der Soziologe strukturierte Anfang des 20. Jahrhunderts an der Chicagoer Schule die Stadt anhand von fünf Ringen. Innerhalb dieser Ringe wurden unterschiedliche Bevölkerungsgruppen nach Wohnsitz und Beruf eingeteilt. Zudem wurden die Zonen baulich charakterisiert. Die Forschung zeigte auf, dass es eine ungleiche Verteilung der Bevölkerungsschichten gab: Während der sozioökonomische Status im baulich dichten Stadtkern sehr niedrig war, steigerte er sich stadtauswärts bis hin zur wohlhabenden Einfamilienhaus-Peripherie. 1939 untersuchten die beiden Forscher R.E.L. Faris und H. Warren Dunham in ihrer Studie »Mental Disorders in Urban Areas« die Verteilung von psychisch kranken Menschen in Chicago. Hier deckte sich die Forschung mit dem Zonenmodell von Burgess: Die Aufnahmezahlen psychisch Kranker waren im Zentrum deutlich höher als am Stadtrand. 1965 wurde die Studie »Inzidenz seelischer Erkrankungen« in Mannheim durchgeführt, die eine Übereinstimmung mit den Forschungsergebnissen von Burgess, Faris und Dunham ergab. Zeigt sich damit bereits vor über 50 Jahren ein erster Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status, der Psyche und dem Wohnort?

Mit dem technischen Fortschritt haben sich Stadtstrukturen bis heute maßgeblich geändert, sodass sich soziale Durchmischungen verstärkt durchsetzen. Dennoch treten Faktoren für psychische Erkrankungen weiterhin auf. Liegt dies an den Folgen von Gentrifizierungsprozessen, die zu einer Segregation führen oder am Städtebau bzw. den Infrastrukturen, die auf eine hohe Wirtschaftlichkeit ausgelegt sind? Neben solchen Aspekten untersuchen die Forschenden im Neurourbanistikzentrum anhand drei unterschiedlicher Themenfelder mögliche weitere Ursachen: Interaktion zwischen Mensch und städtischer Umgebung, Merkmale von Stadtstress und Sozialisierung, Prävention und Therapie. Ziel der Untersuchungen ist es, den Stadtstress zu kartografieren und daraus Lösungsvorschläge für eine neue Stadtgestaltung abzuleiten.

Charta der Neurourbanistik
Aus den ersten Forschungserkenntnissen ist eine Charta der Neurourbanistik entstanden, in der Empfehlungen an Stadtpolitiker und Planende gegeben werden. Dabei geht es um unterschiedliche Faktoren, wie beispielsweise die bauliche Dichte einer Stadt. Die Forscher kamen zum Schluss, dass eine dauerhaft räumliche Enge bei Bewohnern einen Stresszustand erzeugt. Daher wird ein gekonnt eingesetztes Maß an Dichte in Städten vorgeschlagen. Um soziale Isolation zu umgehen, empfehlen die Forscher öffentliche Plätze zu schaffen, die niedrigschwellig und von einer Vielzahl an Menschen nutzbar sind. Diese Orte bieten Raum zum Experimentieren, zum Verweilen und können zugleich aktivierend wirken. Dabei kann es sich um Grünflächen, Parks, Spielplätze und Sport- und Kultureinrichtungen handeln, die im Idealfall fußläufig erreichbar sind. Mit solchen kurzen Wegen steigt die Nutzung des öffentlichen Raums, Mobilitätsmuster ändern sich und Menschen aus unterschiedlichen Kultur- und Alterskreisen treffen vermehrt aufeinander. Sozioökonomisch durchmischte Quartiere fördern zudem eine vielfältige Stadtgesellschaft. Darüber hinaus sehen die Vorschläge der Forschenden verstärkt eine Teilhabe der Bürger in Stadtprozessen vor.

Die Charta gibt einen Einblick in das komplexe Zusammenwirken zwischen Stadt und der menschlichen Psyche. Statt einer maximalen Auslastung der Flächen sollte insbesondere heutzutage der Fokus auf einen Städtebau mit qualitativ hochwertigen und grünen Stadträumen gesetzt werden. Dennoch sind die Empfehlungen in der Charta sehr vage formuliert. Welcher Dichtefaktor wäre beispielsweise der richtige für Köln, Hamburg oder München? Konkrete Aussagen hierzu fehlen bisher. In den nächsten Schritten ist eine Umsetzung von Projekten und Interventionen vorgesehen. Darüber hinaus soll eine emotionale Karte Berlins erstellt werden.

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