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Heidelberger Panoptikum

Wenn Politik, Wirtschaft, Bürger, Architekten und Historiker aufeinanderprallen, kann am Ende eigentlich nichts Konstruktives dabei herauskommen. Anschaulich beweist sich das am aktuellen Fall der geplanten Erweiterung der Heidelberger Stadthalle - und deren Aus nach monatelangem Gezänk und Gezerre.

So hätte sich das nächtliche Heidelberg laut der Visualisierungen vor der Überarbeitung des Siegerentwurfs präsentiert. Alle Bilder: karl + probst Architekten

Werner Franke ist einer, der mit Lokalpolitik ansonsten wenig am Hut hat. Der Helmholtz-Professor für Zellbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und bundesweit bekannter Dopingexperte sagte allerdings das Ende der langwierigen Planung schon im Vorfeld voraus: „Die mit völlig unrealistischer heißer Luft gefüllte Stadthallen-Kongresszentrums-Neubau-Blase“ werde mit großer Wahrscheinlichkeit platzen.

Geplatzt ist sie gestern, der Bürger hat es so gewollt. Die Heidelberger wollten, dass ihr Heidelberg für alle Zeiten so aussieht, wie es sich jetzt präsentiert, vor allem die weltberühmte Ansicht vom Neckar auf die Altstadt mit der historischen Stadthalle – die allerdings für Kongresse und Veranstaltungen größeren Kalibers hinten und vorne nicht mehr ausreicht – und so wiederum wirtschaftlich gesehen, um nicht alle Veranstalter an andere Orte mit modernen Zentren abwandern zu lassen, dringend eine Erweiterung gebraucht hätte.

Aber zum Anfang: Nach ausführlichen Standortanalysen hatte sich Heidelberg dazu entschlossen, einen Wettbewerb für den Neubau eines Kultur- und Konferenzzentrums in unmittelbarer Nachbarschaft der alten Stadthalle auszuschreiben. karl + probst Architekten, München, haben seinerzeit den Wettbewerb für sich entschieden, gegen prominente Konkurrenz wie Chipperfield, Delugan Meissl, Bolles+Wilson etc. Der Entwurf wurde zur Umsetzung empfohlen, alle Beteiligten waren zuversichtlich.

Prominent, aber durchaus angepasst - der ursprüngliche Entwurf für den Erweiterungsbau.

Doch wenig später hagelte es erste Proteste von Bürgerbewegungen, die darauf hofften, dass der Gemeinderat das Projekt kippen würde. Mitte März 2010 gab es eine klare Entscheidung für das Projekt im Gemeinderat, darauf wurden Listen für einen Bürgerentscheid ausgelegt, um das Vorhaben dennoch auszubremsen. Der Bürgermeister, Dr. Eckhart Würzner, erkannte den Ernst der Lage, gab erstmal vorsorglich den Architekten die Schuld an den Protesten, gab bekannt, dass er „verstanden“ hätte und ließ den Entwurf überarbeiten.

Federführend bei den Gegnern des Erweiterungsbaus war die „Bürgerinitiative Erweiterungsbau Stadthalle Stopp!“, kurz „Biest“ getauft. Das Biest also, das die Schöne Heidelberg retten wollte. Ein alternativer Standort für ein neues Kongresszentrum auf dem Neubaugebiet nahe des Bahnhofs wurde schon im Vorfeld verworfen, das Projekt wäre zu teuer gekommen.

So gibt’s nun unter dem Strich gar nichts, außer Freude bei Biest und Frust beim Bürgermeister, der sich außerordentlich enttäuscht über den Ausgang des Bürgerentscheids am 25. Juli 2010 gegen den Bau zeigt. Knapp 1000 gegen das Projekt gerichtete Bürger gaben den Ausschlag, monatelange Planungen, Wettbewerb, Überarbeitung etc. waren letztlich für die Katz.

Nach der Überarbeitung mit Suchbildcharakter: Entsprechende Begrünung des Neubaus hätte die Prominenz der alten Stadthalle gesichert.

Und passenderweise – die Problematik war zuletzt auch in Dresden großes Thema angesichts des Hickhacks um die Waldschlösschenbrücke – hat auch in Heidelberg das Thema Unesco Weltkulturerbe mitgespielt, den Heidelberg zwar nicht hat, aber gerne hätte – und für den der Kongressbau die Chancen sicherlich geschmälert hätte. Andererseits: Zukunftsorientiertheit und Fortschritt unter Berücksichtigung alter Bestände einfach auszublenden, wird wohl auf lange Sicht auch nicht im Interesse aller Heidelberger sein können, denn: Wie viele Rothenburgs ob der Tauber wird das Land wohl langfristig noch verkraften bzw. brauchen?

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