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Foto: Yves André

Hölzerne Reminiszenz: Neue Regionalbibliothek in Spiez

Am Fuße einer Hangkante, unweit vom malerischen Ufer des Thunersee im Berner Oberland, ruht das zweigeschossige Flachdachgebäude von bauzeit Architekten. Die neue Regionalbibliothek liegt eingebettet in ein hügeliges Panorama aus Rebhängen, der Bucht des Alpensees und dem Gebirgsmassiv des nördlichen Alpenrandes, in der Gemeinde Spiez. Die Gesamtanlage einschließlich der Gebäudekubatur legt sich winkelförmig an die geneigte Straßenführung und bildet mit ihren beiden Schenkeln das Bindeglied zwischen der Gemeindeverwaltung und dem Schulzentrum Längenstein. Somit fügt sich das Volumen städtebaulich bedacht in das Ensemble der bestehenden öffentlichen Bauten ein.

Im Herbst 2014 wurde die Regionalbibliothek im Kanton Bern nach eineinhalb Jahren Bauzeit eröffnet. Hinter der homogenen Gebäudehülle des Solitärs befinden sich divergente Nutzungen, die lediglich durch die horizontal zweigeteilte Fassade sowie die separierten Eingänge nach außen getragen werden: Im Erdgeschoss liegt die Bibliothek einschließlich der sogenannten Ludothek, aus welcher Denk- und Unterhaltungsspiele ausgeliehen werden können. Der einladende Vorplatz der räumlich gefassten Eingangssituation hebt sich aufgrund des Plattenbelages von dem asphaltierten Straßenverlauf ab. Die variierenden Formen der unregelmäßigen Pentagone greifen die Gebäudesilhouette auf und bezeugen die sorgfältige Ausarbeitung des ursprünglichen Wettbewerbentwurfes.
Das Obergeschoss beherbergt Verwaltungsräume für den Sozialdienst der Gemeinde. Eine ostseitig angelegte Rampe führt direkt vom Parkplatz zum gesonderten Eingang des Verwaltungstraktes.

Die Bauherren der Gemeinde Spiez legten besonderen Wert darauf, zertifiziertes Holz aus kontrollierter Forstwirtschaft des Schweizer Waldes zu verbauen. Der heimische Rohstoff wurde in Holzsystembauweise bei den Wänden und Geschossdecken, im hellen Innenausbau sowie der hinterlüfteten Fassade verarbeitet.
Die signifikant vertikale und zugleich subtile Rhythmisierung der Holzfassade erweist sich als eine visuelle Hommage an das traditionelle Handwerk der Zimmerer wie auch Autoren. In die Holzkanten, die zudem als Beschattungselemente dienen, sind insgesamt 172 Buch und- Spieltitel eingekerbt, welche mit den ungleichen Breiten und Typografien an die bunte Vielfalt der Buchrücken in einem Regal erinnern. Diese Analogie, entwickelt von der Designerin Susanne Dubs, entstand nicht nur im Bezug auf die Nutzung, sondern insbesondere aufgrund der Reflexion zu den alten Oberländer Holzbauten der Region. Diese sind liebevoll mit von Hand geschnitzten, filigranen Friesen und Schriftbändern verziert. Die Motive und das dunkel gegerbte Holz erzählen von vergangenen Zeiten. Der Neubau von bauzeit Architekten greift diese Tradition in zurückhaltender Fasson auf, indem die typografischen Titelvorlagen dreidimensional - mal als Positiv, mal als Negativ –  computergesteuert in das Holz gefräst wurden. Diese zeitgemäße und vergleichsweise preisgünstige Vorgehensweise verweist auf den Wandel der Technik und verbindet somit moderne und traditionelle Gestaltungsprozesse in einem Element. Außerdem profilieren sich die Buchtitel durch die verschiedenen Tiefen je nach Lichtverhältnissen und kommen reliefartig modifiziert zum Vorschein. Auch die witterungsbedingten Spuren im Holz sind ein willkommener Fortgang, der die Fassade mit der Zeit lebendiger erscheinen lässt.

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Der verglaste Windfang im Erdgeschoss vermittelt sogleich den offenen sowie lichten Charakter des Hauses und schafft innen mit der wegweisenden Signaletik einen wohlartikulierten ersten Überblick. Hinter dem Empfang und einem kleinen Kaffeebereich reihen sich die Bücherregale entlang der Fassade und werden zwischendrin durch Leseplätze mit Blick ins Grüne aufgelockert. Auch die einladende Ludothek ist mit natürlichem Licht und wohnlichen Sitzgelegenheiten ausgestattet.
Der feine Umgang mit Holz kommt auch im Innenbereich wieder zum Vorschein: Raumseitig verkleidende Dreischichtplatten aus Fichte oder Tanne sowie die hellen Holzlatten der Akustikdecken knüpfen an die Thematik der regionalen Bautradition an. Nichttragende Zwischenwände erlauben einen flexiblen Umgang mit den Grundrissen, welche den Bedürfnissen entsprechend individuell angepasst werden können. Einzig der raumtrennende Kern mit Technik, Toiletten, Kaffeebereich sowie dreiläufiger Treppe ist fester Bestandteil des Konzeptes und schiebt sich gleichermaßen durch beide Geschosse. In der oberen Etage gelangt man durch die Mittelgangerschließung in sämtliche an die Fassade gerückten Räumlichkeiten, wie Büros, Aufenthalts- und Besprechungszimmer.

Der vorbildliche Umgang mit dem einheimischen Rohstoff, die einfühlsame Auseinandersetzung mit regionalen Bautraditionen, wie auch die interdisziplinäre, gelungene Zusammenarbeit der einzelnen Fachbereiche tragen dazu bei, dass der kommunale Neubau der Gemeinde dort nicht mehr wegzudenken ist. Zusätzlich bietet die Bibliothek Raum für diverse Ausstellungen, kulturelle Veranstaltungen sowie Lesungen für Klein und Groß.

Das Büro bauzeit Architekten wurde schon 2009 mit dem Holzpreis Schweizer-Prix Lignum für den beispielhaften Umgang mit Holz bei dem Forstwerkhof der Burgergemeinde Biel BE ausgezeichnet.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 6/2016
Fassaden

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