You are using an outdated browser. Please upgrade your browser to improve your experience.

print article Artikel drucken

Im Tempel des Ich: Ausstellung über Künstlerhäuser in München

„Das Künstlerhaus als Gesamtkunstwerk“ lautet der Untertitel einer Ausstellung, die noch bis März 2014 in der Villa Stuck in München zu sehen ist. Gezeigt werden 20 Bauten aus den Jahren 1800 bis 1948, die über das Ego ihrer Schöpfer genauso Auskunft geben wie über deren ganz persönliche Sehnsuchtsorte – von Pompeii über Japan bis zum eigenen Garten vor der Haustür.

Ort: Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, D-81675 München
Dauer: 21. November 2013 bis 2. März 2014

Wohn-und Atelierhaus von Konstantin Melnikow
Wohn- und Atelierhaus von Konstantin Melnikow in Moskau, Foto: Richard Pare, ©VG Bild-Kunst, Bonn

Als „Künstlerfürst“ wurde der Münchener Maler Franz von Stuck zu Lebzeiten gefeiert. Gemessen an den Versteigerungserlösen seiner Werke haben ihm heute seine Zeitgenossen von Edouard Manet über Paul Gauguin bis Ferdinand Hodler zwar längst den Rang abgelaufen. Doch zumindest in München lebt sein Nachruhm in Form eines selbst geschaffenen Tempels fort: Die Villa Stuck an der noblen Prinzregentenstraße zählt zu den europaweit wichtigsten Beispielen für Wohnhäuser, die bildende Künstler als Gesamtkunstwerk erschaffen haben. Äußerlich in ein fast puristisches neoklassizistisches Gewand gekleidet, präsentiert sich der Bau im Inneren von schwelgerischer Opulenz, mit Goldmosaiken, edlen Hölzern und natürlich den oft in düsteren Farben gehaltenen Wandmalereien Stucks.

Heute ist die Villa Stuck ein Museum – und widmet zum 150. Geburtstag des Künstlers dem Typus „Künstlerhaus“ eine umfassende Ausstellung. Insgesamt 20 Gebäude vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts werden in Form von Fotografien, Gemälden und Originalobjekten in der Ausstellung präsentiert. Darunter sind Beispiele bekannter Künstler-Architekten wie das John Soane’s Museum in London, das Red House von William Morris in Bexleyheath bei London sowie die Wohnhäuser von Victor Horta in Brüssel und von Konstantin Melnikov in Moskau. Der weitaus größte Teil der Bauten stammt jedoch von Malern – darunter einige heute weltbekannte wie Claude Monet, Max Ernst und Georgia O’Keeffe, aber auch solche, deren Ruhm heute eher verblasst ist wie der US-Amerikaner Frederic Edwin Church oder der britische Historienmaler Sir Lawrence Alma-Tadema.

William Morris: Red House, Bexleyheath
William Morris: Red House, Bexleyheath<br>Foto: National Trust Images / Andrew Butler
Glaskuppel im Künstlerhaus von Victor Horta in Brüssel<br>Foto: Bastin & Evrard / Brussels

Das Haus als Tempel und Privatmuseum

Interessant ist die Ausstellung, weil der hier präsentierte Bautypus mehr beinhaltet als nur Wohnraum: Die Künstlerhäuser sind „Haus, Atelier und Schöpfungsort, künslterisches Experiment, Inspiration und Kulisse“, wie es im Begleittext zur Ausstellung heißt. Sie dienen meist auch als Galerie und Privatmuseum und bisweilen sogar als eine Art Mausoleum für das Gedenken an die Vergangenheit.

Vor allem viele der frühen Künstlerhäuser wurden wie Museen um die Privatsammlungen ihrer Schöpfer herumgebaut – egal, ob diese nun aus antiken Fundstücken bestehen wie bei John Soane, aus Hunderten arabischer Fliesen wie bei dem Londoner Historienmaler Lawrence Alma-Tadema oder eben aus eigenen Werken. Nicht selten geben diese Sammlungen, aber auch der Stil der Häuser, Auskunft über den jeweiligen Sehnsuchtsort der jeweiligen Künstler – sei es das antike Pompeii, Japan oder – wie im Falle des Impressionisten Claude Monet in Giverny - der Seerosengarten jenseits der Terrassentür.

Sir John Soane's Museum, London
Sir John Soane's Museum, London<br>Foto: Derry Moore
Leighton House, London
Leighton House, London<br>Foto: Justin Barton

Spielwiese für Vergangenheits- und Zukunftssehnsüchte

Im Grunde bis zum Anbruch des Art Nouveau sind auch die Künstlerhäuser stets Zitate und Collagen vergangener Architekturstile. Dann jedoch tauchen – angefangen mit Victor Horta - immer mehr Beispiele auf, bei denen sich Künstler ganz ohne offensichtliche Vorbilder an neuartigen Fusionen von Kunst und Architektur versuchten. Die radikalsten Vertreter dieses Genres sind sicher der „Merzbau“ von Kurt Schwitters in Hannover (1923) und der kurze Zeit später in Jesteburg in der Lüneburger Heide entstandene „Kunsttempel“ des Künstlerehepaares Jutta und Johann Michael Bosshard.

Nicht alle in München gezeigten „Häuser“ dienten tatsächlich dem Wohnen – der Merzbau etwa war ein reines Atelier, und auch bei der Villa des Brüsseler Malers Fernand Khnopff stellt sich die Frage, wie der Künstler in diesen durch und durch musealen Innenräumen wohl gelebt hat. Kurze Zeit nach Khnopffs Tod wurde die Villa jedenfalls abgerissen.

Die Villa Khnopff ist nicht das einzige Beispiel für ein heute verloren gegangenes Künstlerhaus, das in der Münchener Ausstellung dokumentiert ist. Eines wurde sogar nie realisiert: das leicht gigantomanische Projekt einer wiederaufgebauten Ritterburg samt mittelalterlichem Dorf unweit des Malojapasses, das der Graubündner Freiluftmaler Giovanni Segantini kurz vor seinem Tod 1900 projektierte.

Merzbau von Kurt Schwitters in Hannover
Merzbau von Kurt Schwitters in Hannover<br>Foto: Wilhelm Redemann, ©VG Bild-Kunst, Bonn
Atelierhaus und Garten des Malers Jacques Majorelle in Marrakesch
Atelierhaus und Garten des Malers Jacques Majorelle, Marrakesch<br>Foto: Jardin Majorelle, Marrakesch

Nicht jedes Haus wird plastisch erlebbar

Entsprechend heterogen ist auch das in der Ausstellung gezeigte Material: In chronologische Reihenfolge wird jedes Haus in einem eigenen Kabinett mit großformatigen Fotos und ausführlichem Text präsentiert, wobei die Qualität der Aufnahmen stark schwankt. Bisweilen lassen sich Aufbau und Charakter der Häuser so kaum nachvollziehen, zumal Grundrisse und andere Pläne (leider) fast durchweg fehlen. Die Präsentation wirkt dadurch etwas zweidimensional und bisweilen blass.

Die große Ausnahme sind naturgemäß die Wohnräume Franz von Stucks selbst, die am Ende des Ausstellungsparcours das 20. Künstlerhaus in der Reihe bilden. Sie lassen die intensive Atmosphäre erahnen, die auch in den meisten anderen Künstlerhäusern herrschen (oder geherrscht haben) muss und die Intensität, mit der sich die Persönlichkeit von deren Entwerfern im Gebauten vermittelt.

Einige Fragen offen lässt auch der von den Kuratoren gewählte historische Ausschnitt. Ist der Typus „Künstlerhaus“ mit Ende des 2. Weltkriegs verschwunden, oder lebt er in gewandelter Form weiter? Es wäre interessant gewesen, am Ende der Ausstellung der Frage nachzugehen, wie Künstler heute leben und welche Rolle die Idee des Gesamtkunstwerks in ihrem Wohn- und Arbeitsumfeld noch spielt.

Jakob Schoof

 

Zu sehen sind u.a. Gebäude von:
John Soane, William Morris, Frederic Lord Leighton, Edwin Church, Lawrence Alma-Tadema, Louis Comfort Tiffany, Claude Monet, Gustave Moreau, Giovanni Segantini, Victor Horta, Ferdinand Khnopff, Jutta und Johann Micahel Bosshard, Kurt Schwitters, Konstantin Melnikov, Theo van Doesburg, Jacques Majorelle, Georgia O’Keeffe, Max Ernst und Franz von Stuck

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 1+2/2014

Bauen mit Holz

Zum Heft
Shop-Empfehlung
Anzeige

ARCHITEKTUR & DESIGN

Detail Newsletter

Wir informieren Sie regelmäßig über internationale Projekte, Neuigkeiten zu Architektur - und Designthemen, Research und aktuellen Veranstaltungen in unserem Newsletter.