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Informeller Urbanismus – Bürger machen Stadt

Der Informelle Urbanismus ist eine Gegenperspektive zum üblichen Planerblick. Aus Stadtentwicklungssicht verweist der Begriff auf eine Fülle von Aktivitäten, die zur Stadtentwicklung beitragen, ihr aber bisher kaum zugerechnet oder als strategische Bausteine anerkannt wurden. Wie nutzen und gestalten wir die Räume in der Stadt? Und wer bestimmt darüber? Die Ausgabe 2.2014 der Zeitschrift „Informationen zur Raumentwicklung“ des Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung widmet sich dem Thema "Informeller Urbanismus". Dabei handelt es sich – wie der Titel bereits vermuten lässt – weniger um formelle Planungsverfahren als um das Engagement der Bevölkerung, die mit eigenen Projekten das Zusammenleben in der Stadt gestalten, sei es mit Kultur- und Sportprojekten, gemeinschaftlichen Wohnformen, Bürgerläden oder Gemeinschaftsgärten. Solche Projekte entstehen nicht aufgrund von Maßnahmenkatalogen der Stadtplanung, sie gründen vor allem auf Alltagsbedürfnissen.

Der Mellowpark in Berlin Köpenick – aus einer informellen Nutzung ist ein groß angelegter Sport- und Jugendpark geworden (Bildrechte: Stephanie Haudry)

Unter den Begriff Informeller Urbanismus wird in der Publikation „eine spezifische Form der Raumproduktion und Raumnutzung verstanden, die im städtischen Alltagsleben wurzelt und ihre Anlässe weniger in der Anbindung an formelle Planungsverfahren als in der Befriedigung praktischer Bedürfnisse hat,“ erläutert Stephan Willinger, BBSR, in der Einführung. Manche dieser Aktivitäten, wie Urban Gardening oder Zwischennutzungen rücken mittlerweile näher an die offzielle Stadtplanung heran, andere Aktionen oder Prozesse wie Trendsportarten oder Offene Werkstätten lassen sich nur schwierig integrieren. Zum betrachteten Handlungs- und Aktionsfeld der informellen Strukturen zählen u.a. auch Kulturprojekte, selbstorganisierte Sportgelegenheiten für Jugendliche, Gemeinschaftsgärten, Dorftreffs und Bürgergruppen, Läden zur Erhaltung der Nahversorgung, selbstverwaltete Wohnprojekte, Bürgerbusse, FabLabs und Repair Cafés, Bürgerenergiegenossenschaften und Bürgerstiftungen, ebenso Bürgerinitiativen und Occupy-Gruppen.

Die Publikation wirft ein Schlaglicht auf zivilgesellschaftliche Projekte und reflektiert den Widerhall, den diese Aktivitäten in der Stadtgesellschaft hervorrufen. Gegen welche Aspekte offizieller Stadtentwicklung richten sich heute die Aktivitäten der Bewohnerinnen und Bewohner? Was ist die Motivation für das Engagement? Wie fördern die Projekte das Zusammenleben und die Integration? Dahinter steht auch die Frage, was die offizielle Planung vom informellen Urbanismus lernen und wie sie profitieren kann. „In europäischen und nordamerikanischen Städten werden immer öfter konventionelle Top-Down-Planungsansätze mit ihren tradierten Akteurskonstellationen hinterfragt. Aktuelle Konzeptionen urbaner Governance sehen die Produktion von Räumen nicht länger von den Planungen der Kommune ausgehend. Demnach entwickeln sich die Räume als Konglomerat von in weiten Teilen informellen Prozessen durch Eigeninitiative von unternehmerischen und zivilgesellschaftlichen Akteuren“, erläutert Stephan Willinger. „Dieses informelle Handeln von Akteuren und seine Bedeutung für die Stadtentwicklung lassen sich allerdings nicht so leicht auf den Punkt bringen. Es liegt geradezu in der Charakteristik des Informellen, dass es in einer Gegenposition zur offiziellen Stadtplanung, zumindest jedoch in einem toten Winkel entsteht.“

Die Autoren entwerfen die Vorstellung einer Stadtentwicklungspolitik, die sich für die vielen Möglichkeiten des Informellen öffnet. Die Beiträge betrachten das Thema aus verschiedenen Perspektiven und analysieren nationale und internationale Beispiele. Ausgehend von den langjährigen Erfahrungen informeller urbaner Prozesse in den „Dritte Welt“-Ländern, werden die Erkenntnisse auf die Entwicklungen in Mitteleuropa übertragen und sollen zu einem besseren Verständnis der vielfältigen Phänomene des informellen Urbanismus beizutragen. So wird die Aneignung des öffentlichen Raumes exemplarisch anhand politisch und sozial motivierter Protestbewegungen am Tahrir-Platz in Kairo, dem Syntagma-Platz in Athen, der Puerta del Sol in Madrid, dem Zuccotti Park in New York bis hin zum Taksim-Platz in Istanbul gezeigt; oder ebenso auch im kleineren Maßstab am Beispiels eines Jugendsportprojekts aufgezeigt. Die Darstellung der konkreten Projekte und Aktionen wechselt sich dabei mit analytischen Beiträgen ab, die die Hintergründe und Bezüge zu den Handlungsfeldern der Stadtentwicklung aufarbeiten.

Der Informelle Urbanismus stellt eine Gegenperspektive zum üblichen Planerblick: Die Stadt erscheint nicht als Ergebnis von Planung, sondern als spannendes Konglomerat aus Projekten und Initiativen, die positive Auswirkungen auf das Stadtleben haben.

Weitere Informationen zum Heft 2.2014 der Informationen zur Raumentwicklung des BBSR zum Thema „Informeller Urbanismus“

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