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Italienisches Design und internationale Märkte: Roberto Gavazzi bei der 15. Architekturgesellschaft

Was haben Indien und Europa gemeinsam? Einen konservativen Möbelgeschmack. Das hat aber ganz unterschiedliche Gründe, weiß Roberto Gavazzi, – und dass sich das auch bald (wieder) ändern wird, weiß er ebenfalls. Und auch, warum Männer Küchen lieben. Der Geschäftsführer des Designunternehmens Boffi kennt die Welt wie seine Hosentasche: ihre Märkte, ihre Kulturen, ihre Architektur. Er reist viel, schaut sich alles genau an und lässt sich dann inspirieren – für neue Projekte, Standorte oder Kooperationen. Es ist ein großes Wissen, das er dabei gesammelt hat, und das er mit uns teilt: Ein lebendiges Gespräch zwischen Roberto Gavazzi und Detail-Projektmanagerin Patricia Beck bildete den Mittelpunkt der 15. Ausgabe unserer Gesprächsrunde Architekturgesellschaft bei Boffi in München. Unsere bisherigen Ehrengäste – unter anderem Ritz Ritzer (bogevischs buero), Andreas Hild (Hild und K), Thomas Unterlandstättner (Unterlandstättner Architekten), Fabian Scheurer (designtoproduction) und Werner Frosch (Henning Larsen Architects) – sowie regelmäßige Teilnehmer hatten wir eingeladen, gemeinsam mit uns und Boffi unseren 15. „Geburtstag“ zu feiern. Dabei ging es diesmal nicht wie sonst um Themen von Architektur und Baukultur, sondern um einen Einblick in die Unternehmenskultur des Designunternehmens, dessen Herausforderungen manchmal denen von Architekten durchaus nahe kommen

Roberto Gavazzi von Boffi und Patricia Beck von Detail

Herr Gavazzi, überall in der Welt finden inzwischen Designmessen und –festivals statt. Ist das ein Risiko für Italien als Markt und Marke für Design?

Roberto Gavazzi: Es gibt durchaus clevere Newcomer, die viel von Design verstehen: Tokio, London und New York fordern Mailand als Designhauptstadt heraus. Und sie haben gute Karten, schließlich befinden wir uns auf einem globalen Markt. Diese Metropolen sind attraktive Städte, sie investieren viel Geld in ihr Design-Image, das nehmen wir zur Kenntnis, es bedeutet wachsenden Wettbewerb. Wir sind uns dieser Entwicklungen durchaus bewusst in Italien, und wir wissen, dass unser Land derzeit nicht gerade das beste Image hat. Aber wir fühlen uns noch recht gut in der Gegenwart verortet, ohne, dass wir es uns dort bequem machen würden. Doch was zum Beispiel Mode und Nahrungsmittel angeht, läuft es in Italien sehr gut, trotzdem müssen wir insgesamt selbstverständlich besser werden.

Wie wichtig sind Trends für Boffi, wie wichtig ist es, up to date zu bleiben?

Roberto Gavazzi
: Wir sind immer wachsam und versuchen, Trends zu antizipieren, kommende Bedürfnisse und Wünsche vorherzusehen. Ich reise viel, schaue mich um: Städte, Hotels, Museen, Restaurants – ich lasse mich inspirieren von Architektur, die für uns interessant sein könnten. Wohin geht die Reise bei den Autos, Materialien, Stilen? Wir wollen das Leben für die Menschen angenehmer machen, das muss auf eine intelligente, aufmerksame Art geschehen, wir dürfen dabei aber auch nicht zu schnell sein. Im Küchenbereich haben wir sehr lange Vorläufe im Gegensatz zu anderen Designobjekten. Bei einem Sofa braucht man drei bis vier Monate, bis der Prototyp steht, dann noch mal sechs, bis es in Produktion geht. Bei einer Küche dauert allein der Designprozess zwei Jahre, es gibt unzählige Prototypen, es ist sehr kompliziert, eine neue Küche zu entwickeln. Eine Küche behält man schließlich auch viel länger als andere Möbel, zwanzig Jahre oder mehr. Von der ersten Idee einer neuen Küche bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie im Schaufenster steht, dauert es rund vier Jahre. Wir müssen mit unseren Ideen also immer gut vier Jahre voraus sein.

Roberto Gavazzi und die Gäste der 15. Architekturgesellschaft

Sind Ihre Möbel eher funktional oder eher emotional?

Roberto Gavazzi: Ich würde sagen, unsere Möbel sind vor allem emotional. Selbstverständlich ist der Nutzen wichtig, wir verkaufen ein äußerst funktionales, technisch hoch entwickeltes Produkt: eine Küche. Aber vielleicht spielt gerade deshalb der emotionale Aspekt bei uns so eine große Rolle.

Also ist es wichtig, die Funktionen unsichtbar zu halten?

Roberto Gavazzi: Wir sind sehr darauf bedacht, etwas zu verkaufen, das perfekt funktioniert. Das ist selbstverständlich. Wir wollen aber auch, dass unsere Kunden noch mehr wahrnehmen als das: nämlich dieses besondere „Boffi-Gefühl“. Dazu gehört das Design, die Farbe, das Material – alles ist hier besonders. Diese Exklusivität ist viel stärker mit dem Design verknüpft als mit der Funktion. Eine Funktion kann jeder kopieren: Die Halbzeuge, die technischen Lösungen – all das kann man übernehmen. Aber selbst, wenn jemand unsere Produkte und unser Design kopiert, hat er noch lange keine Boffi-Küche. Denn in einer Boffi-Küche steckt eben noch viel mehr: die Entwicklung, die Kooperation mit den Designern, die Shops und die Events, die Marke, die Firmengeschichte, die Qualität – das alles ist Boffi. Und erst diese Werte zusammen machen den Wert einer Boffi-Küche aus.

Gäste der Architekturgesellschaft: Lisa Romswinkel, Nina Shell, Titus Bernhard, Thomas Unterlandstättner

Ist Ihre Zielgruppe weiblich? Oder haben Sie überhaupt eine bestimmte Zielgruppe?

Roberto Gavazzi: Nein, wir haben keine definierte Zielgruppe, wir bewegen uns ja schon am High-End des Marktes. Männer sind hier wichtig; je größer das Budget wird, umso mehr fällen die Männer die Entscheidungen. Das hat weniger etwas mit dem Geld zu tun, als damit, dass Männer dann anfangen, sich für die Details zu interessieren, die Küche wird für sie zu einem Spielzeug, mit dem sie spielen. Unsere Küchen sind eher maskulin als feminin, sie sind tough. Wir haben sehr unterschiedliche Kunden, manche kochen, manche kochen überhaupt nicht, manche haben eine Haushälterin, manche essen immer auswärts, wollen aber trotzdem eine schicke Küche – es gibt alles. Daher sind wir extrem flexibel, und wir investieren viel in diese Flexibilität.

Von einem italienischen Designer haben wir gerade gehört, dass Italien „in der Vergangenheit“ sitze, gleichzeitig aber seine „Kultur für die Produktion“ aufgebe. Was meinen Sie?

Roberto Gavazzi: Zum Teil stimme ich dem zu, zum Teil nicht. Ich glaube nicht, dass wir in der Vergangenheit leben oder stillstehen. Das mittlere Marktsegment leidet derzeit, in der Wirtschaftskrise, am meisten – aber nicht nur in Italien. Während es unten und oben am Markt relativ aktiv zugeht, haben viele Firmen, die das mittlere Segment bedienen, stark zu kämpfen. Der High-End-Bereich ist eher unabhängig von Krisen, außerdem gibt es hier einen hohen Exportanteil, der ihn stabiler macht für Schwankungen des Binnenmarkts. Zudem haben wir einen hohen industriellen Standard in Italien, im High-End-Bereich fürchten wir daher keine Konkurrenz zu günstig produzierenden Ländern.

Roberto Gavazzi und die Gäste der 15. Architekturgesellschaft

Dadurch ist die Abhängigkeit vom Kunden groß. Er bestimmt am Ende, was gekauft wird.

Roberto Gavazzi: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Letztlich ist es so: Alle Designer kommen nach Italien. Hier finden sie Firmen, die das Risiko tatsächlich eingehen, ihr Design zu produzieren. Die Unternehmen suchen immer nach neuen Lösungen für neue Produkte, nach Innovationen. In schwierigen Zeiten wie heute sind die Menschen jedoch viel konservativer eingestellt, sie wünschen sich vertraute Objekte mit sicheren Werten. Die Verbraucher wollen gerade keine Innovationen. Das ist aber nicht nur in Italien so, sondern fast überall in Europa. In Italien haben wir eher ein Ausbildungsproblem, unsere Designschulen sind nicht so gut. Früher hatten wir eine exzellente Designausbildung, heute sind andere Länder uns voraus. Da müssen wir ansetzen. Gleichzeitig brauchen wir mehr junge Unternehmer und junge Unternehmen, uns fehlt der Nachwuchs.

Sie expandieren auf dem asiatischen Markt, in diesem Sommer eröffnete Boffi den ersten Verkaufsraum in Indien. Indien ist ein schnell wachsender Markt. Wo liegt hier die Herausforderung für Boffi?

Roberto Gavazzi: Wir sind relativ präsent in den wichtigen Städten Asiens. In Indien haben wir lange nach der passenden Stadt und vor allem dem passenden Vertrieb für so ein kompliziertes Produkt wie Boffi gesucht. Schließlich haben wir einen Händler in Bangalore gefunden, mit dem wir ein Geschäft in Delhi eröffnet haben. Indien wächst nämlich nicht nur schnell, es ist auch sehr traditionsgebunden. Die indische Kultur ist sehr konservativ, für die Modeindustrie aber auch für den Interior-Bereich ist es sehr schwer, hier Fuß zu fassen. Es ist schwierig, unsere westlich geprägten Stile in Indien zu vermarkten.

Aber Sie haben es gewagt?

Roberto Gavazzi: Es wird Zeit und Mühe kosten, sich dort zu etablieren, aber Asien ist ein großer Markt und er entwickelt sich. Die lukrativeren Länder sind an der Küste des Fernen Osten, in Südkorea gibt es sicher die modernsten Städte. Aber auch Hong Kong und Singapur sind tolle Märkte für uns. In Indonesien gibt es einen weiteren großen Markt, dort wollen wir uns ebenfalls ansiedeln.

Außerhalb Italiens arbeiten sie mit vielen anderen italienischen Firmen zusammen. Hat das Auswirkungen auf die Kunden?

Roberto Gavazzi: Wir organisieren viele Events in unseren Showrooms, denn wir brauchen sie, um Publikum anzuziehen und unsere Produkte zu zeigen. Unsere Räume sollen noch lebendiger und dynamischer werden, denn wir präsentieren ja nicht nur Möbel, wir erzählen auch eine Geschichte. Die Kooperationen sind ein großartiger Weg, um Synergien zu erzeugen mit anderen phantastischen Unternehmen. Dadurch wird es einfacher, sich mit anderen italienischen Herstellern abzustimmen. Zudem arbeiten wir mit kleineren, lokal ansässigen Firmen zusammen, mit denen wir zum Beispiel die Produkte in den Ausstellungsräumen austauschen.

Herr Gavazzi, vielen Dank für das Gespräch.

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