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Jenseits von Musealisierung: Design-Neuheiten der imm 2014

Wolle, Leder, Holz: Im Premiumsegment der imm cologne 2014 setzte sich der Trend zu hochwertigen natürlichen Materialien fort. Diese werden jedoch von den Herstellern unterschiedlich interpretiert – je nach Marktausrichtung. Während viele der Italiener mit dunklen exotischen Hölzern, schwerem Leder und Marmor auf Kunden aus Russland, Nah- und Fernost zu warten scheinen, gestalten die deutschen Hersteller mit avantgardistischem Anspruch vor hellen Hintergründen minimalistische Materialcollagen. Pudertöne und zierliche Polstermöbel findet man bei den Franzosen ebenso wie bei den Skandinaviern, bei den Niederländern sind die Materialien zudem regional gewonnen und/oder ökologisch nachhaltig.

Böwer: Disc von Eric Degenhardt
Böwer: News 2014
Böwer: Porter von Eric Degenhard
Böwer: Drift von Eric Degenhardt

Eine Vielzahl an Re-Editionen ist nur ein Phänomen auf dieser ersten Möbelmesse des Jahres 2014: Die großen Hersteller fahren zweigleisig, denn sie wissen, dass wertvolle Materialien und Designklassiker nicht reichen, um Innovationskraft und Avantgardebewusstsein auszustrahlen. Deshalb gibt es hier beides: neues Design und reanimiertes. Der Retrotrend färbt aber auf die Formensprache ab: Die Polstermöbel – vor kurzem noch so ausladend, wie sie nur das Loft als Wohnform aufnehmen konnte – werden wieder schmaler und zierlicher.

Für innovatives Design im Materialbereich steht ohne Frage der diesjährige A&W-Designer des Jahres 2014: Werner Aisslinger. Die Eröffnung der ihm gewidmeten Ausstellung im Kölnischen Kunstverein mit anschließender Preisverleihung war das erste Highlight der imm cologne 2014. Da die Schau bereits in fast identischer Form in Berlin zu sehen war, verweisen wir an dieser Stelle auf unseren Artikel dazu. Aisslinger selbst hat für den A&W-Mentorpreis 2014 die Designerin Gesa Hansen nominiert, die mit ihrem Label The Hansen Family Möbel herausgibt und im Gespann mit zwei Partnerinnen in Paris als Hansen Feutry Biehr Interieurs und Sets gestaltet.

Werner Aisslinger, A&W-Designer des Jahres 2014
Aisslinger-Ausstellung im Kölnischen Kunstverein
A&W-Nachwuchsdesignerin 2014: Gesa Hansen
Möbel von Gesa Hansen in der Aisslinger-Ausstellung im Kölnischen Kunstverein
Arco: Tisch "Base" von Jorre van Ast, Holz aus regionalem Anbau
Arco: "Joy" von Arco Design
Arco: "Ease" von Vogtherr Prestwich
 

Es sind auch die kleinen designverliebten Mittelständler, die ihre Unternehmen – und Designer – unbeirrt von Marktschwankungen und mit klarem Markenbewusstsein durch die Stürme navigieren: So baut Richard Lampert aus Stuttgart seine Kollektion in einer nomadischen Jurte auf und ergänzt die kreisrunde Polstermöbelserie Tom um zwei dicke Poufs (Design: Alexander Seifried). Der niedersächsische Hersteller Böwer zeigt neue Tische von Eric Degenhardt, die – minimalistischen Skulpturen gleich – ihre Erscheinung mit jeder Position ändern. Hier wird auch immer wieder mit Herstellungstechniken und Materialien experimentiert: in diesem Jahr mit Marmor und perlmuttartigen Lackierungen – eine Referenz an den Trend zum Edelmetall? Das Berliner Unternehmen Schneider Schram, das mit Architekten wie Sauerbruch Hutton oder León Wohlhage Wernik zusammenarbeitet, konnte für den ultraleichten Holzstuhl Satsuma einen Interior Innovation Award gewinnen (Design: Läufer und Keichel) – eine Würdigung der Experimentierfreude produktvernarrter Ingenieure.

Richard Lampert: Serie Tom von Alexander Seifried
Schneider Schram: Satsuma von Läufer & Keichel
Tecta: M36 von Andree Weissert
 

Mit etwas weniger technisch innovativem Fokus wird diese auch bei den  großen Firmen nicht komplett aufgegeben: Gubi wird seine Zusammenarbeit mit jungen Designern wie Oliver Schick und Gamfratesi weiterführen; Walter Knoll zeigt das Beistellmöbel Isanka – und mit Grand Suite eines der selten gewordenen ausladenden Sofas auf der imm – vom langjährigen Partner EOOS Design. Ligne Roset präsentiert zahlreiche Neuheiten, unter anderem das richtungslose Schlafsofa Prado von Christian Werner und den quadratisch wachsenden Tisch Piu Grande von Claudio Dondoli und Marco Pocci. Und Cappellini stellt Jasper Morrisons neuen Cap Chair vor.

Kristalia bringt als „kleinen Bruder“ des Elephant-Chair den gefährlichen Sharky heraus, dessen Raffinesse in einem expressiven Verbindungselement von weicher Polyurethanschale und verstärktem Holzuntergestell besteht (Design: Neuland). Und Tecta arbeitet erneut mit dem „Gefühlsstatiker“ Andree Weissert zusammen, dessen neuer Tisch M36 auf die dynamische Konstruktion des U-Bahnviadukts der Linie 1 in Berlin-Kreuzberg zurückgeht. Ihn zeigt Tecta gemeinsam mit Möbeln von Stefan Wewerka: Dem im vergangenen Jahr verstorbenen, bis zuletzt humorvollen und feinsinnigen Genie ist im Ungers-Archiv in Köln eine eigene Ausstellung gewidmet.

Auch ein Designvorreiter wie COR muss nicht zurück schauen, um Klassiker zu produzieren: Seit fünfzig Jahren stellt man in Rheda-Wiedenbrück das Sofa Conseta her, dessen runder Geburtstag auf der imm gebührend gefeiert wurde. Neu ist hier das skandinavisch inspirierte Sofa Elm, das von der Gesamterscheinung bis zum sichtbaren Massivholzgestell mit subtilen Kontrasten spielt: außen klar und kantig, innen rund und weich. Seine Gestalter, die Stuttgarter Designer Jehs und Laub, entwarfen für das Schwesterunternehmen Interlübke aktuell auch Polsterbett und Kommode Mell. Neben dem Jubiläum wurde hier allerdings auch ein Abschied gefeiert: Nach zehn Ausgaben endet die Vergabe der COR-Journalistenpreise für designkritische Texte, die 2014 an Niklas Maak von der F.A.S. (1.Preis) und Jan van Rossem von der A&W (2.Preis) gingen.

Kristalia: Sharky von Neuland Industriedesign
Cappellini: Cap Chair von Jasper Morrison
Ligne Roset: Prado von Christian Werner
 
Walter Knoll: Grand Suite von Eoos Design
COR: Elm von Jehs & Laub
COR: 50 Jahre Conseta
 

Grenzen überschritt im doppelten Sinne die Präsentation von Het Nieuwe Instituut, einem Zusammenschluss dreier Design- und Kunstinstitutionen der Niederlande unter einem Dach. Im privaten Rahmen und unter der Obhut des Direktors der Art Cologne wurde die Intention des 2013 gegründeten Kulturinstituts vorgestellt, Disziplinen-übergreifend in den Bereichen Architektur, Design und E-Culture zu arbeiten: Hier war sie also – die zukunftsorientierte Aufbruchsstimmung zum Start ins Jahr 2014.

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Artikel zur imm cologne 2013:

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