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DETAIL Stipendium, Schüco, Stipendiat, Jonas Hamberger

Jonas Hamberger – DIE ÄSTHETIK DES KOMISCHEN

Unterwegs in unserer schier endlosen Agglomeration wandern wir vorbei an den perfekt gerasterten, in der Sonne glitzernden Bürofassaden entlang des Gleisfelds. An den Einfamilienhäusern mit ihren immer neuen Formen und Farben am Rande unserer Stadtgrenzen. Durch die unzähligen Bars mit ihrer ausgefallenen Beleuchtung und einer Masse an unterschiedlichstem Sitzmobiliar. Obwohl wir Vieles noch nicht begriffen oder gesehen haben, beginnen wir, unabhängig von einem Ort, uns aus einem Fragment ein inneres Gesamtbild zusammenzubauen. Eine Vorstellung, von welcher ausgehend wir Rückschlüsse auf alles nicht Gesehene beziehen.

Schließlich jedoch springt uns etwas anderes ins Auge. Eine Situation, ein Detail oder gar eine Architektur, die sich nicht richtig in unser selbst produziertes Bild integrieren lässt. Sie zeigt sich eigenartig, vielleicht sogar befremdlich, doch wir bleiben an ihr hängen und versuchen zu verstehen, was hier vor sich geht. Beginnen wir darüber nachzudenken, stellen wir fest, dass sie uns in gewisser Weise aufheitert, ja dazu anregt, über sie nachzudenken. Und schließlich merken wir, dass uns irgendetwas reizt an diesen komischen Dingen.

Doch was ist es, das uns am Komischen so fasziniert? Ist es das Interesse am Unverständlichen und die daraus folgende Nichtreproduzierbarkeit, wie sie Ákos Moravánszky den Bildern eines Kochbuchs zuschreibt? – »Die Nichtreproduzierbarkeit der präsentierten Gerichte erst schafft den Zauber des Bildes als Surrogat des Essens.« (1). Die fortwährende Anregung der Kreativität unseres Geistes und seine ständige Auseinandersetzung mit dem »Unverständlichen« halten eine Spannung in uns aufrecht, die bei vollkommener Erkenntnis erlischt. Das Komische also regt uns an, weil wir es nie richtig durchdringen werden.

Oder ist es unser neues Interesse am Authentischen als Ende der ständigen Überästhetisierung in der Architektur und als Beginn der Anerkennung und Annahme unserer heterogen errichteten Konglomerate? Als Einzug einer neuen Ästhetik in den architektonischen Dialog, die aus der wahrgewordenen apokalyptischen Dystopie von Koolhaas »Junkspace« resultiert, in der wir in einer vom Menschen »vermüllten« Welt leben, die mit dem »Verschwinden alles ‚Originalen‘, [und] der Geschichte an sich« konfrontiert ist (2)? Als Suche also nach angemesseneren Lösungen, die tiefer gehen als die reine Gestaltung von Raum und die gesellschaftspolitische und soziale Fragestellungen wieder stärker thematisieren.

Oder aber ist es schlicht der Ausbruch unserer selbst aus einer immer stärker strukturierten und normierten Gesellschaft – einer durchgetakteten und überorganisierten Welt, in der uns eine angelernte Ästhetik vorgibt, wie der nächste Bürobau und das nächste Einfamilienhaus auszusehen hat? Das Durchbrechen von Denkmustern unseres Alltags und die Suche nach mehr Diversität und Überraschung? Das Komische ist folglich so präsent, weil es sich durch das Loslösen aus einem System nicht schwächen lässt, sondern umso stärker manifestiert.

Enttäuscht stehen wir wieder am Beginn unserer Fragestellung. Möglicherweise ist es gerade diese Unwissenheit über das Komische, die uns auch in Zukunft wieder innehalten, aufhorchen und schmunzeln lässt. Letztlich wäre das Verstehen des Komischen vielleicht auch dessen Auflösung in sich.

(1)    Ákos Moravánszky, Lehrgerüste Theorie und Stofflichkeit der Architektur, gta Verlag, Zürich 2015, S. 148
(2)    Frederic Jameson, Reading Junkspace, Future City, New Left Review, Mai/Juni 2003

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