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DETAIL Stipendium 2018, Jonas Hamberger, Schüco

Jonas Hamberger – LEBEN IN EINEM PALÄSTINENSISCHEN FLÜCHTLINGSCAMP

Dheisheh ist eines der Flüchtlingslager, die 1949 als vorübergehende humanitäre Lösung zur Unterbringung palästinensischer Geflüchteter geschaffen wurden. Zu Beginn für 3.000 Geflüchtete südlich von Bethlehem im Westjordanland angelegt, beherbergt Dheisheh nach unterschiedlichen Angaben mittlerweile weit über 13.000 Menschen. Denkt man an Aldo Rossis Auffassung von »Stadt als Architektur« und somit von Architektur als »notwendiger Bestandteil der Kultur, [welcher] der menschlichen Gesellschaft ihre konkrete Gestalt gibt«(1), so erwartet man in Dheisheh den Charakter einer Architektur zu finden, die von einer »fortwährenden Flüchtigkeit« geprägt ist.

Stellen wir uns Flüchtlingslager vor, so ist die Ansammlung von Zelten eines der ersten Bilder, die uns in den Sinn kommen. Nach mehr als 60 Jahren seit seiner Gründung zeigt Dheisheh heute ein völlig anderes Bild: Von der anfänglichen Zeltstadt ist nichts mehr zu sehen. Überall stehen ausgemauerte Stahlbetonstrukturen, die oft unverputzt bleiben. Armierungseisen zur Aufstockung eines weiteren Geschosses ragen verrostet in den Himmel. Wassertonnen zieren die Flachdächer und endlose Kabel verbinden die einzelnen Adressen. Die Straßen sind eng und führen von der Hauptstraße im Westen steil den Hang hinauf. Der Ausdruck der Rebellion wird über die unzähligen Graffitis an den Mauern spürbar. Die Konglomerate aus einzelnen Bauteilen bilden einen dichten Stadtraum aus. Bedenkt man, dass sich Gesetze und Normen in der gebauten Umwelt manifestieren, so entstehen in Dheisheh räumlich historische Momente, wie wir sie in europäischen Städten nur noch in deren mittelalterlichen Zentren finden. Bei der Betrachtung ergibt sich ein Bild aus der Schnittmenge des Bedürfnisses nach räumlicher Qualität und den Eigenschaften der arabischen Herkunftsdörfer. Schließlich fordern kollektive Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten sowie das Leben auf den Märkten das von Armut und Unterdrückung herrschende Klischee eines Flüchtlingslagers heraus. Doch das Bild ändert sich nachts. Fast niemand ist mehr auf den Straßen unterwegs. Der Motorenlärm auf der Hauptstraße verstummt. Manchmal hört man Schüsse. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen – trotz der Zuständigkeit Palästinas für das Camp stürmen israelische Soldaten einzelne Häuser, um Jugendliche festzunehmen. Jugendliche, die laut israelischer Armee aufständisch sind. Immer wieder sterben Unbeteiligte bei den nächtlichen Durchsuchungen.

Unterhält man sich mit den Bewohnern von Dheisheh, erfährt man, dass Viele zurück wollen, zurück in die mittlerweile von Israelis bewohnten Dörfer. Auch nach 68 Jahren und trotz des Umstandes, dass viele jüngere Bewohner keine andere Heimat mehr kennen, scheint der Wunsch und auch ein wenig Hoffnung übrig geblieben zu sein, dass eine Rückkehr möglich ist. Das von der lokalen Architektin Sandi Hilal als »Narrativ der Rückkehr«(2) bezeichnete Phänomen, und seine damit verbundene »fortwährende Flüchtigkeit«, scheinen in den Köpfen und somit in der Architektur von Dheisheh verankert. Ibrahim, Bewohner von Dheisheh, bringt den gegenwärtigen, mit dem Status des Flüchtlingslagers verbundenen, geistigen Zustand und die daraus resultierenden Probleme für mich treffend auf einen abschließenden Punkt: »Dheisheh is like a bus stop. A bus stop, where the bus never stops.«

1 : Aldo Rossi, Die Architektur der Stadt, Birkhäuser Verlag, S.12
2 : Hans-Christoph Zimmermann: Schöne neue Lagerwelt, taz.de, 15. 7. 2013

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