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"Klimakapseln" in Hamburg

Noch bis zum 12. September zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg die Ausstellung „Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe“. Darin ist viel aufgeblasener Kunststoff zu sehen, aber kaum Hinweise, dass die Abkapselung von der Außenwelt zu einer tragfähigen Zukunftsvision in Zeiten des Klimawandels werden könnte.

Klimakapseln – dieses Thema besitzt in der Architektur einen eher angestaubten Charme. Man kennt sie schließlich, Buckminster Fullers Glaskuppelvisionen für Manhattan, Archigrams „Walking Cities“ und die aufblasbaren Kunststoffballons von Haus-Rucker-Co oder Coop Himmelblau. Aufgekommen ist das Thema zeitgleich mit der Mechanisierung unseres Innenraumklimas und – in Form massiver Schutzbunker – mit dem Wachstum der weltweiten Atomwaffenarsenale. Aus der Mode kam es, als sich die Gebäudeplanung wieder „natürlicher“ Methoden der Klimatisierung zuzuwenden begann und die NASA ihre Visionen permanenter, bewohnter Stationen auf anderen Planeten begrub.

klimakapsel, museum für kunst und gewerbe
Foto: Richard Buckminster Fuller, Shoji Sadao: Dome over Manhattan, um 1960

Warum also im Jahr 2010 eine Ausstellung über Klimakapseln? Ein Pressetext des das Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe versucht eine Antwort zu geben: „Der Wandel scheint unabwendbar, da die Politik zögert, verbindliche Maßnahmen für den Klimaschutz zu ergreifen, und die Bürger nur schwer zur Änderung ihres Verhaltens zu bewegen sind. So ist die Weltgemeinschaft aufgefordert, sich mit den Möglichkeiten der Anpassung an den Klimawandel auseinanderzusetzen. Die Ausstellung fasst erstmals historische und aktuelle klimabezogene Modelle, Konzepte, Strategien, Experimente und Utopien aus Design, Kunst, Architektur und Städtebau zusammen, die nicht das Ziel verfolgen, den Klimawandel aufzuhalten, sondern Visionen für ein Überleben in der Katastrophe entwerfen.“

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Foto: Haus-Rucker-Co: Oase Nr. 7, 1972/2010

Eine Stärke der Ausstellung ist es, dass Kurator Friedrich von Borries viele der Visionen, von denen er spricht, im Maßstab 1:1 ins Museum geholt hat. Oder an dessen Fassade: Über den Eingang ins Museum für Kunst und Gewerbe, einen historistischen und eher trutzigen Bau gegenüber dem Hamburger Hauptbahnhof, ließ von Borries einen Nachbau der „Oase Nr. 7“ von Haus-Rucker-Co montieren. Das österreichische Künstlerkollektiv hatte diese ursprünglich 1972 für die documenta in Kassel konzipiert.

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Foto: Michael Rakowitz: Bill Stone´s paraSITE shelter, 1998 Courtesy of the artist and Lobard-Freid Projects
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Foto: Lawrence Malstaf: "Shrink", 1995

Thematisch ist die Ausstellung in fünf Abschnitte gegliedert: Körperkapseln, Wohnkapseln, Urbane Kapseln, Naturkapseln und Atmosphärische Kapseln. Eine logische Abfolge eigentlich, vom Nahen und Intimen zum Entfernten, Komplexen und Weltumspannenden. Leider wird die Sequenz in der - auf zwei Ebenen im Museum verteilten - Abfolge der Säle nicht erlebbar. Man schlendert, oft etwas ratlos, von einem Wohn-, Fühl- oder Schutz-Kokon zum nächsten. Zu sehen sind reichlich luftgefüllte Plastikhüllen, doch nur wenig innovative Lösungsansätze für das Problem Klimawandel. Stattdessen haben sich die Künstler Gedanken über allerlei andere Fragen gemacht wie das Schicksal von Obdachlosen in den Städten (Studio Orta mit „Refuge Wear – Habitent“) oder die hautenge, an die Konfektionierung von Supermarktfleisch erinnernde „Verpackung“ des menschlichen Körpers (Lawrence Malstaf mit „Shrink“). Der Architekt Vincent Callebaut adaptiert (in „Lilypad“) die isolationistischen Ideen von Archigram an die steigenden Meeresspiegel unserer Zeit, fügt eine Prise Aida-Kreuzfahrtsschiff-Romantik hinzu und präsentiert das Ergebnis nun als „Floating Ecopolis for Climate Refugees“. Man fragt sich, welche Art Klimaflüchtling Callebaut wohl als Zielgruppe meint – vielleicht den gutbetuchten Wall-Street-Broker nach der Flutung seines Arbeitsplatzes mit Staatsmilliarden?

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Vincent Callebaut: Lilypad, 2008

Viele der gezeigten Objekte und Ideen regen auf ähnliche Weise zum Widerspruch an, weil sie eine überwunden geglaubte Strategie des Isolationismus und des Abschneidens von Naturkreisläufen vertreten. Manche wurden bereits in der Praxis erprobt und scheiterten – etwa das Projekt „Biosphere II“ in der Wüste von Arizona. Dieses als autark geplantes Riesen-Gewächshaus sollte die Stoff und Energiekreisläufe auf der Erde im Kleinen nachbilden, Pflanzen, Tiere und Menschen beherbergen. Es erwies sich jedoch schon bald als nicht überlebensfähig, da die Sauerstoffkonzentration in der Atemluft sank und der CO2-Gehalt im Gegenzug unkontrolliert anstieg.

klimakapsel, museum für kunst und gewerbe
Ilkkka Halso: Museum of Nature, ab 2000

„Einer kritischen Diskussion werden diese Technologien jedoch meist nur hinsichtlich ihrer technischen Machbarkeit unterzogen“, heißt es denn auch im Pressetext. „Ihre gesellschaftspolitischen Auswirkungen bleiben bislang weitgehend unreflektiert. Dabei sind sie von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Struktur der Weltgesellschaft. Im Versuch, Leben unabhängig von den klimatischen Außenbedingungen zu ermöglichen, befördern die genannten Strategien räumliche, soziale und politische Abkapselung. Vordergründig klimatologisch motiviert, führen sie perspektivisch zu In- und Exklusion auf der interpersonalen bis zur globalen Ebene. Soziale Segregation und globale Polarisierung werden begünstigt.“

In der Ausstellung selbst bleibt die angekündigte „kritische Diskussion“ jedoch ausgespart. Die Begleittexte beschränken sich aufs Beschreiben der Werke sowie auf Kurzzitate kluger Menschen wie Peter Sloterdijk oder Werner Sobek. Vielleicht erweisen sich die Referenten im Rahmenprogramm der Ausstellung oder von Borries selbst in deren Begleitbuch („Klimakapseln“, erschienen bei Suhrkamp) ja diskussionsfreudiger. Vom Museumsbesuch bleibt vor allem der Unterhaltungswert der Ausstellung in Erinnerung - und der Verdacht, dass pneumatische Raumhüllen aus Polyethylen wohl doch kein probates Gegenmittel gegen ein Amok laufendes Erdklima und weltweite Flüchtlingsströme sind.

Ausstellungsdauer: bis 12. September 2010
Ausstellungsort: Museum für Kunst und Gewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg
Website des Museums: www.mkg-hamburg.de

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