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Kollektive Wohnformen der Zukunft: Gemeinschaft im Superlativ?

Radikal, experimentell, teils provokant und auf alle Fälle schmerzlich an unseren bisherigen Wohngewohnheiten und -bedürfnissen rüttelnd sind die Entwürfe einer Studentengruppe der Architekturfakultät der TU München. Unter dem Titel »Urban Living Concepts – history and future of collaborative living« haben die Studenten unter der Leitung von Philipp Lionel Molter der Professur für Entwerfen und Gebäudehülle radikal neue Ansätze im Umgang mit Wohnen entwickelt. Die Abstufungen von Gemeinschaft und Privatsphäre werden dabei teils bis an ihre – aus unserer heutigen Perspektive – maximale Toleranzgrenze verschoben. Vermutlich sind die internationalen Studenten – viele davon selbst sogenannte urbane Nomaden – in ihrer Denke und ihren Erfahrungen mit temporären Wohnformen bereits schon einen Schritt voraus.

Zielsetzung der Semesterentwürfe war es, alternative Wohnformen zu schaffen, die ein Gegenkonzept zur urbanen Anonymität kreieren und deren Bewohner – Singles, Paare, Familien und ältere Menschen – auf Zeit zu einer echten Gemeinschaft werden. Dabei lag die Prämisse zugrunde, gleichermaßen einen Betrag dazu zu leisten, kostengünstige Wohnkonzepte mit einem reduzierten Pro-Kopf-Quadratmeterverbrauch zu entwickelt, sowie komfortable und lebenswerte Wohnbedingungen für die stetig wachsende Zielgruppe der urbanen Nomaden zu schaffen. Die Idee basiert auf einer Minimierung des privaten Raums durch gemeinschaftlich genutzte Flächen, die einen Mehrwert für alle Bewohner schaffen. Die moderne Arbeitswelt fordert immer mehr Flexibilität – nicht nur Singles, auch Familien und ältere Menschen stehen immer wieder vor der Herausforderung an einem neuen Ort, vielleicht auch nur für eine begrenzte Zeit, Fuß zu fassen. Welche Räume sind dafür erforderlich – baulich und virtuell? Die konzeptionellen Entwürfe zum Tema Shared Living wurden Anfang Februar im Rahmen einer öffentlichen Semesterkritik von den Studenten präsentiert und im Anschluss von Oke Hauser, MINI LIVING, Eva Becker, URBAN-X, Mark Stabel, UnternehmerTUM und Jakob Schoof, DETAIL, und natürlich Philipp Molter diskutiert.

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City of Minds (Quelle: Ineke Beysen, Michelle Hagenauer und Franziska Mühlbauer, TUM)

City of Minds
Ineke Beysen, Michelle Hagenauer und Franziska Mühlbauer haben eine Art Raummöbel entwickelt, das die privaten Zonen im Inneren auf ein Minimum beschränkt (Bett, Stauraum, Tisch). Die an den Außenseiten des Raummoduls angeordneten Nutzungen (Sitzecke, Esstheke) befinden sich bereits in einem semiöffentlichen Zwischenraum. Die einzelnen Module sind frei im Raum angeordnet, zwischen ihnen ergeben sich gemeinschaftlich nutzbare Zonen. Es entstehen fließende Raumübergänge, Zwischenräume und Interaktionsräume. Der komplette Grundriss scheint in Bewegung. Die dynamische Anordnung der Zonen spiegelt die Energie der Bewohner wider. Durch die maximale Reduktion des Privatraums auf lediglich ein Möbelstück, sehen die Gastkritiker den Entwurf auch als Beitrag für ein experimentelles Hotelkonzept. Nicht unkritisch gegenüber der eigenen Objektivität, gestehen sie aber auch ein, dass dieser radikale Ansatz möglicherweise bereits den Einfluss der schnelllebigen digitalen Welt auf die Architektur spiegelt. Architektonischer Raum sei immer eine Antwort auf den jeweiligen gesellschaftliche Zeitgeist – die fließenden Räume von City of Minds könnten demnach die bauliche Entsprechung der flüchtigen digitalen Welt darstellen.

Generations Co. (Quelle: Alexandra Huber, Ekaterina Vyrodova und Matjia Goljar, TUM)

Generations Co.
Einen Community Lifecycle mit unterschiedlich großen Wohnmodulen vom 15 m2 bis 74 m2 für verschiedene Zielgruppen schaffen Alexandra Huber, Ekaterina Vyrodova und Matjia Goljar. Die privaten Wohnmodule werden in Clustern zu Gemeinschaften angeordnet, junge Menschen leben dann gemeinschaftlich mit Menschen mit Einschränkungen, ältere Menschen leben zusammen mit Familien. Alle Gruppen sollen dadurch maximal von dem Miteinander profitieren, ohne sich gegenseitig durch unterschiedliche Aktivitäten oder zu starke Eingriffe in die Privatsphäre zu stören. Im Zentrum des Gebäudes befindet sich ein offenes Atrium, das alle Cluster und Geschosse als gemeinschaftliche Mitte verbindet. Es entsteht das Gefühl eines Dorfplatzes. Die Bildung von Sozialclustern und die Integration von Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen werden von den Juroren begrüßt. Der Entwurf erscheint, dank der relativ klassischen, privaten Wohneinheiten innerhalb der Gesamtstruktur, die mit Gemeinschaftsnutzungen ergänzt werden, als realisierbares Modell für eine hohe Personendichte mit geringer Pro-Kopf-Quadratmeterzahl und gleichzeitig hoher Wohnqualität.

Tangram Living (Quelle: Alessandra Zanchi, Lubna Al Sammak und Luisa Bauernfeind, TUM)

Tangram Living
Das chinesische Legespiel Tangram und japanisch reduzierte Wohngrundsätze haben Alessandra Zanchi, Lubna Al Sammak und Luisa Bauernfeind zur Grundlage für ihr gemeinschaftliches Wohnkonzept gemacht – adaptiv, flexibel, effizient und einfach. Durch Bauteile wie Schiebeelemente in unterschiedlichen Transparenzen, innenliegende Fenster, Vorhänge oder Raumteiler kann je nach persönlichem Wunsch der private oder der gemeinschaftliche Raum vergrößert werden. Unterschiedlich große private Wohneinheiten gruppieren sich um grüne Atrien und Gemeinschaftszonen. Die Bewohner haben über Klapp- und Schiebemöbel die Möglichkeit, ihren privaten Raum unterschiedlich zu nutzen und sie können diesen aber auch in öffentlichen Raum wandeln. Die privaten Zonen und Gegenstände verschwinden dann hinter Faltwänden. Der Clou dabei ist: Sind Bewohner nicht anwesend und verschließen ihre privaten Elemente, wird ein Großteil des Raums dadurch zur Gemeinschaftsfläche. Dies ist eine völlig neue Definition von geteiltem Raum, die bei der Jury Begeisterung hervorruft. Eine simple Idee, die jedoch einen absolut neuen Beitrag zum gemeinschaftlichen Wohnen liefert. Anstatt Einheiten zu verschließen, öffnen sich diese im ungenutzten Zustand, vergrößern den zur Verfügung stehenden Gemeinschaftsraum und lassen viel Tageslicht in die dahinterliegenden Raumzonen fallen.

Life at the Threshold (Quelle: Britta Dunning, Nora Hühnken und Carolin Weber, TUM)

Life at the Threshold
Der Entwurfsansatz von Britta Dunning, Nora Hühnken und Carolin Weber arbeitet ebenfalls mit unterschiedlichen Abstufungen von Privatheit. Überganszonen können je nach Bedarf durch Faltelemente den einzelnen Einheiten oder den Gemeinschaftsflächen zugeordnet werden. Der Grad an Privatheit variiert dadurch. Wohnmodule für Singles, für Paare oder für Familien werden geschossübergreifend geclustert, zwischen den privaten Wohnungen befinden sich größere Gemeinschaftsflächen. Farben, Höhenunterschiede durch Podeste und Treppen, Möbel, Sichtbeziehungen und Licht tragen dazu bei, Zonen zu definieren, ohne die Räume wirklich voneinander abzutrennen, wodurch eine hohe Nutzungsflexibilität entsteht. Besonders die nur 10 m2 großen XS-Einzelappartements werden von der Jury als provokanter Ansatz gesehen, das Thema der Dichte zu diskutieren. Bewohner der Mini-Appartements haben kaum Möglichkeit der Gemeinschaft aus dem Weg zu gehen. Ist dieser Zwang zur Gemeinschaft nötig, um eine Community entstehen zu lassen?

From Interior to Labyrinth (Quelle: Maria Cecilia Collet, Runkang Shi und Haokun Wang, TUM)

From Interior to Labyrinth
Noch radikaler zeigt sich der Entwurf von Maria Cecilia Collet, Runkang Shi und Haokun Wang. Die Anordnung und Variation von klapp- und faltbaren Raummöbel-Modulen funktioniert nur durch Kommunikation und Einigung zwischen den Bewohnern. Die Module können flexibel auf die Anzahl der Bewohner und deren aktuelle Bedürfnisse reagieren und entsprechend großzügige oder kleinteilige, offene oder geschlossene Zellen und Zonen ermöglichen. Nachteil – oder Vorteil, je nachdem wie man es sehen möchte – ist, dass dieses Wohnexperiment stark in den Wunsch des einzelnen eingreift. Das Kollektiv muss über die Anordnung der Module entscheiden. Jede Veränderung, Verschiebung oder Öffnung der Raumelemente, die gleichzeitig die Trennwände zwischen den Einheiten darstellen, hat eine Auswirkung auf mindestens den direkten Nachbarn, teilweise auf mehrere Bewohner der Nachbarzonen. Der Ansatz wird von der Jury deshalb auch weniger als realer Grundriss verstanden, sondern als unkonventionelles Denkmodell und Experiment, um die zumutbaren Grenzen von Gemeinschaft und Interaktion auszuloten. Wie stark muss sich das Individuum zurücknehmen, um eine funktionierende Community zu schaffen?

Intermediate Living (Quelle: Damaris Ingrid Kapp, Veronika Maier, Moritz Helmut Cappel, TUM)

Intermediate Living
Der Entwurf Intermediate Living von Damaris Ingrid Kapp, Veronika Maier und Moritz Helmut Cappel schafft es, für den konzeptionellen Sharing-Ansatz bereits eine denkbare räumlich-architektonische Form zu finden. Minimierte private Einzelmodule mit 9 m2 bis 18 m2 Flächen werden in WGs oder als Familienwohnungen gebündelt. Diese werden durch weitere Gemeinschaftsflächen im Inneren des Gebäude ergänzt. Vorhänge bieten die Möglichkeit, die Wohnatmosphäre zu variieren. Es entstehen verschiedene Layer von Gemeinschaften. Je nach Zielgruppe und Bedürfnissen (Studenten, Single/Paare, Familien) sind die Cluster und die dazugehörigen Gemeinschaftsflächen unterschiedlich ausgestattet. Formal präsentierten sich die privaten Einheiten streng nach geometrischem Raster, während die gemeinschaftlichen Nutzungen organischen Formen folgen. Im übertragenen Sinn wird so die Lebhaftigkeit und Aktivität der Gemeinschaft symbolisiert. »Take it, build it, live in there«, so das positive Resümee der Gastjuroren.

Urban Living Concepts_Semesterkritik (Fotos: TUM, Philipp Molter)

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