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Kristallpalast revived: Architektenwettbewerb in London

Nicht nur hierzulande grassiert das Rekonstruktionsfieber: In London soll Joseph Paxtons Kristallpalast wiederaufgebaut werden – am Originalstandort, als „Weltklasse-Kultureinrichtung“ und finanziert mit chinesischem Geld. Den Entwurf dazu soll ein britisches Architekturbüro liefern, das derzeit im Rahmen eines Verhandlungsverfahrens ausgewählt wird.

Der ursprüngliche Crystal Palace im Hyde Park (1851), The Crystal Palace from the northeast from Dickinson's Comprehensive Pictures of the Great Exhibition of 1851, published 1854.
Der ursprüngliche Crystal Palace im Hyde Park (1851), The Crystal Palace from the northeast from Dickinson's Comprehensive Pictures of the Great Exhibition of 1851, published 1854.


Die Chinesen bauen den Kristallpalast auf – nach Plänen von Zaha Hadid und Anish Kapoor. Oder David Chipperfield. Oder doch Richard Rogers? Was zunächst anmutet wie ein vorgezogener Aprilscherz, ist durchaus ernst gemeint, wenn man Londons Bürgermeister Boris Johnson und der in Shanghai ansässigen ZhongRong Company glauben darf. Letztere verkündete im Oktober 2013, dass sie 500 Millionen britische Pfund in den Wiederaufbau dieser Ikone des frühen Industriezeitalters stecken will.

Standort soll der Crystal Palace Park im Südost-Londoner Stadtteil Bromley sein. Dort wurde der Palast 1854 wiederaufgebaut, nachdem er drei Jahre zuvor bei der Weltausstellung im Londoner Hyde Park die Weltöffentlichkeit beeindruckt hatte. Über 80 Jahre blieb das seinerzeit größte Glashaus der Welt in Bromley stehen, bevor es 1936 einem Feuer zum Opfer fiel.

Seit Oktober haben die Chinesen Nägel mit Köpfen gemacht: Ein Bewerbungsverfahren wurde ausgelobt, bei dem 40 britische Büros ihr Interesse bekundeten. Denn dass Einheimische die Neuauflage des Palasts planen sollten, war für die Investoren und die Londoner Stadtverwaltung von Anfang an klar. Am 25. Februar wurde nun eine Shortlist von sechs Büros benannt, die in den kommenden Wochen zu Interviews eingeladen werden sollen. Sie besteht aus David Chipperfield Architects, Grimshaw, Haworth Tompkins Architects, Marks Barfield Architects, Rogers Stirk Harbour + Partners sowie Zaha Hadid Architects mit Anish Kapoor.

Prominente Vertreter ihrer Zunft sind die Nominierten allesamt – oder weniger freundlich ausgedrückt: die üblichen Verdächtigen. Die Besten, nicht die Größten, sollten den Palast entwerfen, hieß es schon im vergangenen Herbst bei der Auslobung. Um den Entwerfern den Kopf frei zu halten, liegt die gesamte technische und logistische Planung in den Händen des Ingenieurbüros Arup. Damit ist die Konstellation eine grundsätzlich andere als seinerzeit bei Paxton, der bekanntlich Gärtner war und den Auftrag für den Kristallpalast vorwiegend deswegen erhielt, weil er als einziger glaubhaft versichern konnte, den Riesenbau in der überaus knappen Planungs- und Bauzeit überhaupt realisieren zu können.

Crystal Palace, Rendering des rekonstruierten Gebäudes
Der "neue" Kristallpalast soll in den Originalmaßen rekonstruiert werden. Rendering: ZhongRong Company


Vorbild Grand Palais

Doch natürlich hat die Mitwirkung eines der weltgrößten Ingenieurbüros seine Gründe. Denn mit dem Kristallpalast 2.0 soll eben keine leere gläserne Hülle mit zweifelhaftem Innenraumklima entstehen, sondern ein vollwertiges Mammutbauwerk – 500 Meter lang, 50 Meter hoch und sechsgeschossig – für vielfältige kulturelle Nutzungen. Den Investoren schweben hier vorwiegend Ausstellungen vor, wobei sie unter anderem das Pariser Grand Palais – 1900 ebenfalls im Rahmen einer Weltausstellung entstanden – als Vorbild zitieren. Ferner seien Konferenzräume, ein Hotel, Galerien und Läden denkbar, heißt es in einer Projektbroschüre von Zhong Rong.

Londons Stadtpolitiker versprechen sich von dem Palast – so er denn gebaut wird – vor allem zweierlei Nutzen. Zum einen sollen hier 2000 Arbeitsplätze entstehen – 1000 auf der Baustelle und später 1000 weitere im und um das Gebäude. Zweitens soll der Neubau zum Schlussstein der schon länger geplanten Revitalisierung des 80 Hektar großen Parks werden. Dieser ist derzeit nur teilweise öffentlich zugänglich. Auf einem Teil davon wurde inzwischen ein Sportzentrum mit Schwimmbad errichtet (das auch weiterhin Bestand haben soll), während der Standort des einstigen Glaspalasts für die Öffentlichkeit gesperrt ist. Schon 1990 hatte das britische Parlament beschlossen, dass auf dieser Fläche, wenn überhaupt, nur ein Gebäude „im Geist“ des Glaspalasts errichtet werden darf. Diesen Beschluss wollen die Chinesen nun offensichtlich umsetzen.

Der Masterplan für die Neugestaltung des Parks stammt übrigens aus Deutschland. Die Landschaftsarchitekten Latz + Partner hatten schon vor einiger Zeit erste Pläne vorgelegt, die unter anderem eine Teilbebauung des Areals mit Wohngebäuden vorsahen. Diese sollen nun entfallen und stattdessen der Park „in seinem alten viktorianischen Glanz“ wiedererstehen.

Crystal Palace, geplanter "neuer" Standort im Crystal Palace Park im Südost-Londoner Stadtteil Bromley
Der "neue" Crystal Palace soll im Crystal Palace Park im Südost-Londoner Stadtteil Bromley errichtet werden. Dort wurde der Palast 1854 wiederaufgebaut, nachdem er drei Jahre zuvor bei der Weltausstellung im Londoner Hyde Park die Weltöffentlichkeit beeindruckt hatte. Rendering: ZhongRong Company


Eine Luftnummer ohne Inhalte?
Die Parallelen zwischen dem Londoner Glaspalast und dem Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses drängen sich geradezu auf: Hier wie da stand zunächst der Wunsch, eine Ikone der Vergangenheit wieder erstehen zu lassen – oder genauer gesagt: deren Hülle. Über die Nutzungen, die in den Gebäuden ihren Platz finden sollen, wurde bzw. wird erst später nachgedacht. Nachhaltiges Investment sieht eigentlich anders aus – doch es scheint, als lasse die Vergangenheitseuphorie bei manchem sonst kühlem Rechner die wirtschaftliche Vernunft in den Hintergrund treten. Schließlich handelt es sich beim Crystal Palace nicht um einen 5000-Quadratmeter-Bürobau, sondern um eines der größten Bauvolumen, das in den vergangenen Jahren in London neu entstanden ist. Entsprechend immens sind die Risiken.

Ohnehin wird man abwarten müssen, wie ernst es dem Investor Zhong Rong mit seinem Vorhaben ist. Schon in der Vergangenheit zeigte sich, dass sich Bauherren in spe – zumal aus Ostasien – gern im Glanz der Architekturprominenz sonnen und so frei nach Andy Warhol zu ihren „15 minutes of fame“ kommen. Später verschwinden die Pläne dann nicht selten in der Schublade.

Ganz auszuschließen ist es dennoch nicht, dass der Palast gebaut wird: Eine Sprecherin des mit der Wettbewerbsabwicklung betrauten Büros Colander versicherte, dass drei der sechs jetzt nominierten Büros schließlich im Rahmen einer Mehrfachbeauftragung tatsächlich Palastentwürfe anfertigen und dafür auch bezahlt werden sollten. Im Idealfall, so der Investor, werde Ende 2014 der Bauantrag gestellt und 2015 mit den Bauarbeiten begonnen. Die Fertigstellung soll dann frühestens 2018 sein.

Crystal Palace Park 2008
Crystal Palace Park 2008, London Borough of Bromley, Foto. Ewan Munro


Weitere Informationen


Zum Wiederaufbau des Kristallpalasts:
http://www.thelondoncrystalpalace.com/

Zum Architektenwettbewerb:
http://www.colander.co.uk/architectural_competitions/crystalpalace.html

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