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Kunst zum Anfassen: Serpentine Gallery Pavillion von Sou Fujimoto

Text und Fotos: Frank Kaltenbach

»The same procedure as every year«. Der legendäre Spruch, der durch das weihnachtliche »Dinner for One« zum running gag wurde, könnte auch für den Serpentine Gallery Pavilion gelten. Zum 14. Mal  (einer wurde nicht realisiert) haben die Direktorin Julia Peyton Jones und Ko-Direktor Hans Ulrich Obrist einen Architekten beauftragt, direkt vor der Galerie im Londoner Hyde Park einen Pavillon errichten zu lassen. 

Bei dem diesjährigen Serpentine Gallery Pavilion von Sou Fujimoto ist jedoch alles anders. Fujimoto ist mit 41 Jahren der bisher jüngste Serpentine Architekt.  Sein Pavillon setzt nicht auf optische Effekthascherei oder überfrachtete Theorie. Er ist kein weiterer Aufguss eines alternden Stars. Fujimoto ist nicht am Ende, sondern kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere. Diese frische Kraft und Unverkrampftheit spüren nicht nur Architekturbegeisterte, sondern auch beiläufige Passanten, die sich von der lichten Struktur in ihren Bann ziehen lassen.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Faszinierend ist die Einfachheit der Mittel, mit denen Fujimoto komplexeste Raumwirkungen durch Verdichtung und Auflösung erzeugt. Geometrischer und konstruktiver Ausgangspunkt ist ein dreidimensionales Koordinatensystem, in materialisierter Form 2 cm dünne verschweißte Stahlkantprofile. Daraus bildet der Japaner als Grundmodul Kuben mit 40 bzw. 80 cm Seitenlänge.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Überall dort wo diese Struktur zur Architektur wird, sprich mit Funktionen betraut wird, ertüchtigt Fujimoto das abstrakte Raster mit kaum wahrnehmbaren transparenten Elementen.

Im Dach sind als Regenschutz Teller aus Polycarbonat schuppenartig überlagert, die zu clusterartigen Schirmen werden. Die offene Struktur von Wolken möchte der Japaner mit seiner Installation nachbilden. Das gelingt ihm bei Sonne mit der weißen Stahlkonstruktion, durch die Verdichtung und Auflockerung seiner Module. Erst bei bedecktem Himmel kann man die Polycarbonatteller als graue Wischeffekte wahrnehmen, die die grauen Wolken verdichten.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Als Füllungen im Bereich der Böden verwendet er rutschfeste bedruckte Glasplatten, auf denen man bequemer sitzt als gedacht. Transparente Polycarbonatstreifen verhindern, im Bereich der Sitzstufen, dass Kleinkinder durch das dreidimensionale Raster fallen, auch dünne Rundstäbe als Absturzsicherung bleiben unauffällig.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Der Wechsel im Bodenbelag korrespondiert mit den Übergängen von Innen nach Außen. Die Glasplatten im Boden schaffen eine weitere Schicht entsprechend den Polycarbonattellern im Dach. Bei orthogonaler Aufsicht wirkt die Struktur filigran und klar.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Die Übergänge zum Himmel sind aufgelöst wie die Fransen eines dreidimensionalen Teppichs oder die Äste eines Baumes.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

In der Diagonalen beginnen die verschiedenen Abschnitte zu Strahlenbündeln zu oszillieren, Mit dem wechselnden Schlaglicht der Sonnenstrahlen zwischen den Wolken ergibt sich die dramatische Szenerie eines konstruktivistisch-futuristischen Theatre Russe. Anklänge an Friedrich Kieslers »Raumstadt« auf der Expositio des Arts Dècorative 1925 in Paris werden sichtbar.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

So verbindend und durchlässig die Struktur sein kann, bei Podiumsdiskussion für ein geladenes Publikum schirmt sie die Öffentlichkeit wie ein meterbreiter Stacheldraht ab, sind die drei Eingänge von wenig Aufsichtspersonal einfach zu überwachen.

Serpentine Gallery 2013

Mit Sou Fujimoto kommen gleichzeitig die japanischen Filmemacher nach London.

»Mein Ziel ist eine Architektur, bei der Materialien, Konstruktion, Oberflächen und Nutzung eine Einheit bilden, Bisher ist mir das leider nur beim »Final Wooden House« gelungen,« Mit dem Serpentine Gallery Pavilion ist Sou Fujimoto jedoch viel weiter gegangen. Auch das »Final Wooden House« besteht aus nur einem Grundmodul: aus dicken naturbelassenen Kanthölzern, die als Boden, Podest, Wand oder Dach eingesetzt sind. Zusätzliche Möbel gibt es auch hier nicht, die Struktur ist Hülle und Möbel zugleich. Räumlich thematisiert es den Kontrast zwischen einem kubisch gechlossenen Äußeren und einem höhlenartigen Innenraum. Der Serpentine Gallery Pavillion dagegen kennt kein Außen und Innen, Natur und Architektur fließen durcheinander ähnlich der topologischen Figur der Klein’schen Flasche. Zusätzlich wirkt die Gitterstruktur wie eine permeable Membran.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Die Erschließung des Baus richtet sich nach der vorhandenen Wegeführung. In einer Serpentine wird der Besucher wie durch einen offenen Tunnel durch den Raum geführt bis zum Eingang des historischen Galeriegebäudes. 

Von Süden scheint es gerade so, als wollte Fujimoto das Kreuz auf dem Altbau und die historischen weißen Sprossenfenster mit seiner Skulptur ins Endlose fortsetzen. Ob das wirklich zutrifft? »Am meisten war ich überrascht, als ich gesehen habe, dass mein Pavillion sehr gut zu den weißen Sprossen der Galerie passt!“ räumt Fujimoto bei seiner Lecture mit einem Schmunzeln ein.

Serpentine Gallery 2013

Im Grundriss ist der Pavillion fast kreisrund, in der Perspektive hat er von jedem Standpunkt eine gänzlich andere Erscheinung.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Wie auf den Skizzen und Modellfotios des Primitive House scheinen die Besucher im Gitterwerk  zu schweben.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Im regnerischen London wird die Westterrasse am Abend mit Blick auf die Serpentine Gallery zum bevorzugten Open Air-Solarium.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Die Menschen suchen sich ein ruhiges Plätzchen oder positionieren sich an einem der Eingänge, um die Neuankömmlinge und ihre meist emotionalen Reaktionen auf den Pavillon eingehend studieren zu können.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Der Nordausgang zur Galerie öffnet sich zu einem Baum, hier wird das traditionelle japanische Prinzip der »geborgten Landschaft« deutlich , wird die Umgebung direkt in die Komposition miteinbezogen. 

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Die Struktur wirkt wie ein Berg, Kinder werden magisch angezogen und sind kaum zu halten, wenn sie die höchste Stufe erklimmen möchten.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Es gibt aber auch Bereiche, wo das Dach wie Wolken über eine flache Landschaft hinwegzieht. Die Bäume im Hintergrund, die Wolken und die Öffnungen schaffen eine virtuelle, fast surreale Tiefe, in der Natur und Architektur wie in einem japanischen Holzschnitt miteinander verwoben sind.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Über der Tribüne schließlich öffnet sich der Raum in den Himmel, führt der Blick zurück unweigerlich zum Rollentausch. Aus dem Beobachteten wird der Beobachter.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Hier oben tritt die Horizontlinie extrem ins Bewusstsein, ergeben sich komplette, schlitzartige Durchblicke, aber nur gerade aus auf Aughöhe.

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto

Auf der Höhe der Baumkronen wirkt es fast befreiend dieser offenen und doch stringenten Ordnung entstiegen zu sein. Hier greift man gerne in das Gitter, denn durch den Glasboden erreicht der Standpunkt bereits schwindlige Höhen. Sou Fujimoto hat mit dem Serpentine Pavilion nicht die Architektur neu erfunden. Aber er hat einen Bau aus kantigen Stahlprofilen gedacht, der wirkt, als sei er mit einem Pinselstrich aufs Papier geworfen. Hier oben am Abgrund zwischen Architektur und Natur spürt man am besten die Poesie, die diesem Konzept innewohnt. 

Serpentine Gallery 2013 von Sou Fujimoto
Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 7+8/2013

Bauen mit Stahl

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