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La Ola am Harz: Die „Welle“ von Wernigerode

Schrumpfung und Sanierungsstau – diese zwei großen „S“ kennzeichneten lange Zeit die Situation in vielen ostdeutschen Klein- und Mittelstädten. Wie sich beiden Herausforderungen zugleich begegnen lässt, zeigt die Sanierung einer Plattenbausiedlung am Stadtrand von Wernigerode.

Als hätte es die postmodernen Diskussionen um das Erbe historischer Städte und das Weiterbauen an tradierten Strukturen nie gegeben, setzten die Stadtplaner der DDR noch Anfang der 80er-Jahre das Wohngebiet „Stadtfeld“ an den nordöstlichen Stadtrand von Wernigerode. Die schier endlosen, am Reißbrett zu Schleifen und Achtecken gewundenen Wohnblocks hatten rein gar nichts mit der historischen Struktur der Stadt am Harz zu tun. 1990 lebten in den 2200 Wohneinheiten gut 4000 Menschen – rund ein Neuntel der gesamten Stadtbevölkerung.

Sanierung Plattenbau in Werninerode, Altbestand
Der Plattenbau vor der Sanierung

Beliebt war das „Stadtfeld“ nach der Wende allenfalls aufgrund der Tatsache, dass hier bezahlbarer Wohnraum zu finden war. Doch die Nachteile wurden allmählich unübersehbar: Die Grundrisse waren ebenso unzeitgemäß wie der energetische Standard der Plattenbauten vom Typ IW 64. Viele Menschen zogen fort, und die, die blieben, waren häufig Ältere und finanziell schlechter Gestellte. Ein klassischer Teufelskreis aus sinkenden Mieteinnahmen und steigendem Sanierungsdruck kündigte sich an.

Seit 2009 steuerten die Kommune sowie die beiden Eigentümerinnnen – die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GWW und eine Wohnungsgenossenschaft – mit einem integrierten Gesamtkonzept für die Siedlung gegen deren Verfall. Die Ingenieurgesellschaft BBP Bauconsulting und die Planer des Stadtbüros Hunger, beide aus Berlin, zeichneten für die Konzeptentwicklung verantwortlich.

Plattenbau in Werninerode nach der Sanierung

Weniger ist mehr - bei der Wohnfläche und beim Energieverbrauch
Hans-Jürgen Gaudig, Geschäftsführer bei BBP Bauconsulting, fasst die Herausforderungen so zusammen: „Gebraucht wurde attraktiver Wohnraum, der neue Mieter anzieht, ohne die Alteingesessenen in großer Anzahl zu verdrängen. Um der alternden Gesellschaft Rechnung zu tragen, wurde die Sanierung für gut die Hälfte der 190 Wohneinheiten barrierearm geplant. Zudem musste massiv Energie eingespart werden, um die Anforderungen für Förderfähigkeit nach KfW-Effizienzhaus 85 zu erfüllen. Und schlussendlich sollte eine neue Freiflächenplanung den Bewohnern wieder ein Heimatgefühl vermitteln.“

Das Sanierungs- und Umbaukonzept, das BBP für eine Gruppe von Wohnblocks am südlichen Rand des „Stadtfelds“ entwickelten, ist auch formal außergewöhnlich: Die ehemals fünfgeschossige „Betonwand“ entlang der Einfallstraße in die Stadt sollte selektiv rückgebaut werden, dabei rund 1160 Quadratmeter an Wohnfläche verlieren und einen neuen, wellenförmigen Dachabschluss erhalten.

Die erste Auszeichnung für die Sanierung gab es gleich zum Projektstart 2009, als das Stadtfeld eine von fünf Goldmedaillen im Bundeswettbewerb „Energetische Sanierung von Großwohnsiedlungen 1000+“ erringen konnte. Insgesamt 76 Projekte waren bundesweit zu dem Wettbewerb zugelassen gewesen.

Plattenbau in Werninerode nach der Sanierung

Vielfalt ist Trumpf – und soll auch Jüngere wieder in den Plattenbau locken
Inzwischen ist der Umbau der „Welle“ von Wernigerode nahezu abgeschlossen. Auch ihre innere Struktur hat sich verändert: Aus einst 254 Wohnungen sind 190 geworden, und wo es früher lediglich sechs unterschiedliche Wohnungstypen gab, offeriert die Wohnungsbaugesellschaft nun deren 25. Sie reichen von der Ein- bis zur Fünfzimmerwohnungen und haben Größen zwischen 25 und 107 Quadratmetern. Das außergewöhnlichste Wohnerlebnis bieten sicher neun Dachgeschosswohnungen, deren Dachterrassen in das „Wellendach“ eingeschnitten sind und freie Aussicht auf die Harzlandschaft bieten.

98 der 190 Wohneinheiten sind nach der Sanierung barrierefrei. Für zwei Gebäude wird das Erdgeschoss durch Geländeregulierungen stufenlos erschlossen, zudem stehen vier Innen- und zwei Außenaufzüge zur Verfügung. Sie alle erschließen das Hauptpodest, sodass die Barrierefreiheit gesichert ist.

Der Heizwärmebedarf sank um 60 %, der Primärenergiebedarf wurde halbiert
Neben dem gestiegenen Wohnkomfort profitieren die Mieter nun auch von gesunkenen Heizkosten. Der Heizwärmebedarf in den Häusern sank um 60 % von 105 auf 41 kWh/m²a; der Jahres-Primärenergiebedarf um knapp die Hälfte von 51 auf 27 kWh/m²a. Bauseitig sind dafür die luftdichte Gebäudehülle, die Wärmedämmung der Außenwände mit 14 cm starkem WDVS, die Wärmedämmung von Dach und Kellerdecken (22 bzw. 12 cm Mineralwolle) sowie die Innendämmung der Treppenräume in den Kellern (12 cm Mineralwolle) verantwortlich. Zudem wurden die Balkone wärmetechnisch entkoppelt. Überwiegend neue Fenster erreichen den Uw-Wert von 1,3 W/m²K.

Anlagentechnisch sorgen das differenzdruckgeregelte Abluftsystem ohne Wärmerückgewinnung sowie der hydraulische Abgleich für erhebliche Einsparungen. Heizwärme und Warmwasser werden mittels Fernwärme aus Kraft-Wärme-Kopplung von den örtlichen Stadtwerken bezogen.

Für Kirsten Fichtner, Geschäftsführerin der Wohnungsbaugesellschaft GWW, ging es darum, das „Stadtfeld“ als lebenswertes Quartier zu erhalten: „Attraktive Wohnungen zu bezahlbaren Mieten und ein ebenso ansprechendes Wohnumfeld sollen alten und neuen Mietern Lust auf das Wohngebiet am westlichen Rand der ‚bunten Stadt am Harz‘ machen. Fakt ist aber auch, ohne das aktuelle Niedrigzinsniveau wäre eine solche Tiefe der Baumaßnahmen nicht möglich gewesen.“ Gut 15 Millionen Euro konnten über Eigenmittel, das Preisgeld aus dem Wettbewerb, Fördermittel aus dem Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ sowie KfW-Kredite eingesetzt werden.

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