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Leidenschaft für Stoffe - 125 Jahre Création Baumann

Die Hersteller sind sich einig – Stoffe spielen in der modernen Architektur wieder eine größere Rolle. Mit komplexen Zusatzfunktionen ausgestattet, eignen sie sich für die unterschiedlichsten Anforderungen und bringen zusätzliche Behaglichkeit in den Raum.
Philippe Baumann leitet das Unternehmen seit 2000 in der vierten Generation

Waren Sie schon mal auf einer der großen Stoffmessen oder im Showroom eines entsprechenden Herstellers? Wenn ja, haben Sie es sicher gespürt – die Leidenschaft, mit der Stoffe präsentiert werden, ist einzigartig. Kaum ein anderes Produkt lässt sich derart mit allen Sinnen erfahren. Natürlich fallen Farben und Dekore ins Auge, aber ist es nicht mindestens genauso wichtig, wie sich der Stoff anfühlt, wie er fällt, wie er durch die Finger gleitet und welches Geräusch er dabei macht? Stoffe sind sinnlich wie kein anderes Material – und sie erleben peu à peu ihr Revival in der modernen Architektur. Mit immer komplexeren Zusatzfunktionen ausgestattet, passen die neuen Hightechstoffe bestens in zeitgemäße Bauten und Interieurs. Großzügige Glasfassaden verlangen nach Sonnenschutzlösungen, harte Materialien im Innenraum nach akustischer Verbesserung und nicht zuletzt sehnen sich viele Menschen wieder nach »etwas Weichem« im Raum.
Diese spezielle Leidenschaft für Stoffe spürt man an einem Ort ganz besonders deutlich – am Standort des Unternehmens Création Baumann in Langenthal in der Schweiz. Gegründet 1886 von Friedrich Baumann und Albert Brand unter dem Namen »Brand & Baumann«, gingen die Partner ab 1951 getrennte Wege, und aus der »Leinenweberei Baumann & Co.« entwickelte sich Ende der 1950er Jahre die Marke »Création Baumann«. Das inhabergeführte Unternehmen leitet heute in der vierten Generation Philippe Baumann. Er blickt auf eine 125-jährige Erfolgsgeschichte zurück, deren Basis er in der kompletten Inhouse-Entwicklung sieht: Das eigene Designatelier entwirft in Kooperation mit der Entwicklungsabteilung, die für die Materialien und ihre Eigenschaften zuständig ist, neue Textilien und Dessins. Umgesetzt werden die Ideen dann in der firmen­­eigenen Weberei und Färberei. Neben den traditionellen Technologien kommen dabei auch immer wieder neue, hochmoderne Verfahren wie z.B. Digitaldruck oder Lasercut zum Einsatz.

Historische Zeiten. In mühevoller Handarbeit musste das Leinen gewonnen und verarbeitet werden. Die erste mechanische Leinenweberei errichtete Firmengründer Friedrich Baumann 1905.

Für die Verwendung von Stoffen im Objektbereich werden standardisierte Qualitätsprüfungen immer wichtiger, um Planern und Architekten konkrete Daten und damit Sicherheiten für die Gestaltung im Innenraum an die Hand geben zu können. Denn neben der dekorativen Aufgabe übernehmen Textilien heute immer komplexere Zusatzfunkti­onen im Raum. »Die Grundidee ist die gleiche geblieben, wir wollen die Lebensquali­tät in Räumen steigern, mit möglichst schö­nen und funktionalen Stoffen, mit Produkten, die qualitativ auf dem höchsten Niveau sind. Aber der Fokus verschiebt sich inzwischen spürbar in Richtung Funktion«, beschreibt Philippe Baumann die Intention und das Entwicklungspotenzial des Unternehmens. So gibt es spezielle Akustikstoffe, die auf ihre Schallabsorption geprüft werden müssen, Sicht- und Blendschutztextilien auf ihre Lichtundurchlässigkeit und den Gesamtenergiedurchlass. Zwingend für den Objektbereich ist die Schwerentflammbarkeit, und immer häufiger muss auch Schadstofffreiheit nachgewiesen werden, wie z.B. für den Einsatz in Museen. Nur so ist gewährleistet, dass die wertvollen Ausstellungsstücke nicht geschädigt werden.

Bild 6: Das Unternehmen fertigt nach wie vor in der Schweiz. Alle Stufen der Stoffherstellung sind hier vertreten.
Bild 7: In der Zettlerei werden die Kettfäden für den Webvorgang vorbereitet.
Bild 5: Im aktuellen Showroom von Création Baumann in Langenthal lassen sich die Kollektionen mit allen Sinnen erfahren.

Über diesen Ansatz ist auch die Zusammenarbeit von Création Baumann mit Architekten intensiver geworden. Neben einer systematischen Architektenberatung gibt es diverse Veranstaltungen und Kooperationen mit anderen Unternehmen wie z.B. die »Ampelphase« mit Vitra oder den »Designer Werktag« mit Glas Trösch, um die Zielgruppe für das Thema Stoffe zu sensibilisieren und zu begeistern. Zum absoluten Highlight wurde in diesem Zusammenhang sicher der Designer’s Saturday, den der damalige Verkaufsleiter Enrico Casanovas nach amerikanischem Vorbild 1987 erstmals in der Schweiz initiierte und der heute zu einem festen Bestandteil im Terminkalender aller Designinteressierten geworden ist. Der Austausch funktioniert aber auch in umgekehrter Richtung. »Viele Projekte, für die wir Produkte entwickeln und gestalten, sind ja kundenspezifisch. Da kriegen wir von den Architekten durchaus Input zur Produktentwicklung. Wir sind diesbezüglich sehr offen, denn jede spezielle Anfrage bringt uns weiter«, weiß Philippe Baumann. In diesem Zusammenhang kam es beispielsweise auch zur Entwicklung des erfolgreichen Hafttextils »Gecko«. Die Rückseite ist mit Silikon beschichtet, sodass sie mittels Adhäsionskraft auf porenfreien Oberflächen wie Glas haftet und ohne Rückstände wieder entfernt werden kann. Gestaltung und Sonnenschutz werden damit auf der Fensterfläche möglich.

Bild 8: Kräftige Farben und gewagte Farbkombinationen kennzeichneten die späten 1960er und frühen 70er Jahre, z.B. die Kollektion »Weekend« aus dem Jahr 1965.
Bild 9: Ende der 1970er Jahre wurde es ruhiger, Unis waren gefragt. »Sinfonia« aus dem Jahr 1978 war ein halbtransparenter Voile in über 50 Farben, synthetisch und pflegeleicht, aber mit dem Griff und Look von Baumwolle.
Bild 10: Jörg Baumann kann auf 60 Jahre Stoff- und Unternehmensgeschichte zurückblicken. Zum diesjährigen Jubiläum erschien sein Buch »Alles verwoben«.

Das 125-jährige Jubiläum ist für Philippe Baumann aber nicht nur ein Anlass, auf die erfolgreiche Firmengeschichte zurückzu blicken, sondern auch, zu überlegen, wie das Vergangene in die Zukunft wirken kann. »Da ist zum einen das Thema Energieeinsparung in Gebäuden und zum anderen das Thema Schadstoffe. Vor allem der Endkunde wird hier immer sensibler und möchte sehr genau wissen, was in den Stoffen drin ist.« Vor diesem Hintergrund ist auch die aktuelle Jubiläumskollektion »Natura« zu verstehen. Philippe Baumann erklärt: »Einerseits gehen wir mit Natura zurück zu unseren Wurzeln – Naturfasern, viel Leinen. Auf der anderen Seite arbeiten wir selbstverständlich mit der Technik von heute. Die natürlichen Fasern, auf die viele Menschen sehr positiv reagieren, so auszustatten, dass ihre technischen Eigenschaften verbessert werden, ohne sie mit Schadstoffen zu belasten. Das ist das Zukunftsträchtige.« Die Natura-Kollektion steht damit mehr als exemplarisch für die erfolgreiche Kombination von Tradition und Innovation, die das Unternehmen seit vier Generationen prägt.

Bild 11: Zu den jüngsten Innovationen zählt das Hafttextil »Gecko«. Viele Produkte entstehen aus konkreten architektonischen Projekten mit speziellen Anforderungen.
Bild 12: Die Jubliäumskollektion »Natura« vereint Tradition und Innovation. Sie umfasst ca. 90 verschiedene Stoffe aus reinen Naturfasern und Mischungen – ein aktueller Trend in Architektur und Design!

1961, im Erscheinungsjahr der ersten DETAIL-Ausgabe, tritt mit Jörg Baumann die dritte Generation ins Unternehmen Création Baumann ein. 40 Jahre lang hat er die Entwicklungen begleitet und geprägt. Zur 125-Jahr-Feier 2011 macht er mit seinem Buch »Alles verwoben« nicht nur Freunden und Angehörigen des Unternehmens ein besonderes Geschenk, sondern liefert der Branche eine informative und unterhaltsame Reise in die Vergangenheit der Stoffe. DETAIL sprach mit Jörg Baumann im Rahmen der Jubiläumsveranstaltung in Langenthal.

DETAIL: Wie würden Sie die Entwicklung und den Einsatz von Stoffen in den letzten Dekaden kurz skizzieren?
Jörg Baumann: Als ich 1961 angefangen habe, spielten Textilien in der Inneneinrichtung eine große Rolle. Der absolute Boom kam dann in den 70ern mit den neuen Spannteppichen. Dazu kombinierte man moderne Schrankwände und voluminöse Vorhänge in rustikalen, schweren Stoffen und leuchtenden Farben. Dann kamen zum Glück wieder ruhigere Zeiten, in denen viel Unis verwendet wurden – für uns eine sehr positive Zeit. In den 1990er Jahren wurden hingegen vermehrt Drucke und Jacquards eingesetzt – gerne auch in Kombination. Man wollte einfach alles zeigen, was technisch machbar war, aber ich bin froh, dass dieser Trend vorbei ist. Heute gibt es geschmacklich sehr schön gestaltete Stoffe, aber leider ist ihr Einsatz deutlich zurückgegangen, das Funktionale steht inzwischen meist im Vordergrund.

DETAIL: Viele Ihrer Stoffe sind inzwischen jedoch mit technischen Zusatzfunktionen ausgestattet. Ist das nicht auch eine Chance, Textilien wieder stärker in die Architektur zu
integrieren?
Jörg Baumann: Ja, das ist möglich. Und dann ist es natürlich auch nicht auszuschließen, dass die Mode wieder in eine ganz andere Richtung geht. Schauen Sie sich nur mal an, mit was wir in den späten 1960er Jahre Büroräume ausgestattet haben – solche Farben! Das glauben Sie nicht, dass das möglich war. Diese starken Farben hat es seitdem in der Innenausstattung nicht mehr gegeben, aber man weiß ja nie ...

DETAIL: Mit welcher Zeit können Sie sich am besten identifizieren, welche Ihrer Stoffe ge­fallen Ihnen noch heute?
Jörg Baumann: Mir gefallen nach wie vor die Stoffe der frühen 1960er Jahre. Da gab es z.B. sehr schöne halb transparente Vorhangstoffe aus Reinleinen, wie sie im Kunsthaus in Zürich lange Jahre hingen und die auch heute noch sehr modern wirken. Fantastisch! An diese Tradition knüpfen wir ja jetzt auch mit unserer Jubiläums-Kollektion an.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 4/2011

50 Jahre DETAIL - Konstruieren heute und morgen

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