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LichtAktiv Haus in Hamburg

Velux, LichtAktiv Haus, Hamburg
Bild 1: Das Gebäude, wie es sich heute zeigt. Üppige 36 m2 Fensterfläche im Altbau, moderne Grundrisse und ein Anbau verwandeln das alte Siedlerhaus in einen attraktiven Lebensraum. Alle Fotos: Adam Mørk DK-Kopenhagen

Einmal mehr zeigt der GAU im japanischen Fokushima, dass der Mensch die Gefahren der Atomenergie nie beherrschen können wird. Umso wichtiger wird also der Ausbau erneuerbarer Energie in der nahen Zukunft. Und mehr noch: der Gedanke der autarken Energie-Selbstversorgung sollte stärker in den Fokus der aktuellen Energiediskussion rücken. »Aus eigenem Anbau« sozusagen, mithilfe der hauseigenen Solarthermieanlage, dem PV-System auf dem Dach und einer intelligenten Tageslichtsteuerung ist es schon heute möglich, sich »freizuschwimmen« von konventionellen fossilen Energieträgern. Am Beispiel eines Siedlungshauses aus den 1950er Jahren, das Velux im Rahmen der Internationalen Bauaus­stellung Hamburg und des europäischen Projekts »Model Home 2020« zu einem CO2-neutralen Wohnhaus umgebaut hat, wird dies eindrucksvoll nachgewiesen.

Velux, Lichtaktiv Haus, Hamburg
Bild 2: Der Altbau vor der Sanierung: nur kleine, gedrungene Räume, die dunkel und muffig wirkten.
Velux, Lichtaktiv Haus, Hamburg
Bild 3

Welcher Architekturstudent wünscht sich das nicht: eine konkrete Bauaufgabe, ein realer Bauherr, eine zukunftweisende Ent­wurfsidee – und nach dem Studium gleich das erste eigene Projekt in der Umsetzung. So ähnlich ging es der Gewinnerin eines internen Wettbewerbs an der TU Darmstadt, Katharina Fey. Velux war an Prof. Manfred Hegger herangetreten, suchte kreativen ­Input für ein Experiment, das das Unternehmen im Rahmen der Internationalen Bauausstellung in Hamburg-Wilhelmsburg wagen wollte. Ein typisches Siedlerhaus der 1950er Jahre sollte beispielhaft umgebaut werden, verbunden mit dem Ziel, CO2-neu­tral betrieben zu werden und gesundes Raumklima und tageslichtdurchflutete Räume zu schaffen.

Velux, Lichtaktiv Haus, Hamburg
Bild 4: Das LichtAktiv Haus ist die einzige Sanierung, die Velux im Rahmen des europäischen Projekts »Model Home 2020« realisiert.
Bild 5:Die Treppenskulptur wirkt wie eingestellt in den lichtdurchfluteten Dachraum und ist prägendes Architekturelement im Bereich der »Tageslichtlampe« und Bibliothek.

Das Projekt, das in der ersten Phase am Lehrstuhl für Entwerfen und Energieeffi­zientes Bauen der TU Darmstadt von Prof. Hegger betreut wurde, steht exemplarisch für Hunderttausende von Einfamilienhäusern der 1950er bis 1980er Jahre in Deutschland, die in den kommenden Jahren dringend saniert werden müssten. Das Energieeinsparpotenzial ist immens, denn die bau-lichen wie energetischen Standards entsprechen in keiner Weise den aktuellen ­Anforderungen. Katharina Fey nennt ihren Entwurf in An­lehnung an das Sebstversorgerprinzip der frühen Nachkriegsjahre »... aus eigenem Anbau«. Das kann sowohl im eigentlichen Wortsinn verstanden werden, denn das 1100 m2 große Grundstück bietet ausreichend Platz für die Selbstversorgung mit Gemüse und Obst, meint aber auch den Einsatz zeitgemäßer energetischer Lösungen. Bereits im Wettbewerbsentwurf waren solaraktive Flächen vorgesehen, der Einsatz intelligenter Gebäudetechnik angedacht und das Potenzial der großen Dachflächen des Altbaus zur Tageslichtnutzung berücksichtigt. Diese Ideen entwickelten unter ­anderem die Entwurfsverfasserin, Bauherr ­Velux, Ostermann Architekten, Prof. Manfred Hegger und Lichtplaner Prof. Peter Andres zum sogenannten »LichtAktiv Haus« weiter, das im November 2010 als zweites IBA-Projekt nach dem IBA-Dock (September 2009) vorgestellt wurde. Der Altbau zeigt sich heute umfassend ­saniert. Neben einer gedämmten Fassade wurden die unzeitgemäßen Grundrisse überarbeitet und der dunkle Dachraum geöffnet. Die ehemals niedrigen und kleinen Räume im Erdgeschoss sind zentraler Erschließungs- und Bibliotheksbereich. Der Raum öffnet sich durch die großflächigen Fassaden- und Dachflächenfenster hinauf bis in den First. Diesem Bereich kommt die Funktion einer sogenannten »Tageslichtlampe« zu: die verschiedenen Lichtstimmungen im Tageslauf werden durch eine 5 m lange Fensterfront erlebbar. Aktuell ­arbeitet Velux daran, den reellen Energieeintrag zu erfassen. In den Bedarfsberechnungen ist er bereits berücksichtigt, soll aber noch im Betrieb belegt werden.

Bild 6: Reduzierte Farben, klare Linienführung, exakt detaillierte Einbauten: der Einraum im Anbau wirkt zeitlos wie auch modern zugleich.
Bild 7:Ein Zugewinn an Lebensraum und Lebensqualität ist ohne Zweifel die Galerieebene, die über Dachflächenfenster belichtet und belüftet wird. Die kontrollierte Wohnraumlüftung sorgt hier für ein angenehmes Raumklima.

Dem Altbau wurde ein Nord-Süd-orientierter Neubauriegel angeschlossen, der auf der einen Seite das Grundstück zum Nachbarn schließt, zur anderen Seite den Hofbereich zoniert. Das Wohnhaus wird über den zen­tralen Windfang erschlossen. Linkerhand gelangt der Besucher in den hellen, nach dem Umbau dreigeschossigen, Altbau mit den Kinderzimmern, dem Elternschlafzimmer, dem Bad, der Bibliothek und der Galerieebene, rechts in den eingeschossigen Neubau mit Küche, Wohn- und Essbereich und anschließender Terrasse. Im Neubau befindet sich auch die Haustechnik, deren Kernstück Wärmepumpe und Solarthermie mit­einander kombiniert und als Einheit betreibt. Anders als bei herkömmlichen Systemen heizt die Wärmepumpe im Heizbetrieb nicht erst in den Pufferspeicher, sondern fährt direkt in die Heizkreise. Abstrahlverluste durch den Pufferspeicher werden vermieden, der Heizenergieaufwand gesenkt. Im Puffer landet nur der Wärmeüberschuss, der über die Heizkreise nicht ins Gebäude eingetragen wird. Beheizt wird das Licht­Aktiv Haus durch Fußbodenheizungen. Durch dieses clevere System werden zwei Drittel des Gesamtenergiebedarfs gedeckt. Die Energieautarkie erreicht das Gebäude durch polykristalline PV-Module auf dem Dach des Neubaus. Integriert in die Dachfläche dienen sie darüber hinaus auch als Sonnenschutz für die Außenterrasse im hinteren Bereich des Anbaus. Die reine Modulfläche liegt bei 58 m2. Der errechnete Gesamtenergiebedarf des Gebäudes von 108,5 kWh/m2a steht einem Energiegewinn durch die Solar-Luft/Wasser-Wärmepumpe und das PV-System von 108,6 kWh/m2a ­gegenüber. Der »eigene Anbau« macht die Unabhängigkeit also möglich. Darüber hinaus wurde auch bei den Ma­terialien auf ökologische Verträglichkeit geachtet. So wurden z.B. bei der Neudeckung des Dachs Dachplatten verbaut, die durch die Zugabe von TiO2 in der Werkstoffzusammensetzung in der Lage sind, Stickoxide in unschädliches Nitrat umzuwandeln. Sicher, das ist nur ein kleiner Beitrag für eine positive Klimabilanz – aber kein unwesentlicher.

Bild 8: Auch im Anbau wurde auf eine optimale Belichtung geachtet. Durch die großzügig verglaste

Projektdaten
Bauherr: Velux Deutschland GmbH, Hamburg, www.velux.de
Projektträger: Velux-Gruppe, www.velux.com
Konzept: Katharina Fey, Hamburg
Entwurfsplanung: TU Darmstadt, FB 15 FGee Prof. Manfred Hegger, Darmstadt, www.architektur.tu-darmstadt.de
Ausführungsplanung: Ostermann Architekten, Hamburg, www.ostermann-architekten.de
Energiekonzept: HL Technik, Prof Klaus Daniels, München, www.hl-technik.de
Lichtplanung: Andres Beratende Ingenieure für Lichtplanung, Prof. Peter Andres PLDA, Hamburg, www.andres-lichtplanung.de
Tragwerksplanung: TSB-Ingenieure, Prof. Karsten Tichelmann, Darmstadt, www.tsb-ing.de

Produkte und Hersteller
Fassadendämmsystem Altbau: Warm-Wand Energie, Knauf Gips KG, Iphofen, www.knauf.de
Dachdeckung Altbau: luftreinigende Dachplatte Activa, Fassadenverkleidung Neubau:
Eternit Natura, Eternit AG, Heidelberg, www.eternit.de
Dachflächenfenster mit integrierter Sonnenschutzmarkise Anbau und Altbau: Velux Deutschland GmbH, Hamburg, www.velux.de
Fassadenfenster: Velfac A/S, DK-Horsens, www.velfac.de
Steuerungstechnik kontrollierte Lüftung: Regelsystem NV Comfort, WindowMaster GmbH, Bad Oeynhausen, www.windowmaster.de
Funkantrieb Raffstores und Außenjalousien: J4 io, Somfy GmbH, Rottenburg, www.somfy.de
Dämmung Wände Holzrahmenbau Neubau: Naturoll 035, Dach Alt- und Neubau: Universal Dämmrolle Classic WLG 035, Knauf Insulation GmbH, Simbach am Inn, www.knaufinsulation.de
Wärmepumpe und Solaranlage: Solar Compleet, Sonnenkraft General Solar Systems Deutschland GmbH, Regensburg, www.sonnenkraft.de
Elektroschalter: System E2, Gira Giersiepen GmbH & Co. KG, Radevormwald, www.gira.de
Sanitärarmaturen Waschtische, Wannen­randarmatur, Duschsystem und Accessoires, Küchenarmatur, Unterputz-Elemente, Spülkästen: Grohe Deutschland Vertriebs GmbH, Porta Westfalica, www.grohe.de
Sanitärkeramik: Ideal Standard GmbH, Bonn, www.idealstandard.de
Küche: Einzelanfertigung nach Architektenplanung, Nolte Küchen GmbH & Co. KG, www.nolte-kuechen.de
Einbaukaffeemaschine: Siemens-Electro­geräte GmbH, München, www.siemens-home.de
Muldenlüfter: System Vario, Gaggenau Hausgeräte GmbH, München, www.gaggenau.com
Plattenbelag Außenbereich: Belpasso Secco, mittelgrau matt, 45 x 45 mm, Metten Stein+Design GmbH & Co. KG, www.metten.de

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 5/2011

Sanierung, Umnutzung, Ergänzung

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