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DETAIL Stipendium 2017/2018, Lionel Esche, Fragmente, Denkmäler und Erinnerung

Lionel Esche – FRAGMENTE, DENKMÄLER UND ERINNERUNG

Was ist ein Momentum, was kann ein Denkmal sein? Ist es – ganz pragmatisch gesehen – ein Augenblick, ein Ausschnitt, der wie in einem fotografischen Prozess abgebildet wird? Oder ist es eine riesige Reiterstatue, die den Dorfplatz und den Kern der Altstadt fast dominiert und auf glorreiche Erinnerungen und Zeiten zurückführen soll? Auf alte Königreiche, alte Fürstentümer und damit auch auf eine gemeinsame Identifikation, gemeinsame Mythen und Erinnerungen?

Auf der Reise zu Denkmälern und auf der Suche nach Arten der Erinnerungen gibt es meist einige prägende Momente, die eine Aussage über unsere heutige Definition des Denkmales treffen. Neben dem Denkmal stoßen wir oft auf ein Fragment – einen Teil einer alten Ideologie, einer alten Geschichte. Dies kann ein Ausschnitt des Denkmals sein oder auch das Denkmal selbst, das sich heutzutage in einem völlig anderen Kontext wiederfindet. Die Zeit wird hier zur Bedingung.

Es sind die Reiterstatuen, die Tribute, die Säulen, die heiligen Brunnen oder ganz einfach materialisierte Objekte, Artefakte oder auch die Architektur, deren Ideen und Vorstellungen in unseren Erinnerungen und damit in unserer Zeit bleiben. Es sind die Spuren des Menschen, die leben – vom Gestern bis ins Heute und bis weit in die Zukunft. So wie die Ruinen, die uns Giovanni Battista Piranesi aufzeichnet und diese auch in seinen Zeichnungen dementsprechend inszeniert. Es sind Gebäude, die die Zeit überstehen und auch in einer Ruinenästhetik bestechen. Ruinen faszinieren uns, sie sind schaurig-schön – man denke nur an das kleine Schlossgespenst oder die Gruselgeschichten aus dem Mittelalter. Ruinen haben eine eigene Ästhetik: Sie zeigen die Überreste der Architektur, verlassene Plätze und Gassen, in der Luft vor sich hin oxidierende Metallkonstruktionen und den bröckelnden, sich langsam abwaschenden Beton. Sie verweisen auf Vergangenheit und Zukunft zugleich, denn sie öffnen Räume für Fantasie und architektonische Aneignung oder Erzählungen.(1)

Dabei sind es nicht nur die antiken Beispiele, die uns prägen und Hinterlassenschaften in unserer Umgebung aufzeigen. Auch aktuelle und noch zu entwerfende Architekturen müssen sich mit der Zeit und ihrem Verlauf, ihrem Verfall beschäftigen: Ob der Flughafen Tempelhof, der zum Tag der offenen Tür zehntausende Menschen anlockt, die Bunkerarchäologie, die weitaus noch andere Faszinationen aufweist als nur ein Zeichen des Krieges zu sein, die Stadt Pompeji, die jährlich Millionen Besucher anlockt, längst vergessene Höhlen, kleine Kirchen, bröselige Wandeinkerbungen oder auch die verlassenen Haltestellen in Armenien, die Ursula Schulz Dornburg in einer fotografischen Reihe dokumentiert – in allen diesen Beispielen ist der Einfluss der Zeit und die Würde erkennbar, mit der sie fortschreitend altern. Sie alle zeigen Standpunkte einer Denkweise, einer Haltung und sind heute nur noch in ihrer erweiterten entwickelten Umgebung als Fragment erkennbar.

Wie vergänglich Zeiten sind: Einst geliebt und gehasst erlebt die Postmoderne ähnlich dem Brutalismus eine Reminiszenz. Häuser werden errichtet und fallen wieder – und die Frage bleibt: Was ist denkmalwürdig, was erinnerungswürdig? Ist das AT&T Hochhaus von Philip Johnson und John Burgee denkmalwürdig oder kann das Erdgeschoss nach Plänen von Snøhetta verändert werden, ohne die Atmosphäre des Turms, die Beziehung von Sockel und Attika zu brechen, wie es Heinrich Klotz formuliert?(2) Wird der ehemalige Robin Hood Garden von Alison und Peter Smithson nach seinem Abriss in Vergessenheit geraten? Wo finden wir ein Maß zwischen Erhaltung und Neubau und was ist letztlich erhaltungswürdig und bleibt bestehen?

Die Frage, was ein Momentum ist, erscheint eine persönliche Frage zu sein, die im allerbesten Fall eine breitere Gruppe in einem Zeitabschnitt entscheidet. In diesem Sinne bleiben die Worte von Aldo Rossi im blauen Tagebuch zur Vergänglichkeit als Antwort zur Frage bestehen: »Dies ist lange her! – Ora questo e perduto!«(3) Die Hoffnung bleibt bestehen, dass trotz allem gemeinsame Werte und Fundamente erhalten werden können und dieser Rahmen stark genug ist, um eine Kultur und auch eine Ästhetik zu bewahren.

(1) Vergleiche hierzu: »Ruinen«, erschienen in Archithese Ausgabe 4, 2017
(2) Vergleiche hierzu: »Klotz Tapes – Das Making of der Postmoderne«, erschienen in Arch+, Ausgabe 47, 2014
(3) Aldo Rossi, »Dieses ist lange her / ora questo e perduto«, Radierung, 1975, Zitat aus »Abendlied« von Georg Trakl, 1913

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