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Living Ergonomics

Neue Bewegungskonzepte beeinflussen Gesundheit, Komfort und Konzentrationsperformance und haben Auswirkungen auf das Design von Möbeln und die Gestaltung von Architektur. Eine wissenschaftliche Feldstudie zeigt nun die Zusammenhänge und die Perspektiven einer am Menschen orientierten Ergonomie auf.

Bedeutung von Bewegungskonzepten für neue Arbeitsweltarchitekturen

"Die Arbeitsmedizin macht Fortschritte, die Ergonomie wird immer ausgefeilter, körperliche Belastungen werden zunehmend reduziert - und dennoch explodieren die Gesundheitskosten, und die Krankenstände steigen an. Das scheinbare Paradoxon: Gerade in Büroarbeitswelten, in denen die physiologischen Belastungen mittlerweile auf ein Minimum reduziert sind, nehmen Muskel- und Skeletterkrankungen seit Jahren deutlich zu. Ist es da nicht höchste Zeit, den bisherigen Ansatz der Ergonomie zu überprüfen und grundsätzlich neu zu denken? Was bedeutet das für die Gestaltung von Produkten? Für die Wertschätzung des Menschen? Und nicht zuletzt für Organisationsmodelle und Bürogebäude?" Diese Frage stellt sich Burkhard Remmers, Autor des Beitrags "Living Ergonomics - Bewegungskonzepte für Arbeitsweltarchitekturen" der Publikation "Positionen zur Zukunft des Bauens".

Die Antworten findet er in einer wissenschaftlichen Feldstudie von Professor Ingo Froböse vom Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln. Die Studie widmet sich anhand eines Bürostuhls von Wilkhahn der Frage: Steigert dreidimensionales Bewegungssitzen die Leistungsfähigkeit im Büro? Bereits seit dem Jahr 2007 kooperiert der Büromöbelhersteller mit dem Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln, um die Zusammenhänge von Bewegungsförderung und Gesundheit bei der Büroarbeit zu erforschen und die Produktlösungen zu evaluieren. Die Ergebnisse des  Feldversuchs mit 80 Teilnehmern überzeugen: Die Konzentrationsleistung der Testgruppe hat sich im Durchschnitt mehr als verdoppelt, die Konzentrationsgenauigkeit verbesserte sich um 48 Prozent und die Konzentrationshomogenität legte um 95 Prozent zu. Auch das Gesundheitsempfinden der Teilnehmer zeigt eine eindeutige Tendenz: 87 Prozent waren überzeugt, dass sich ihr Wohlbefinden eher verbessert hatte.

Methodik der wissenschaftlichen Feldstudie

Methodik der wissenschaftlichen Feldstudie

Ziel der Feldstudie war es, zu ermitteln, wie sich das Arbeiten auf einem dreidimensional beweglichen Bürostuhl auf die Konzentrationsperformance und auf das subjektive Wohlbefinden auswirkt.

Die Feldstudie wurde in einem großen Bürokomplex der AOK in Köln über einen Zeitraum von zwölf Wochen durchgeführt. Sie umfasste 80 Probanden (42 Frauen, 38 Männer) im Alter zwischen 34 und 52 Jahren (Durchschnittsalter 43 Jahre). Die Probanden wurden in zwei Gruppen zu je 40 Personen aufgeteilt (Versuchs- und Kontrollgruppe). Dabei gingen die Teilnehmer ihren gewohnten, in beiden Gruppen identischen Tätigkeiten nach, die sie ausschließlich im Sitzen ausführten. Diese reichten von einfachen bis zu komplexen Aufgaben. Die Versuchsgruppe führte eine Woche nach Studienbeginn die alltägliche Büroarbeit auf ON-Bürodrehstühlen durch, die Kontrollgruppe arbeitete weiterhin auf den gewohnten Bürostühlen. Zur Bestimmung der geistigen Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie des subjektiven Wohlbefindens wurden wissenschaftlich standardisierte Tests genutzt.

Ergebnisse: deutlich bessere Entwicklung der Konzentrationsperformance und des subjektiven Wohlbefindens

In allen vergleichenden Tests und Befragungen schnitten die Probanden der Versuchsgruppe im Durchschnitt deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. Als Indikator für die Büroleistung wurde die Konzentrationsperformance ermittelt. Sie beruht auf der Konzentrationsleistung (wie schnell wird das richtige Ergebnis erzielt), der Konzentrationsgenauigkeit (wie häufig wurde das richtige Ergebnis erzielt) und der Konzentrationshomogenität (wie gut wurde über den Testverlauf die Leistung gehalten).

Konzentrationsperformance: Der Ausgangstest zu Beginn der Studie zeigte kaum Abweichungen zwischen den beiden Gruppen, bei der Messung nach elf Wochen dagegen schnitt die Versuchsgruppe im Durchschnitt weitaus besser ab, während die Kontrollgruppe vergleichsweise geringe Veränderungen zeigte. Die Versuchsgruppe verdoppelte ihre Konzentrationsleistung, der Zuwachs bei der Konzentrationsgenauigkeit betrug 48 Prozent auf den hohen Normwerte-Index 87 und die Homogenität der Leistung nahm um 94,7 Prozent zu.

Wohlbefinden: Den Wohlfühlfaktor des Bürostuhls bewerteten die Probanden zu Beginn der Studie (noch ohne ON-Stuhl) auf der Skala von eins (trifft gar nicht zu) bis fünf (trifft voll zu) leicht positiv mit 2,9. Am Studienende lag die Versuchsgruppe dagegen bei hohen 4,2, während die Vergleichsgruppe nur eine leichte Veränderung auf 3,2 aufwies - und das mit hoher Varianz. Dies wird durch das Ergebnis von sechs Befragungen bestätigt, die über elf Wochen verteilt die subjektive Einschätzung des persönlichen Gesundheitseffekts durch den ON aufzeigt: Schon der erste Eindruck war mit durchschnittlich 3,4 positiver als auf den vorherigen Bestandsstühlen. In den Folgewochen stieg er mit nur geringen Abweichungen kontinuierlich an bis er zum Studienende den Durchschnittswert 4,2 erreichte. Noch positiver stellt sich die rückblickende Einschätzung für das Wohlbefinden dar: Die These, dass sich das eigene Wohlbefinden in den vergangenen elf Wochen durch das dreidimensionale Bewegungssitzen verbessert habe, werteten 29 Prozent mit drei (trifft eher zu), 50 Prozent mit vier (trifft zu) und acht Prozent mit fünf (trifft völlig zu). Lediglich dreizehn Prozent spürten eher keine Wirkung.

Fazit

Die Ergebnisse bisheriger Forschungen zu den Zusammenhängen von häufigen und vielfältigen Bewegungen und sowohl subjektivem Wohlbefinden wie objektiver Leistungsfähigkeit wurden durch die Feldstudie erstmalig auch für die Büroarbeit bestätigt. Die Konzentrationsperformance der Versuchsgruppe war in allen drei Teilbereichen deutlich höher als bei der Kontrollgruppe auf konventionell beweglichen Bürostühlen. Die Studie zeigt ferner, dass gerade kleine und vielfältige Bewegungsaktivitäten mehrheitlich einen hohen Zugewinn für das Wohlbefinden bewirken.

"Diese Erkenntnis schließt die Notwendigkeit ein, auch Architektur neu zu denken: als Lebensraum, der den biologischen Anforderungen des menschlichen Organismus gerecht wird", heißt es in dem Beitrag von Burkhard Remmers in "Positionen zur Zukunft des Bauens". Und weiter: "Der Mensch ist keine mathematisch berechenbare Größe, sondern ein individueller, dynamischer Organismus, dessen Bedürfnisse sich im Verlauf eines Tages ändern. (...) Bis heute werden Raumprogramme, Flächennutzungen und Wegeführungen in vielen Gebäudetypen analog zur klassischen Ergonomie auf Reduktion, Verdichtung und kurze Wege ausgelegt. Alles, was nicht direkt produktiv erscheint, wird auf das Notwendigste beschränkt oder komplett eliminiert. Sind Aufzüge wirklich eine Verbesserung? Oder gewinnen nicht gerade zentrale Treppenführungen eine gesundheitliche (sowie organisatorische und soziale) Bedeutung? Wird die automatisierte Steuerung von Licht und Raumklima dem Menschen als dynamischem System gerecht? Wie muss Organisation räumlich abgebildet werden, damit sie den Menschen auch physiologisch aktiviert?"

Die Hintergründe zur Studie können Sie in dem Beitrag "Living Ergonomics - Bewegungskonzepte für Arbeitsweltarchitekturen" in der Publikation "Positionen zur Zukunft des Bauens" nachlesen.

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Weitere Informationen zu Wilkhahn und zum Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln

Bildrechte: Wilkhahn, Wilkening+Hahne GmbH+Co.KG

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