01.11.2012 Cordula Vielhauer

Materialintelligenz schlägt Mechanik: Sitzmöbel für das Büro auf der Orgatec 2012

Die gerade in Köln zu Ende gegangene Orgatec 2012 zeigt: Das Büro gerät in Bewegung. Dies wird nicht nur an der städtebauartigen Innenarchitektur moderner Bürolandschaften und ihren „fließenden“ Grundrissen deutlich, auch im Kleinen sollen wir beweglich bleiben: Innovative Bürodrehstühle fördern dreidimensionale Bewegungsmuster beim Sitzen, die teils mechanisch, teils strukturell oder auch mittels innovativer Materialkombinationen möglich werden. Eine weitere Entdeckung: Die offene, halbhohe, flexible Zelle ist in vielen Variationen die gestalterische Antwort auf die Trends moderner Arbeitswelten: Digitalisierung, Mobilität, Flexibilisierung, Wohnlichkeit. Und auch die Sitzmöbel für die „Mittelzone“ des Office mutieren zu wohnlichen Zellstrukturen. Neben klassischen Sofas  setzen sich zunehmend modular aufgebaute Sitzlandschaften durch, deren Einheiten organisch, polygonal oder orthogonal strukturiert sind. Daneben fallen immer wieder Kokon-artige Einzelsessel für die ungestörte Einzelarbeit ins Auge.

"Physix" von Vitra (Design: A. Meda)

"ID Air" von Vitra (Design: A. Citterio)

Auf dem Orgatec-Stand von Vitra wartet eine Innovation: Physics heißt der neue Bürodrehstuhl von Alberto Meda, der dank einer Kombination aus flexiblem Rahmen, dreidimensionaler Strickbespannung und integrierter Synchro-Mechanik die Wirkprinzipien des Freischwingers auf einen Bürodrehstuhl des 21. Jahrhunderts überträgt. Dabei wird die Elastizität der Seitenholme aus Polyamid über unterschiedlich dicke Querschnitte gesteuert, so dass in der Tragwirkung nachgiebige und starre Bereiche entstehen, die Bewegungen in alle Richtungen erlauben. Dazu ist der Stuhl noch ungewöhnlich leicht und verzichtet auf den kropfartigen Unterbau gängiger Synchro-Mechanik-Drehsessel. Neu ist auch der Lead-Drehstuhl von EOOS-Design für Walter Knoll mit schlanker Silhouette und einer markanten Polsterung, die die hohe Wertigkeit des Chefsessels betont. Sedus erprobt mit dem Drehstuhl swing up (Design Rüdiger Schaack) eine neue Form dreidimensionaler Bewegungsmöglichkeiten beim Sitzen. Und bei Wilkhahn zeigt man mit dem 2010 vorgestellten und seit diesem Jahr marktreifen Graph von Jehs und Laub einen Konferenzsessel, der eigentlich viel zu schön ist, um ihn in den Chor der Konferenzteilnehmer einzureihen – auch wenn man ihn an den frisch maßgeschneiderten, gleichnamigen Konferenztisch stellt. Einen Bürodrehstuhl mit freiem Bewegungsradius – den ON – gibt es hier bereits seit 2009.

"Graph" von Wilkhahn

"Lead-Chair" von Walter Knoll

"Movy" von Interstuhl

"Physix" von Vitra

"Swing up" von Sedus

Dem Trend zur Wohnlichkeit kommt man bei Wilkhahn mit dem Loungemöbel Asienta (Design: Jehs + Laub) entgegen, das ganz von subtilen Kontrasten lebt: außen kantig, dafür innen rund und voluminös schwebt Asienta auf einem filigranen Aluminiumgestell. Auch Offecct präsentiert mit dem Sitzsystem Small Rooms der holländischen Designerin Ineke Hans ein orthogonales, nur nach innen hin leicht polygonales Loungemöbelsystem, das durch aufgesetzte Wangen abgeschirmte Rückzugssituationen bietet. Bei den Schweden sieht man auch zwei 2012 herausgegebene Sitzmöbel der Berliner Designer Läufer & Keichel: Den wie in eine dicke Steppjacke gekleideten Stuhl Coupe und den Sessel Layer, der sich trotz seiner kokonartigen Anmutung in drei Schichten nach oben hin öffnet. Beide Sessel verraten die Expertise des Designerpaars – und seine Wurzeln sowohl im Industrie- als auch im Modedesign – nicht nur bei der Gestaltung von Sitzmöbeln, sondern eben auch im experimentellen Umgang mit Textilien: In Coupe versinkt man nicht watteweich, wie man zuerst vermuten würde, sondern wird vielmehr durch ein dreidimensional geformtes Gestrick gestützt. Auf dem Stand von Thonet waren Läufer und Keichel mit dem Stuhl 330 vertreten, dessen Anmutung die Beiläufigkeit von Gegenständen aus einem künstlerischen Kontext adaptiert. Das Unternehmen aus Frankenberg präsentiert hier zudem die Variation eines eigenen Klassikers: Der österreichische Designer Robert Stadler hat den Kaffeehausstuhl neu interpretiert und aus dem klassischen Bugholzstuhl 214 einen Stuhl aus Formsperrholz abgeleitet.

"Asienta" von Wilkhahn (Design: Jehs + Laub)

"Coupe" von Offecct (Design: Läufer + Keichel)

"Small Rooms" von Offecct (Design: Ineke Hans)

Thonet 330 (Design: Läufer + Keichel)

Thonet 107 (Design: Robert Stadler)

"Duo" von Offecct (Design: Patrick Norguet)

"Layer" von Offecct (Design: Läufer + Keichel)

"Scope" mit "Volt" von COR (Design: Uwe Fischer)

Das Polstermöbelunternehmen COR hatte bereits 2010 sein von Uwe Fischer entworfenes polygonal geformtes Loungeprogramm Scope vorgestellt, das nun sowohl farblich als auch funktional erweitert wird: Neben neuen Abstelltischen und Eckelementen gibt es eine mobile Steckdose, die man zwischen die Polster des modularen Sofas klemmen kann. Für Walter Knoll entwickelte Ben van Berkel die ebenfalls modular gestaltete Sitzlandschaft Seating Stones aus geschwungenen Schalensofas. Stark im Kommen ist auch ein Hybrid aus Sessel mit Tischelement als temporärer Arbeitsplatz für die Laptoparbeit: Bla Station zeigt mit Wilmer von Stefan Borselius ein vom Surrealismus inspiriertes Dreier-Möbel aus zwei unterschiedlich hohen Tischlein und einem asymmetrischen Sessel. Und Khodi Feiz stellt für Offecct mit Moment eine fließend geformte Schale aus Tisch und Sessel vor.

Tisch-Sitz-Kombi "Side Seat" von Prooff (2012)

Die Mutter aller Kokon-Sessel: "Earchair" von Prooff (Design: Jurgen Bey)

"BuzziMe" von Buzzi Space (2012)

"Wilmer" von Bla Station

"Seating Stones" von Walter Knoll

"Moment" von Offecct

Doch Sitzen und Arbeiten ist nicht alles. Ab und zu mal aufstehen, kann auch nicht schaden. Dafür gab es bei Wilkhahn einen neuen Stehhocker, den Stand-Up von Thorsten Franck: Bunt, wie verstreute Smarties waren die sich selbst aufrichtenden Hocker auf dem Boulevard der Orgatec ausgestreut. So einfach geht es eben auch.

Noch mehr zur neuen Arbeitswelt und aktuellen Möblierungslösungen – vom individualisierten stationären Arbeitstisch bis zur mobilen Zelle für den Arbeitsnomaden –lesen Sie in unserem Bericht zur Orgatec 2012: Freiheit für die grauen Zellen! Die Orgatec 2012 zeigt uns eine intelligente Arbeitswelt.

(Cordula Vielhauer)

"Stand up" von Wilkhahn

"Cafe" von Arco (Design: J. Prestwich)

"Table Sock" von Arco

"Kinetics" von Interstuhl (Design: Phoenix Design)

"Side by Side" von Arco (Design: D. Spierenburg)

Konferenzstuhl "A-Chair" von Brunner (Design: Jehs + Laub)

Klapptisch "Pivot" von Brunner (Design: Osko + Deichmann)

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