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Mediaarchitektur und transformative Fassaden

Was bedeutet eine Medienfassade in der heutigen Zeit und in unserer Kultur? Wie sieht eine aktuelle und verantwortungsbewusste Interpretation aus? Welche Wirkung haben die Fassaden in den Stadtraum? Und sind Medienfassaden überhaupt noch Gebäudehüllen im klassischen Sinne oder sind sie vielmehr Werbeflächen im öffentlichen Raum? Um die Antwort vorwegzunehmen: Medienfassaden können durchaus Identität schaffen, aber diese sind nicht statisch, sondern austausch- und anpassbar. Eine in der Architektur völlig neue Dimension. Das Gebäude wird – wenn die Medienfassade ästhetisch umgesetzt und verantwortungsvoll betrieben wird – ein dynamisches Gesamtkunstwerk. Die Architektur bekommt einen Mehrwert, das Bauwerk wird zur Inszenierung. Nicht selten scheint Architekten die mit Medienfassaden gekoppelte Thematik der Digitalisierung, der Inszenierung und Kommerzialisierung ein Dorn im Auge, trotzdem belegte der bis auf den letzten Platz besetzte Vortragsraum im NEXT Studio in Frankfurt, welches große Potenzial und Interesse diesem Zukunftsthema entgegengebracht wird. Und dies zu Recht.

Transformative Fassaden – Wenn Gebäude twittern
Betrachtet man die internationale Entwicklung – die sicherlich sowohl von Positiv- aus auch von Negativbeispielen geprägt ist – ist die Lichtbespielung von Prestigeobjekten besonders in den Metropolen ein aufsteigendes Thema. »Bei Medienfassaden geht es nicht selten um Größe und um Machdemonstration von Unternehmen und Bauherren. Für Architekten im internationalen Wettbewerb wird häufig erwartet, dass sich die Architektur nicht nur tagsüber präsentiert, sondern auch nachts. Die Skyline ist in vielen Metropolen zu einem touristischen Highlight geworden«, erläutert Thomas Schielke in seinem Einführungsvortag. Die Entwicklung in Europa und Deutschland ist noch zurückhaltender als in asiatischen Metropolen, dennoch, so sind sich die Experten einig, wird die mit digitalen Inhalten und Lichtinstallationen bespielbare Fassade auch in unseren Kulturkreisen Einzug nehmen. Thomas Schielke gab einen umfassenden Überblick über die Ästhetik, die Kommunikationsziele von Licht- und Medienfassaden sowie über den Stand der Technik von der Hard- bis zur Software. Anhand von vielen Projektbeispielen zeigt er, dass es durchaus auch kulturelle Unterschiede und Gestaltungsansätze bei Medienfassaden gibt. So sind beispielsweise der dezent versteckte Licht-Fries des Kunstmuseums in Basel oder die künstlerische Interpretation des einzelnen Pixels an der Fassade des Kunsthauses Graz europäisch schlichte Antworten zum Thema, während die täglich für 15 Minuten zu bestaunende Symphonie des Lichts in Hongkong die komplette Stadtlandschaft und eine Vielzahl von Fassaden der Skyscraper einbindet. Medienfassaden bringen neue Herausforderungen mit sich: Es ist zu berücksichtigen, dass die Fassadenbeleuchtung sowohl einen Einfluss auf den Außenraum – auch mit seinen negativen Auswirkungen der Lichtverschmutzung – als auch auf die hinter der Fassade angeordneten Innenräume hat. Ein verantwortungsvoller Einsatz bedeutet also sehr viel mehr als nur Farbe, Licht und Dynamik. In einer Zukunftsvision löst Schielke letztendlich die mediale Bespielung auch wieder von der Fassade: In Anlehnung an eine Studie des MIT gestalten mit LEDs bestückte Drohnen den Luftraum auch ohne Gebäude als feste Basis. »Die Pixel lösen sich auf und benötigen die Architektur nicht mehr zwangsläufig. Es findet ein dynamischer Prozess statt. Die Architektur ist lediglich ein Spielfeld der Digitalisierung.«

Lichtarchitektur – Symbiose aus Fassade, Licht und Kunst
Ganz im Gegensatz dazu hält Werner Frosch, Partner von Henning Larsen und Büroleiter in München, ein Plädoyer für die Bedeutung der Fassade. Er sieht aktuelle Entwicklungen von Licht- und Medienfassaden durchaus als sinnvolle Ergänzungen guter Architekturen und deren Fassadengestaltung, jedoch nicht als Ersatz. »Durch Licht- und Medienfassaden werden Architekturen nun nachtaktiv. Das ist neu. Was ist das Gebäude nachts? Ist es nur Schaufläche? Was geschieht mit dem Inneren? Ist dies noch wichtig oder wird die Aktivität der Menschen ausgeblendet? In dieser Dialektik befindet sich das Thema der Medienfassade.« Werner Frosch ist es wichtig, dass die Geschichte, die das Gebäude nachts erzählt deckungsgleich mit dem Erleben tagsüber ist. »Fassaden müssen gelesen werden können. Sie geben Auskunft darüber, für welche Haltung sie stehen. Darin liegt eine Verantwortung.« Anhand von Projektbeispielen gibt er einen Einblick in den Umgang des Büros Henning Larsen mit transformativen Fassaden. Das bekannteste Projekt darunter ist das Harpa Konzert- und Kongresshaus in Island, dessen Fassade in Kooperation mit dem Künstler Olafur Eliasson entstand. »Für den Entwurf der Fassade war das nordische Licht ausschlaggebend, die dunklen Tage des Winters und die enorme Helligkeit des Sommers, die Nuancen des Lichts, das Spiel, die lange Dämmerung.« Die Fassadenbausteine der dreidimensionalen Gebäudehülle sind an die kristalline Form des Basaltsteins der Region angelehnt. Olafur Eliasson hat für diese Fassadenelemente ein Konzept des farbigen Schimmern entwickelt, das die jeweilige Lichtstimmung verstärkt. Nachts findet eine Mischung aus transparenten Flächen statt, die das Innenleben des Gebäudes nach außen sichtbar machen, und Fassadenelementen die zusätzlich mit LEDs bestückt sind. Eine Lichtschau greift das Thema des Nordlichts auf. »Dadurch herrscht an einigen Fassadenelementen ein sehr viel geringerer Bezug zum Innenraum als an anderen Stellen. Je nachdem erscheint natürlich ein ganz anderer Eindruck des Gebäudes«. Das Harpa Konzert- und Kongresshaus erhält durch die Lichtinstallation die Möglichkeit, seine Außenwirkung flexibel zu gestalten.

Schnittstelle zwischen Raum, Medien und Technologie
Definitiv gefesselt vom Thema der Medienfassade ist Thorsten Bauer. Der studierte Soziologe ist Medienkünstler, Gründer der Agentur für Medienkunst Urbanscreen und Berater im Bereich der Medienfassade. Er stimmt Werner Forsch absolut zu und geht jedoch einen Schritt weiter: »Der künstlerische Kern ist es, das Narrativ von Architektur weiter zu erzählen. Die Herangehensweise ist experimentell und immer die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Gebäudes. Die Projektionen binden das Reale in die Bilder ein und lassen die Grenzen verschwimmen. Wir kreieren durch unsere Inszenierungen keine Medien mehr, sondern wir kreieren Räume. Wir Mediengestalter müssen deshalb denken wie Architekten! Wir schneiden nicht mehr nur Bilder, sondern wir schneiden ganze Architekturen.« Dieser sensible Ansatz im Umgang mit Raum, Architektur und Stadtraum floss auch in die Entwicklung der Medienfassade des Klubhaus St. Pauli ein. »Die Gestaltung der Fassade war durch die wechselseitige Beeinflussung von Architektur und Medien und dem gemeinsamen Entwicklungsprozess von Mediengestalter und Architekt (akyol kamps, Hamburg) geprägt.« Unter Medienarchitektur versteht Thorsten Bauer deshalb auch die Symbiose der drei Bausteine Stein, Licht und digitale Medien. »Erst die Architektur schafft es, das digitale Medium in die Realität zu befördern. Medienfassaden sind also eine Begegnung, die sehr viel mehr in sich trägt als einfach nur Medien und Architektur. Bekommt ein Gebäude allein durch eine Projektion einen digitalen Charakter? Wir haben über die letzten 10 Jahre gelernt, die Geschwindigkeit, die in der digitalen Welt stattfindet, für Gebäudebespielungen stark zu reduzieren. Die Architektur hat uns beigebracht, minimalistisch und reduziert zu arbeiten, damit wir einen magischen Moment schaffen können, an dem sich Medium und Architektur vereinen.«

Er richtet einen Appell an die anwesenden Architekten: »Das Thema der Medienfassade gehört eigentlich in die Hände von Architekten. Nun ist es aber so, dass Architekten diese Nische nicht besetzen. Es gibt eine Scheu. Entweder wagen sie sich nicht an das Thema heran oder sie lehnen es vielleicht auch ab. Jedenfalls werden Künstler herangeholt, um Fassadenbespielungen zu machen. Ich denke aber: Der öffentliche Raum ist keine Galerie! Es ist kein Raum in den Kunst kommuniziert werden muss. Die Medienfassade ist primär eine Fassade. Sie ist Architektur. Sie fällt in den Hoheitsbereich der Architekten. Ich halte es für unglaublich wichtig, dass dies in das Verständnis der Architekten rückt. Nur so werden wir in nachhaltigen Orten leben und nicht in Geflimmer und Geblinke.«

Betrieb einer Medienfassade - Status Quo, Vision und Emotion
»Bei dem Klubhaus wollten wir ein hybrides Objekt schaffen, das gleichsam identitätsstiftende Architektur ist und eine virtuelle Ebene hat. Und zwar in einem Kräftegleichgewicht«, schließt Thorsten Bauer wieder einen Bogen zum Klubhaus. Dasselbe Ziel verfolgt auch der Betreiber und einer der fünf Bauherren, Matthias Leßmann. Der Gastronom schildert die spannende Entwicklungsgeschichte des Neubaus des Klubhaus St. Pauli, das er mit viel Mut, Durchhaltevermögen und Engagement – und wie er selbst auch mit einem Augenzwinkern zugibt – der nötigen Naivität des privaten Bauherrn und zum Glück dem richtigen Team bis zum Schluss durchgezogen hat. Allerdings war die Fertigstellung des Neubaus und das Anwerfen der Fassade erst der Startschuss für den eigentlichen Betrieb der Medienbespielung, die nun dauerhaft – 7 Tage die Woche – stattfindet. Dafür hat Matthias Leßmann gemeinsam mit Axel Strehlitz ein Redaktionsbüro gegründet, das für die Fassaden-Playlist verantwortlich ist. Mittlerweile entstehen dort auch Spots für die Eigenwerbung, aber auch für Werbekunden. Gemeinsam mit der Stadt Hamburg wurden in einem langwierigen Prozess – standardisierte Vorgehensweisen existieren hier noch nicht – die Kriterien für die Bespielung des öffentlichen Raums festlegt. »Wir haben uns auf einen Drittel-Mix geeinigt: 1/3 Kunst und Kultur, 1/3 Eigenwerbung, 1/3 Werbung. Über das finanzierte Drittel können wir für die anderen zwei Drittel Künstler engagieren und die Fassade in eigener Sache bespielen. Es ist wichtig, ein Konzept zu schaffen, dass auch von der Öffentlichkeit angenommen wird.«

Digital out of Home – Werbung im öffentlichen Raum
Bei der Vermarktung für Werbezwecke werden die Betreiber durch Sascha Pfau, 7Screen GmbH, unterstützt. Das Unternehmen ist Spezialist für digitale Bewegtbild-Kommunikation in Gebäuden wie Shopping Malls, Tankstellen, Systemgastronomie, Flughäfen und dem öffentlichen Raum. Sascha Pfau gibt einen Einblick in die Vermarktung von Fassadenflächen, was für viele der Teilnehmer ein neues und bislang unbekanntes Thema darstellt. Dazu gibt er einen kurzen historischen Überblick über Werbeformate von Litfaß-Säulen über Wechselplakate bis hin zur Digitalisierung und der Einführung von Bewegtbildern in den 2000er-Jahren. Bezüglich der Anzahl der digitalen Werbeflächen im öffentlichen Raum ist Europa im internationalen Vergleich noch zurückhaltend. Doch es findet gerade ein Wandel von analogen zu digitalen Flächen statt. Nicht zuletzt auch abzulesen an der Öffnung und Akzeptanz von Sonderprojekten wie dem Klubhaus St. Pauli. Wer nun befürchtet, dass unsere Städte demnächst mit Werbefassaden übersäht sind, dem kann Sascha Pfau die Angst nehmen: »Es geht nicht um eine flächendeckende Berieselung, sondern um ausgewählte Leuchttumprojekte. Es geht um die Bildung von neuen Stadt- und Eventflächen, die nicht nur für Werbung, sondern als Hybrid für Kultur und Kunst, Installationen und Beleuchtung nutzbar sind.« Die Bespielung als Werbefläche sieht er dabei als wichtigen Anreiz für die Umsetzung von Medienfassaden: »Die kommerzielle Nutzung der Fassade trägt dazu bei, die Betriebs- und Instandhaltungskosten der Fassade sowie die kulturelle Nutzung zu finanzieren. Es entsteht eine Re-Finanzierung. Dabei spielt die Qualität der eigentlichen Architektur eine besondere Rolle. Auch wir sind uns dessen bewusst, dass es ein harmonisches Miteinander, ein Gleichgewicht aus Architektur, Kunst und Kultur und der Nutzung für Werbezwecke geben muss. Nicht die Werbung ist das Wichtigste, sondern die Idee, die Architektur, das Gesamtkunstwerk.«

Werbung gestaltet schon jetzt unsere Stadträume und wird es in Zukunft immer mehr tun. Dieser Tatsache können wir uns nicht entziehen. Das eigentliche Problem ist, dass diese Flächen im öffentlichen Raum nicht kuratiert werden. Deshalb bot die Veranstaltung im NEXT Studio eine optimale Gelegenheit in Dialog zu treten und gemeinsam mit Architekten, Mediengestaltern, Bauteil-Herstellern und DOOH-Vermarktern einen Diskurs anzuregen und darüber nachzudenken, wie mit Medien- und Werbeflächen im öffentlichen Raum umgegangen werden sollte. Die Diskussion um Medienfassaden ist nicht trennbar von der Diskussion um die Thematik der Digitalisierung. Darin liegen Chancen und Risiken. Unabhängig davon, wie man persönlich das Thema bewertet, wird man sich zukünftig damit auseinandersetzen müssen. Es gibt keine Möglichkeit, zu sich für oder gegen Medienfassaden zu entscheiden, so das Fazit des Tages. Die Entwicklung wurde bereits angestoßen und wird kommen. Allerdings gibt es für Architekten die Chance diesen Prozess aktiv mitzugestalten und zu kuratieren, wie der Umgang mit Licht, mit Beleuchtung, Inszenierungen und Werbung zukünftig im öffentlichen Raum sein wird.

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