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Mehrdeutiger Hybrid: Bungalow Germania auf der Biennale in Venedig

Ein deutscher Kanzlerbungalow in Venedig? Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis haben Sep Rufs Architekturikone von 1964 detailgetreu im Deutschen Pavillon nachgebaut. Noch nie zuvor war hier Architektur so haptisch erlebbar. Aber macht das Sinn? Vom 7. Juni bis zum 28. November kann sich jeder selbst ein persönliches »Bild« davon machen.

Ort: Venedig, Italien
Dauer: 7. Juni 2014 - 23. November 2014

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht
Foto: Frank Kaltenbach

Noch Mitte April sind die Türen des Arsenale verschlossen, ist es in den Giardini mucksmäuschenstill. Das gesamte Gelände liegt wie im Dornröschenschlaf. Am japanischen Pavillon pinselt ein einzelner Arbeiter an der in die Jahre gekommenen Sichtbetonfassade, bei den Nordischen Ländern wird das Laub aus der Ausstellungshalle gekehrt und bei den Franzosen weckt immerhin ein rot-weißes Absperrband die Hoffnung, dass der Aufbau demnächst beginnt. Auf der Rückseite des Deutschen Pavillons, wo ein schmaler Fußweg zu einem schattigen Spaziergang mit Blick über die Lagune einlädt, kontrollieren Vertreter der Biennale, ob der Gärtner das Dickicht in genügendem Maße zurückgeschnitten hat.

Unter dem monumentalen Portal jedoch herrscht reges Treiben, ist der Rote Teppich ausgerollt, sind die Scheinwerfer bereits eingeschaltet, stehen die zwei Generalkommissare Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis im Rampenlicht und geben Fernsehinterviews. Exakt acht Wochen vor der offiziellen Eröffnung am 6. Juni ist die Ausstellung im Deutschen Pavillion fertig aufgebaut!

»Bungalow Germania« nennen Lehnerer und Ciriacidis ihre Collage, einen Raumverschnitt aus dem Kanzlerbungalow von Sep Ruf in Bonn und dem Padiglione di Germania, in den Giardini. Lehnerer und Cariacidis sind sichtbar entspannt. Den größten Teil Ihrer selbstgestellten Aufgabe haben sie gemeistert. Doch wie werden die Besucher am 7. Juni auf die Installation reagieren? Werden Architekturkenner das Projekt als absurde Effekthascherei ablehnen? Kann die Installation funktionieren, auch wenn man den Kanzlerbungalow und seine Geschichte bisher nicht kannte? Und – erwartet der Besucher von einem Beitrag zur Architekturbiennale nicht doch irgendwie die Präsentation aktueller Best Practice-Projekte?

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht
Foto: Frank Kaltenbach
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Flagge
Foto: Frank Kaltenbach
Deutscher Pavillion in Venedig, Generalkommissare Architekturbiennale 2014

Rem Koolhaas hat den Komissaren der Länderpavillons die Aufgabe gestellt, sich interaktiv und forschend mit der Absorption der Moderne in den Jahren 1914 bis 2014 auseinanderzusetzen. »Mit dem Einbau des Kanzlerbungalows in den Ausstellungspavillon lassen wir zwei Auffassungen von staatlicher Repräsentation aufeinanderprallen: die informelle durchdringt die monumentale und umgekehrt. Bei der Umsetzung ging es darum, mit maximaler Konsequenz diese Idee der Montage und der Kollision haptisch glaubhaft zu machen.«

Im April erklärt Alex Lehnerer sein Konzept wie folgt: »Wir wollten aber auf jeden Fall den Eindruck einer Kulisse vermeiden, sondern erreichen, dass beide Gebäude – Bungalow und Pavillon – auf Augenhöhe korrespondieren. Unser Konzept hat nichts mit Arbeiten von Künstlern wie Thomas Demand zu tun, der reale Räume in Papier nachbaut und fotografiert. Unser Endprodukt ist eine architektonische Montage, begehbar und damit physisch erlebbar.«

Dem Besucher, der wie ein Filmstar über den Roten Teppich durch die monumentalen Säulen von Ernst Haiger schreitet, stellt sich Sep Ruf entgegen, in Form einer Nussbaumwand des Kanzlerbungalows. Ob die Analogie zum Schmerzensmann, der als mahnendes Kruzifix als Mittelsäule die Portale gothischer Kathedralen versperrt, beabsichtigt ist?

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Eingang
Fotos: Frank Kaltenbach
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Stütze Innenraum

Wie noch bei keiner Biennale zuvor, haben sowohl Onlineportale, als auch Printmedien einzelne Pavillons bereits vor der offiziellen Eröffnung angeteasert (siehe DETAIL 6/2014, S. 566-580). Lohnt sich überhaupt ein Besuch vor Ort, wenn in Zeitschriften und Newslettern bereits im Vorfeld Interviews abgedruckt und Bilderfluten auf den Architekturinteressierten losgelassen werden? Und was wird übrig bleiben von all den Mühen und Konzepten, wenn sich am 23. November die Pforten wieder schließen und die Giardini für einen Winter lang erneut dem Wildwuchs überlassen bleiben?

Bilder sind wichtig, um Architektur zu kommunizieren. Deshalb die Eile beim Aufbau des Kanzlerbungalows im Deutschen Pavillon: Nur über Fotos kann das Konzept von zwei sich durchdringenden Bauten verifiziert werden. Eine Fotomontage oder ein Rendering hätte den wichtigsten Teil des Beitrags im Katalog nicht wiedergeben können. Damit der Katalog mit Bildern der fertigen Installation bereits zur Eröffnung vorliegen kann, muss die Baustelle mit viel Vorlauf abgeschlossen sein.

Deutscher Pavillion in Venedig, Grundriss
Grundrissüberlagerung des Kanzlerbungalows mit dem Deutschen Pavillion in Venedig
Kanzlerbungalow in Bonn, Grundriss
Grundriss der Installation im Deutschen Pavillon
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum
Fotos: Frank Kaltenbach
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum

Die Verschneidung der physischen Räume mit ihrer materiellen Haptik führt durch die Glasreflexe zu virtuell anmutenden filmischen Bildsequenzen.

Kanzlerbungalow in Bonn, Außenansicht
Schwäbisch Hall, Archiv/Museum Würth, Künzelsau, Foto: Paul Swiridoff
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innen
Foto: Frank Kaltenbach
Kanzlerbungalow in Bonn, Außenansicht
Foto: Presse-und Informationsamt der Bundesregierung
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innen, Kamin
Foto: Frank Kaltenbach

Im Dialog beider Bauten entdeckt man immer wieder eine fast unangenehme Harmonie einer ähnlichen Materialästhetik und stößt auf zu erwartende, aber dennoch befremdliche Brüche und Schnitte in der Dramaturgie. Wo beim Kanzlerbungalow in Bonn der Blick unter dem weiten Dachrand hinausschweift zum Rhein, prallt er im Deutschen Pavillion gegen die kahlen Mauern. Der Kamin, mit seinen gegenüberliegenden Feuerstellen zum Atrium bzw. zum Esszimmer ist im Kanzlerbungalow in Bonn ein transitorisches Mittel des Übergangs zwischen Innen und Außen. Hier im Padiglione di Germania in Venedig erfährt er durch die Apsis, die ihn halb umschließt, einen seltsam düsteren Ausdruck, als würde er an die martialische Skulptur erinnern, die der Bildhauer Arno Breker hier 1939 zur Verherrlichung des Nationalsozialismus aufgestellt hat.

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum
Fotos: Frank Kaltenbach
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum

Durch die Überlagerung der zwei Gebäude »schneiden« die  Wände des Pavillonbaus von 1909 in den Kanzlerbungalow von 1964.

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum
Foto: Frank Kaltenbach

An einer Stelle aber geben die Pavillonwände der Architektur Sep Rufs einen repräsentativen Rahmen.

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum, Inneneinbau Aufsicht
Foto: Frank Kaltenbach

Wo beginnt das Innen, wo endet das Außen?
Seit die Zwischendecke des Pavillons 1964 entfernt wurde, ist die unrepräsentative Stahlbetondecke sichtbar. Ciriacidis Lehnerer strahlen sie mit Scheinwerferlicht an und stellen mit dieser Inszenierung des einst Unsichtbaren den monumentalen Pavillon als dekorierten Schuppen bloß. Gleichzeitig offenbart sich die haptisch materialisierte Replik des Kanzlerbungalows vom schmalen Kranzgesims aus gesehen als Kulisse. Leider ist dieser exponierte Standort für Besucher nicht zugänglich.

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum, Kamin
Foto: Frank Kaltenbach

Die Installation weckt Assoziationen zu den Atriumhäusern von Mies van der Rohe und seinen Mitstreitern, die ab den 1920er Jahren regelmäßig als Musterhäuser des Neuen Wohnens in Ausstellungshallen für nur wenige Wochen aufgebaut wurden. Solche »Haus im Haus« Installationen kennen wir aber nur von historischen Schwarz-Weiß-Fotos. Der Kanzlerbungalow ist dagegen nicht nur farbig, sondern kann räumlich und haptisch erlebt werden.

Deutscher Pavillion in Venedig, Lichtschalter
Unterschiedlicher Geschmack: Lichtschalter Helmut Kohls (links), Lichtschalter Ludwig Erhards (rechts), Foto: Frank Kaltenbach

Im Gegensatz zum Originalbungalow in Bonn erscheinen alle Oberflächen neu wie beim Einzug Ludwig Erhards im Jahr 1964. Einzige Ausnahme sind die Lichtschalter, die – wie in Bonn – den unterschiedlichen Geschmack der Bungalowbewohner Helmut Kohl und Ludwig Erhard versinnbildlichen. Sämtliche Materialien sind dem Original exakt nachempfunden. Die Ziegel des Kamins wurden eigens für die Bungalowreplik gebrannt.

Deutscher Pavillion in Venedig, Innenraum, Ziegel Kamin
Foto: Frank Kaltenbach

Ein Raum ist, wie beim Originalbungalow in Bonn, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich: die Küche. In allen Einzelheiten haben Ciriacidis Lehnerer auch diesen Bereich rekonstruiert, bis hin zum gleichen Modell der Küchenspüle, die einst Sep Ruf einbauen ließ. Der Blick durch die Fassade von außen in den unzugänglichen Raum erhöht die Spannung: Am liebsten würde man auch hier hineingehen, um alles genau zu inspizieren.

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum
Blick von der Veranda in die Küche, Fotos: Frank Kaltenbach
Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Konstruktion Installation
Von den Wänden abgehängte Deckenkonstruktion über der Küche. Dieser Blick hinaus zur Lagune bleibt den Besuchern verborgen

Am Ende des Rundgangs lassen die Kuratoren den Besucher gegen die Wand laufen. Im Gegensatz zum Bonner Bungalow weist nicht das Vordach zum Ausgang, sondern die Nussbaumwand, die mittig im Eingangsportal des Pavillion steht.

Deutscher Pavillion in Venedig, Ansicht Innenraum
Foto: Frank Kaltenbach

Haben die Kuratoren die Zielvorgabe von Rem Koolhaas erreicht?
Die Frage wie Deutschland zwischen 1914 und 2014 die Moderne absorbiert hat, beantwortet diese Installation nicht, und schon gar nicht umfassend. Der Deutsche Beitrag aber schafft es, Irritation und Verunsicherung auszulösen, er provoziert Fragen zum individuellen Geschmack und zum kollektiven Architekturverständnis. Der eine oder andere Besucher, ob Fachmann oder Laie, wird den Pavillon mit unverständigem Kopfschütteln verlassen – in Erinnerung wird das Erlebnis dennoch bleiben.

Der Pavillon ist ein Plädoyer für die Architektur und hinterfragt ihre mediale Präsentation durch andere Medien. Er erinnert an die Biennale 2010, als Kazuyo Sejima Direktorin war. Ihr Anliegen war es, sich auf die unmittelbare, sinnliche Wirkung von Architektur zu verlassen: Raum, Material, Licht, Klang, Gerüche. Alex Lehnerer und Savvas Cariacidis sind Architekten und sie verbinden das Sinnliche von Sejima mit dem Assoziativen von Rem Koolhaas. Sie arbeiten in ihrem Beitrag mit den Mitteln der Architektur, um die Möglichkeiten und Grenzen von Architektur spielerisch und empirisch im Maßstab 1:1 auszuloten. Gleichzeitig gelingt es ihnen – teils beabsichtigt, teils zufällig durch die unvorhersehbaren Folgen ihrer Grundsatzentscheidung – verschiedene intellektuelle Metaebenen wachzurufen. Das Projekt stößt Gedankengänge über Architektur als Erlebnis sowie als Kommunikationsmedium an und macht neugierig auf die Geschichte hinter der Geschichte.

Die Generalkommissare schicken den Besucher mit zwar kostspieligen, aber konzeptionell äußerst einfachen architektonischen Mitteln auf eine Forschungsreise durch zwei konkrete Gebäude und gleichzeitig durch eine vage, sich im Laufe der Zeit verändernde deutsche Befindlichkeit. Dabei läuft der Film dieser interaktiven Auseinandersetzung nicht in Form von Videos, als Wandprojektion, Touchscreen oder auf dem Tablet, sondern im Kopf.

Noch nie zuvor wurde bei einem deutschen Beitrag zur Architekturbiennale nur ein einziges Gebäude präsentiert. Noch nie zuvor war hier Architektur so haptisch erlebbar. Noch nie zuvor haben die Kuratoren auf jegliche didaktische Erklärung verzichtet. Vielleicht ist das auch wirklich nicht nötig. Dem Deutschen (Architekten) ist der Streit zwischen informeller Weltoffenheit (Bundestags-Plenarsaal in Bonn) und monumentaler Repräsentation um jeden Preis (z.B. Stadtschloss Berlin) nicht ganz fremd. Schließlich ließ schon Goethe seinen Faust jammern: »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust / Die eine will sich von der andern trennen.«

Noch wissen wir nicht, wie die anderen Pavillons aussehen. Der Deutsche Beitrag will kein politisches oder soziales Statement sein, um die Welt zu verbessern. Dennoch hat »Bungalow Germania« als mehrdeutiger Hybrid das Zeug für eine eindeutige Entscheidung der Biennale-Jury: Der Goldene Löwe für den besten Länderpavillon könnte dieses Mal drin sein.


Förderer:
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
mit: ETH Zürich
Architekten: Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis, Zürich-CH
Realisierung und Ausstellungsgestaltung: Ciriacidis Lehnerer Architekten
Projektleitung: Carolin Lehnerer, Eugenio Squassabia, Benedikt Heesen
Ausstellungsbau, Logistik: Nüssli Gruppe, Hüttwilen-CH


weitere Informationen
:
www.bungalowgermania.de
www.labiennale.org


DETAIL-Bericht »Unvollendet? - Die Architekturbiennale von Rem Koolhaas«

DETAIL-Bericht »Tanzend - Die Architekturbiennale von Rem Koolhaas«

DETAIL-Bericht »Palazzo Mora: Architekturbiennale in Venedig«

DETAIL-Bericht »Japanisches Flair in Venedig: Gläsernes Teehaus von Hiroshi Sugimoto«

DETAIL-Bericht »Nord-Süd-Monolog: Goldener Löwe für den koreanischen Biennale-Pavillon«


Eine ausführliche Print-Dokumentation finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe
DETAIL 2014/6 zum Thema »Bauen mit Beton«.

Stichworte:
Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 6/2014

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