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Mikro-Räume mit großer Wirkung – ein Gespräch mit Atelier Bow-Wow

Klein im Maßstab, groß in der Wirkung: Das BMW Guggenheim Lab, für das Atelier Bow-Wow eine Carbon-Konstruktion entwarf, ist nur eines von vielen Projekten, mit denen das Tokioter Büro mittels homöopathisch dosierter Eingriffe Einfluss auf die Nutzung und Bespielung von öffentlichen und halböffentlichen Räumen nimmt. In Berlin zeigt die Galerie Aedes dazu eine Ausstellung. DETAIL sprach mit Momoyo Kaijima über räumliche Inszenierungen, die Gestaltung von Gemeinschaft und warum sie sich in diesem Jahr mit japanischen Fischern trifft, anstatt auf die Architekturbiennale in Venedig zu fahren.

BMW Guggenheim Lab in New York; (c)Solomon R. Guggenheim Foundation, Foto: Kristopher McKay

DETAIL: Frau Kaijima, Ihre riegelartige Konstruktion für das BMW Guggenheim Lab schuf in New York eine spannende Passage, einen Raum, der sowohl Durchgang als auch Platz und Aufenthaltsort war. Das Lab ist ein Ort, der weder „drinnen“ noch „draußen“ ist, sich weder klar als privater noch als öffentlicher Raum definieren lässt. Was fasziniert Sie an diesem „Verwischen“ von Zuordnungen?

Momoyo Kaijima:
Unser Entwurf hat sich komplett aus der städtebaulichen Situation in New York entwickelt. Der Raum war eigentlich schon da, wir haben ihn nur gefasst und ihm eine neue Richtung hinzugefügt. Es war uns wichtig, dass das Lab von beiden Seiten der Häuserreihe aus wahrgenommen wird. Auf der einen Seite gibt es einen Platz, dort ragte der Riegel weit aus der Häuserflucht hervor, so dass er auch vom etwas entfernten Gehweg aus sichtbar war und die Neugier der Passanten weckte. Rechts und links davon bildeten sich neue kleine Räume, die unterschiedlich genutzt wurden. Auf einer Seite hatten wir zum Beispiel ein Café eingerichtet.

BMW Guggenheim Lab in New York; (c)Solomon R. Guggenheim Foundation, Foto: Kristopher McKay

DETAIL: Was ist anders am Standort hier auf dem Pfefferberggelände in Berlin-Prenzlauer Berg?

Momoyo Kaijima:
Dieser Hof hier hat einen ganz eigenen Charakter und eine besondere Qualität. Schon der Weg durch die verschiedenen Höfe auf dem Pfefferberg ist räumlich interessant. Ein Hof ist an sich ja auch schon ein Raum, dessen Wahrnehmung zwischen innen und außen, privat und öffentlich changiert. Das Lab ist darin eingebettet, fügt dem eine weitere Schicht hinzu. Wir fanden es interessant, was für Materialien hier aufeinander treffen, diese glatte Wand hier mit dem weißen Feld mag ich zum Beispiel sehr gerne. Der Riegel steht relativ nah daran, berührt sie aber nicht. Dafür gibt es hier neben dem Lab eine große Fläche, hier können die Leute auf dem Rasen sitzen und den Veranstaltungen zuschauen. Auch die Lichtsituation ist schön, es ist hell hier und offen, nicht so beengt wie in New York.

BMW Guggenheim Lab in Berlin, Foto: Christian Richters

DETAIL: In Ihrer Ausstellung bei Aedes sieht man noch mehr Planungen für öffentliche Räume, die Sie mithilfe kleiner Eingriffe „aktivieren“, d.h. Ihre Gestaltung ermöglicht bestimmte Aktivitäten. Was interessiert Sie so am öffentlichen Raum?

Momoyo Kaijima:
In Japan führen wir viele Diskussionen über Umgang und Pflege des öffentlichen Raums. Im 20. Jahrhundert ging es vor allem darum, diesen Raum überhaupt zur Verfügung zu stellen; das reicht heute aber nicht mehr. Heute müssen wir auch Möglichkeiten der Aneignung und Nutzung dieser Bereiche anbieten. Das alte Prinzip: „Ich zahle meine Steuern, und der Staat kümmert sich um die öffentlichen Flächen“ funktioniert nicht mehr, denn die Erhaltung dieser Flächen ist nicht nur aufwändig und kostspielig, der öffentliche Raum wird so auch zu etwas Fremdem und Fremdbestimmtem. Die Anwohner identifizieren sich viel stärker mit einem Ort, in dessen Gestaltung sie von Anfang an mit einbezogen sind; man lernt etwas über seine Nachbarn und schafft ein neues Verständnis von Verantwortung für diesen gemeinschaftlich gestalteten und genutzten Raum.

Die Neugestaltung des Miyashita Parks mit vielen unterschiedlichen Sport- und Aufenthaltsmöglichkeiten wurde gemeinsam mit den Anwohnern und den lokalen Behörden realisiert und von Nike Japan unterstützt. Der Park liegt auf einem ehemaligen Parkhaus im Stadtteil Shibuya in Tokio. Fotos: Atelier Bow-Wow

DETAIL: Und Sie schaffen mit Atelier Bow-Wow dann den Rahmen dafür?

Momoyo Kaijima: Genau, das ist eigentlich die Idee unserer Entwürfe, auch beim Guggenheim Lab. Wir wollen einen Rahmen für unterschiedliche Aktivitäten anbieten, einen offenen Rahmen. Mit der Möblierung, die wir dafür entwerfen, werden diese Aktivitäten konkretisiert, lassen aber immer noch unterschiedliche Konstellationen zu. 

DETAIL: Die großen Axonometrien, die Sie für diese Entwürfe anfertigen, sind von Hand mit Bleistift gezeichnet. Es stehen viele Namen darauf. Hat das auch etwas mit Gemeinschaft zu tun?

Momoyo Kaijima: Ja, es macht den Studenten Spaß, gemeinsam an den Plänen zu zeichnen. Sie lernen sich dabei kennen. Das ist etwas anderes, als wenn jeder einzeln am Computer sitzt, selbst wenn wir selbstverständlich auch mit dem Computer arbeiten.

Pläne zeichnen, Foto: Atelier Bow-Wow

DETAIL: Das Thema, mit dem David Chipperfield in diesem Jahr die Hauptausstellung der diesjährigen Biennale bespielen will, hat auch etwas mit Gemeinschaft zu tun: Common Ground. Vor zwei Jahren waren Sie mit einem Mini-Haus im Japanischen Pavillon und dem Beitrag Behaviorology vertreten, sind Sie 2012 wieder in Venedig?

Momoyo Kaijima: Nein. Dieses Jahr haben wir uns mit Architekten zusammen getan, die sich die Aufarbeitung der Folgen des Erdbebens in Japan zur Aufgabe gemacht haben. Die Gruppe besteht aus 300 Architekten und nennt sich ArchiAid. Wir versuchen, uns gegenseitig auszutauschen, um den Betroffenen zu helfen. Es gibt viele verschiedene „Baustellen“, konkret geht es in unserem Projekt darum, die Fischer auf der Halbinsel Oshika bei der Neugestaltung ihrer Wohn- und Arbeitsorte zu unterstützen. Der Tsunami hat die Küste dort an vielen Stellen stark beschädigt und die Wohnhäuser der Fischer vernichtet. Die Regierung will, dass die Fischer weiter weg von der Küste ziehen, in die höher gelegenen Regionen, damit sie vor künftigen Katastrophen geschützt sind. Das ist natürlich vernünftig, aber die Wege werden dadurch weiter, das Bauland muss vorbereitet werden, das alles dauert lange und die Fischer müssen ja zwischendurch auch irgendwo wohnen und arbeiten.
Uns geht es zudem darum, die Schönheit dieser Landschaft dort wiederherzustellen. Und natürlich hat die Fischerei auch einen hohen kulturellen und wirtschaftlichen Wert in Japan. Fisch ist bei uns ein „großes Ding“. Wenn wir die Fischerei vernachlässigten, verlören wir einen großen Teil unserer Kultur. Die Fischer, mit denen wir auf Oshika zusammenarbeiten, besitzen ein riesiges Wissen über alles, was mit Fischen zu tun hat: über das Wetter und das Meer, die Pflanzen, die Tiere, die Gezeiten. Wir gehen dorthin, um ihnen zu helfen, aber gleichzeitig lernen wir von ihnen unglaublich viel.

DETAIL:
Frau Kaijima, vielen Dank für das Gespräch.

Bilder oben: Projekt „White Limousine Yatai“; Foto: Kasane Nogawa
unteres Bild: Modellfoto des Projekts Kitamoto KAO, Umgestaltung eines Bahnhofsvorplatzes in Tokio. Mittels Rasenflächen, der Einführung eines Wochenmarktes und weiteren Eingriffen erhält der Platz unterschiedliche Aufenthaltsqualitäten und Räume für nachbarschaftliche Aktivitäten.
Momoyo Kaijima, Foto: Atelier Bow-Wow

Ausstellung: Public Space by Atelier Bow-Wow, Tokyo. In the State of Spacial Practice, Aedes am Pfefferberg, Christinenstraße 18-19, 10119 Berlin, www.aedes-arc.de

Die Ausstellung läuft noch bis 5. Juli 2012.

Öffnungszeiten: Di-Fr 11-18.30 Uhr, Sa-So 13-17 Uhr

Atelier Bow-Wow: www.bow-wow.jp

Das BMW Guggenheim Lab Berlin befindet sich direkt neben der Galerie Aedes am Pfefferberg. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Das Gespräch mit Momoyo Kaijima führte Cordula Vielhauer.

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