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Mit der Kraft der Sonne und dem Geist der Mitarbeiter

Die Geschichte der Wagner & Co. GmbH ist auch die Geschichte der Solartechnik in Deutschland. Von der ersten kleinen Anlage zur Warmwassergewinnung auf einem Bauernhaus bis zur Inbetriebnahme eines 34?000-m2-Photovoltaik-Parks sind 33 Jahre vergangen. Spannende Jahre, wie wir im Gespräch mit dem Gründungsmitglied Peter Jacobs erfahren.

Die 1970er Jahre waren geprägt durch Demonstrationen. Wer etwas auf sich hielt, engagierte sich politisch, und nach der Ölkrise vermehrt auch ökologisch. Doch nur einfach gegen Atomkraft zu sein, war neun Marburger Studenten schlicht zu wenig. Sie wollten sich aktiv an der Suche nach alternativen Energien beteiligen und gründeten 1978 ein Energiebüro. An Aktionsständen sowie in Workshops und in zahlreichen Publikationen informierten sie über neue Energiequellen und alternatives Bauen.

Die ausgestreuten Samen fielen auf fruchtbaren Boden und der Kreis der Zuhörer wurde immer größer. Besonders interessiert zeigte sich eine Bäuerin aus Kassel, die es leid war, immer erst ihren Warmwasserboiler mit einem Holzfeuer anheizen zu müssen, um warmes Wasser zu erhalten. Sie erteilte den Studenten den ersten Auftrag zum Bau einer kleinen Solaranlage mit einem 300-l-Speicher. Die Begeisterung, die Ideen endlich auch in die Praxis umsetzen zu können, war groß. Im Sommer 1978 wurde die Solaranlage an mehreren Wochenenden auf dem Bauernhof installiert. Die Bäuerin bezahlte das Material und verköstigte die Studenten, diese arbeiteten dafür umsonst.

Schnell sprach sich die erfolgreiche Installation herum und im Herbst erhielten die Aktivisten einen zweiten Auftrag. In einem Kinderheim in Ehringen sollten mittels 20 m2 Kollektorfläche und zwei Speichern mit je 500 l 20 Personen mit warmem Wasser versorgt werden. Die beiden Kombispeicher wurden bei Thyssen bestellt, um Kosten zu sparen wollten die Studenten sie mit einem VW-Bus direkt im Werk abholen. »Beinahe wäre der ganze Auftrag gescheitert, weil sich der Vertriebsleiter weigerte, die Tanks in unseren VW-Bus zu laden. Er fühlte sich veräppelt und hätte uns fast vom Hof gejagt. Erst nach langem Zureden gab er seinem Staplerfahrer die entsprechenden Anweisungen und staunte nicht schlecht, als wirklich alles reinpasste«, erinnert sich Peter Jacobs. Die Kollektoren wurden auf dem Dach des Kinderheims installiert, die beiden Speicher mittels Leitern und Muskelkraft über das Dach in das Innere des Spitzbogen geschafft und unterm Dach aufgestellt, alles ging glatt.

Bild 4: Die Frage: Wie schafft man einen 500-l-Kombispeicher ohne Kran über das Dach in den Spitzbogen eines Kinderheims in Ehringen? Die Antwort: Mit viel Begeisterung für die gute Sache und einer gehörigen Portion Muskelkraft.

Doch in der darauf folgenden Zeit machte den jungen Ideologen die Haftungsfrage sehr zu schaffen. Wer würde für den Schaden aufkommen, falls beispielsweise die Speicher undicht wären und 1000 l Wasser im Dachboden ausliefen? Um den Schaden, beziehungsweise die Haftung, zu begrenzen gründeten sie eine GmbH. Das Startkapital von 25000 DM brachten die Studenten gerade noch zusammen, nicht ganz einfach war jedoch die Suche nach einem passenden Firmennamen. Einen Kunstnamen wollte das Amtsgericht nicht akzeptieren und nicht jeder der Nachnamen der Gründungsmitglieder – Jacobs, Holland, Maas, Rabanus, Schreier, Rotarius, Wagner und Weber – eignete sich, ohne dabei bestimmte Assoziationen zu wecken. Schließlich einigte man sich auf Wagner & Co., da der Name mit Eva und Andreas Wagner zweimal vertreten war, ohne dass die beiden miteinander verwandt waren.

Von Anfang an war Wagner & Co. als Unternehmen im Mitarbeiterbesitz ausgelegt. Jeder war gleichberechtigt und jeder verdiente auch gleich viel – von der Putzfrau bis zum Entwicklungsleiter. Jeder machte alles, nur mit unterschiedlichem Erfolg. »Wir waren alle Studenten unterschiedlicher Ausrichtung, von Physik über Medizin bis hin zu Psychologie. Klar, dass damit auch verschiedene Kompetenzen und Talente zusammen kamen, die sich erst herauskristallisieren mussten. Nicht jeder war für jeden Job gleich gut geeignet«, erzählte Peter Jacobs. Auch die Entlohnung nach dem Prinzip »gleiches Geld für gleiche Arbeit« wurde bald reformiert und wich einem System, das z.B. auch den Zeitaufwand und die Kosten der Ausbildung berücksichtigte. Nur an der Ausrichtung der Firma als mittelständisches Unternehmen, das sich zu 100% in Mitarbeiterbesitz befindet und demokratische Strukturen hat, hat sich nichts geändert. Einen Aufnahmeantrag als Gesellschafter kann heute jeder stellen, der mindestens 135 Stunden pro Monat arbeitet und dem Unternehmens mehr als zwei Jahre angehört. Rund 100 der insgesamt 400 Mitarbeiter sind Gesellschafter, die direkt am Unternehmenserfolg beteiligt sind.

Nach der Unternehmensgründung publizierte Wagner verschiedene Fachbücher, die der breiten Öffentlichkeit die Chancen der Solarenergie näherbringen sollen. Wurden in den ersten Jahren die Kollektoren mit Absorbern aus schwarz lackiertem Kupferblechen mit auf der Rückseite aufgelöteten Rohrschlangen noch selbst gefertigt, so übernahm das Unternehmen 1983 den Generalimport der ersten hocheffizienten selektiv beschichteten Absorberstreifen aus Schweden. Die »Sunstrips« ermöglichten eine deutliche Leistungssteigerung der Solaranlagen. Ein Vergleichstest der Stiftung Warentest bescheinigte das mit Abstand beste Preis-Leistungs-Verhältnis des von Wagner angebotenen SB-Kollektorsystems mit Sunstrip-Absorbern.

Die Nachfrage wuchs, und es entstand zunehmend Bedarf nach fertig montierten Kollektoren und rationellen Montagesystemen. Auch der Kundenkreis veränderte sich jetzt vom Selbstbauer hin zum Fachhandwerker. Nach einem zunächst teilgefertigten Leichtbau-Kollektorsystem im Jahre 1988 entwickelte Wagner & Co. 1990 den komplett vorgefertigten »Euro-Kollektor«, der sich durch seine besonders einfache Installation auszeichnete.

Zwischenzeitlich »stolperte« Wagner über einen weiteren Meilenstein, der das Unternehmen entscheidend voranbringen sollte. Anfang 1988 hatten zwei junge Männer von Ufe aus Göttingen ein Netzeinspeisegerät angeboten, »mit dem man den Solarstrom in Wechselstrom umwandeln und über eine Steckdose direkt ins öffentliche Netz einspeisen könne.« Zunächst skeptisch orderte Wagner zwei Geräte und verkaufte sie an Kunden, die den Bezug von Atomstrom vermeiden wollten. Alles funktionierte und im April 1988 ging die erste kommerzielle Netzeinspeisungsanlage Deutschlands in Staufenberg bei Gießen ans Netz.

In den folgenden Jahren spezialisierte sich das Unternehmen auch auf den Bau von solaren Großanlagen. In Hamburg-Bramfeld entstand die erste Solarsiedlung Deutschlands, wobei Wagner & Co. mit einer Kollektorfläche von ca. 3.000 m2 kombiniert mit einem 4.500 m3 großen Solar-Saisonspeicher die bis dahin größte thermische Solaranlage baute. Heute gehören ein breites Spektrum von Systemen und Komponenten der thermischen Solartechnik und der Photovoltaik für Klein- und Großanlagen sowie seit 2001 auch Holzpelletkessel zum Lieferprogramm. Mit eigenen Niederlassungen in Spanien, Frankreich, Italien, England und den USA bedient Wagner die sich dort entwickelnden Märkte.

Gelebte Nachhaltigkeit, das festgeschriebene Gesetz des Unternehmens, galt auch beim Bau der neuen Unternehmenszentrale in Cölbe nur wenige Kilometer von Marburg entfernt. Mit über 2000 m2 Geschossfläche entstand Europas erstes Bürogebäude als Passivhaus. Das energetische Konzept verbindet die Vorteile einer konsequenten Wärmedämmung mit der Energiegewinnung aus Abluft- und Erdwärme sowie der Aktiv-Solarnutzung und der Kraft-Wärme-Kopplung. Ursprünglich ausgelegt für 50 Büroarbeitsplätze, finden heute 75 Wagner-Mitarbeiter samt Schreibtischen hier eine gute Arbeitsatmosphäre, ohne dass das Konzept hätte geändert werden müssen.

Die beständig steigende Nachfrage nach Solartechnik beantwortete Wagner 2008 mit dem Bau einer neuen Fertigung in Kirchhain. Und es wäre nicht Wagner, wenn es sich dabei um eine ganz »normale« Fabrik handeln würde. So sieht das integrierte Energiekonzept für das Gebäude neben konsequenter Energiespartechnik eine praktisch autarke Energieversorgung vor, die ausschließlich regenerativ und CO2-neutral an Ort und Stelle gewonnen wird. Dank des Einsatzes von Industrierobotern, Laserschweißautomaten und Ultraschalltechnologie können hier bis zu 200.000 Kollektoren im Jahr in fünf parallelen Fertigungsstraßen produziert werden. Um schnell auf die variierenden Marktanforderungen reagieren zu können, ist die parallele Fertigung unterschiedlicher Kollektormodelle möglich.

2009 schrieb das Unternehmen ein neues Kapitel Unternehmensgeschichte. 58 Mitarbeiter haben sich zur Solardach 2 GmbH & Co. KG zusammengeschlossen, um in Aurich, im Norden Deutschlands, eine 1,9 MW netzgekoppelte Freiflächen-Photovoltaik-Anlage nicht nur zu entwickeln und zu planen, sondern auch zu finanzieren. Mit diesem Engagement wollen die Unternehmer ein Zeichen dafür setzten, dass es sich zum einen lohnen kann, auch ohne staatliche Förderung in Solarstrom zu investieren, und in Fortführung der Wagner-Historie ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche mitarbeitergeführte Firma geben. Im November 2010 wurde Wagner & Co. mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis als eines der drei nachhaltigsten Unternehmen Deutschlands ausgezeichnet. Die Jury würdigte damit das Engagement des Unternehmens in allen Aspekten der Nachhaltigkeit – ökologisch, ökonomisch und sozial. Wer die Firmenzentrale in Cölbe besucht, kann etwas von dieser gelebten Nachhaltigkeit spüren – hier werden nicht nur sehr erfolgreich Systeme zu alternativen Energiegewinnung entwickelt und produziert. Hier fließt auch der Geist der Mitarbeiter.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 4/2011

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