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Mit Ideen gegen den Leerstand: Schusterbauerhaus in München

Der Stadtteil Alt-Riem ist einer jener Flecken in München, an denen das rasante Wachstum der Metropole fast spurlos vorbeigegangen zu sein scheint. Doch der erste Eindruck täuscht: Keine 200 Meter südlich des bis heute dörflich anmutenden Ortskerns tost die Autobahn vorbei; dahinter begann früher das Gelände des Münchener Flughafens und jetzt die „Messestadt“, der seit den 90er-Jahren errichtete Stadtteil rund um das Münchener Messegelände. 

Als das „Schusterbauerhaus“ hier Mitte des 18. Jahrhunderts errichtet wurde, deutete noch nichts auf diese wechselvolle Zukunft hin. Über Generationen lebten seine Bewohner – der Name sagt es – von Landwirtschaft und Schusterhandwerk. Doch Mitte des 20. Jahrhunderts brach für das alte Bauernhaus eine wechselvolle Zeit an: Der letzte „Schusterbauer“ war kein Schuster mehr, sondern ein Metzger und Rennpferdbesitzer, der auf der nahe gelegenen Galopprennbahn zum Millionär avancierte. Er starb kinderlos und ohne größere Umbauten an dem Haus vorgenommen zu haben. Sein Alleinerbe – der Knecht – verwettete das Vermögen nach und nach auf der Pferderennbahn.

Seit den 90er-Jahren stand das Haus leer und verfiel zusehends. Denkmalgeschützt war die Ruine zwar, doch ihr Zustand – komplett leergeräumt, stellenweise ohne Fensterscheiben und mit teils großen Löchern in den Geschossdecken – ließ einen drohenden Abriss befürchten.

Die Millionärsruine wird zum Mietshaus

So wäre es wohl auch gekommen, wenn nicht der Immobilienunternehmer Stefan Höglmaier  das Schusterbauerhaus 2013 erworben hätte. Seine Vision: die Ruine zu einem Mietshaus mit zwei Wohnungen umzugestalten. Mit dem Umbau beauftragte er den Architekten Peter Haimerl, der sich spätestens mit der Erneuerung eines Bayernwaldhauses in Viechtach (Arbeitstitel „Birg mich, Cilli!“) einen Ruf als Retter scheinbar bereits verlorener Bausubstanz erworben hat.

Wie dort bewies Haimerl auch in München-Riem ein feines Gespür für die Potenziale, die einer gleichberechtigten Ineinander-Verschränkung von Alt und Neu innewohnen. Bei der Annäherung aus Nordosten, vom Ortskern her, wirkt das Schusterbauerhaus auf den ersten Blick wie ein Neubau: Das Dach ist frisch mit Biberschwanzziegeln gedeckt; in die Giebelwand des einstigen Stalles sind neue Fensteröffnungen gebrochen. Das Scheunentor ließ Peter Haimerl durch ein neues ersetzen; dahinter gibt jetzt eine traufhohe Verglasung den Blick ins Gebäudeinnere frei.

Dass es sich bei dem Haus um denkmalgeschützte Substanz handelt, lässt vor allem der Wohntrakt im Südwesten erkennen. Zwar wurden die Wände teils von außen gedämmt, die Fensterrahmen samt Klappläden sind jedoch größtenteils noch die alten. Ihnen wurden lediglich innen neue, doppelt verglaste Fensterflügel zur besseren Wärmedämmung vorgeblendet.

Kurze Werbepause

Die Annäherung ans Haus ist ungewöhnlich: Sein Vorgarten – ein von kniehohen Betonmauern eingefasstes Rasenstück – liegt tiefer als das Straßenniveau. Von hier aus geht es zwei weitere Stufen hinunter in den ehemaligen Wohntrakt. Dessen Fußboden wurde abgegraben, um zumindest im Erdgeschoss eine zeitgemäße Raumhöhe herzustellen. Dazu mussten auch die alten Fundamente unterfangen werden.

Im Obergeschoss werden hingegen die gedrungenen, ursprünglichen Raumproportionen spürbar. Abenteuerlich schräge Decken, ein unebener Dielenfußboden und Holzbohlenwände, an denen die Farbschichten der Jahrhunderte schillern, treffen auf weiß verputzte Wandflächen. Letztere erlaubten es, die erforderlichen Elektroinstallationen sowie eine Wandheizung auf unsichtbare Weise in die Räume zu integrieren.

Raumplan voller Überraschungen

Freiere Hand hatte Peter Haimerl bei der räumlichen Gestaltung der zweiten Wohnung im ehemaligen Wirtschaftstrakt des Gebäudes. Davon standen vor dem Umbau praktisch nur noch die Außenwände und das um 45 Grad geneigte Kehlbalkendach. Dieser Hülle fügte der Architekt ein Betonprisma mit quadratischem Querschnitt ein, das auf der Spitze steht und mit seiner Oberseite so die Dachkontur von innen nachzeichnet. Seine beiden unteren Schrägen dienen als Auflagerfläche für Treppenläufe, als Rückenlehne für Sitzbänke und als Decken für die darunter liegenden Räume.

Die große „Betonwippe“ entfaltet ihren Reiz vor allem in der nahezu in Loos’scher Manier komponierten Raumfolge aus gebäudehohem Eingangsbereich, der niedrigen Küche im Mezzanin sowie dem balkonartigen, L-förmig um einen offenen Kamin gelagerten Wohnbereich im Obergeschoss.

Ganz allgemein sind die Räume im Stall ein gutes Stück offener als jene im alten Wohntrakt und auch durch eine andere Materialpalette geprägt. Türen und Schrankfronten bestehen aus astigem Holz; die Fußböden, Waschbecken, Wannen und ein großer Teil der Wände sind aus Sichtbeton. Mit Teppichboden – genauer: grauem Nadelfilz – ließ Haimerl stattdessen die Brüstungen und die Innenseite der Giebelwand im Nordosten verkleiden.  Diese Maßnahme soll nicht zuletzt der Raumakustik zugute kommen.

Verwinkelt geht es jedoch auch in dieser Haushälfte zu – mit dem Ergebnis, dass kein Raum die im Wohnbau sonst übliche Kubusform hat. Praktisch hinter jeder Wegbiegung warten neue Überraschungen. Da ist zum einen die Dusche, ein schachtartiger Raum in der Gebäudemitte, der von einem gut und gern fünf Meter hoch gelegenen Dachfenster belichtet wird. Oder eine Art Alkoven im Dachspitz, der sich, durch eine eigene Treppe erreichbar, über das Obergeschoss der Südwestwohnung schiebt. Rund eineinhalb Meter breit, vier Meter tief und in der Raummitte gerade mannshoch, eignet er sich beispielsweise als Minimal-Kinderzimmer, Arbeitsplatz für Menschen ohne Klaustrophobie oder Schlafplatz für Gäste.

Spürbar wird der Kontrast aus Alt und Neu in gewisser Weise auch am Licht: Wo Räume einzig über die Bestandsfenster belichtet werden, herrscht das für Altbauten typische wohlige Halbdunkel. Vergleichsweise hell ist es hingegen in den durch neue Dachfenster belichteten Bädern, aber auch im Wohnbereich der Stallwohnung.

Foto-Ausstellung zur Umbauphase

Ein erklärtes Ziel von Peter Haimerl lautete, den Charakter des Altbaus wo immer möglich zu erhalten. Das ist ihm weitgehend gelungen – der ruinöse Zustand des Hauses vor dem Umbau und der Kraftakt, den seine Wiederherstellung bedeutete, lässt sich heute allenfalls noch erahnen. Nachvollziehbar wird er jedoch in den Fotografien, die Jutta Görlich und Edward Beierle vor und während des Umbaus vom „Schusterbauerhaus“ erstellten.  Sie werden vom 27. Oktober bis 14. November in der Ausstellung „Verweile doch!“ in der Architekturgalerie München zu sehen sein.

Dieser Artikel ist aus dem Heft:
DETAIL 5/2016
Licht und Innenraum

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