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Mobilität ohne Grenzen?

Traffic Talks 2011 - Europäische Dialogplattform mit ungewöhnlichen Perspektiven zur Mobilität

Ungewöhnliche Perspektiven, lebendiger Diskurs, spannende Begegnungen: Dieses Profil ist das Markenzeichen von Traffic Talks. Der internationale Kongress zur Mobilität in Bonn brachte Mitte September die Akteure der europäischen Bahn- und Verkehrsbranche zum Austausch über aktuelle Verkehrsthemen zusammen. Hochkarätige Referenten sorgten für neue Sichtweisen und den wichtigen Blick über den Tellerrand hinaus. Keynote-Speaker Dirk Barthen, Trendbüro Hamburg, ging in seinem Vortrag "Mobilität ohne Grenzen" den Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf Mobilität auf den Grund.

Mobilität ohne Grenzen? Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf Mobilität

von Dirk Bathen, Geschäftsführer Trendbüro Hamburg. Zusammenfassung des Vortrags im Rahmen der "Traffic Talks" am 14. September 2011 in Bonn 

Es gibt eine Vielzahl von Grenzen, die den Menschen im Alltag begegnen, beispielsweise regionale (Stadt vs. Land), finanzielle (arm vs. reich) oder kulturelle (Punker vs. Banker). Nicht zu vergessen die zeitlichen Grenzen, an die jeder stößt, der schon einmal die Erfahrung gemacht hat, dass 24 Stunden für einen Tag oft nicht ausreichend sind. Im Kontext von Mobilität sind Grenzen häufig negativ konnotiert: sie sind Bremsen, die am Weiterkommen hindern. Tarifzonengrenzen sind hier nur ein Beispiel. Aber Grenzen sind grundsätzlich etwas Positives, denn wer Grenzen überwindet, entwickelt sich weiter. Der gesellschaftliche Wandel sorgt für kontinuierliche Grenzverschiebungen - durch neue Technologien und ihre kulturelle Akzeptanz, durch sich verändernde soziale, ökonomische und politische Rahmenbedingungen sowie durch neue Bedürfnisse und Ansprüche der Menschen. Für Unternehmen und Organisationen ist es daher wichtig, diese Grenzverschiebungen zu beobachten, um den Menschen optimale Lösungen anzubieten, die den veränderten Bedürfnislagen gerecht werden. Mit Blick auf große Gesellschaftstrends lassen sich drei Bereiche identifizieren, die für die Mobilitätsbranche heute und in Zukunft besondere Bedeutung haben: Urbanisierung, neues Statusdenken und Digitalisierung.

Urbanisierung: Alternative Mobilitätslösungen für Ballungsräume

Die Zukunft ist städtisch. Laut UN-Prognosen werden bis zum Jahr 2050 über zwei Drittel der Menschen in urbanen Gebieten wohnen. Das erfordert neue Mobilitätsangebote. Mobilität ist der Zweck, Verkehr ist der Abfall. Das Bild von Mobilität, das die Automobilindustrie häufig noch zeichnet, hat sich von der Realität auf deutschen Straßen entfernt. Statt Freude am Fahren erfährt man immer häufiger die negativen Konsequenzen einer hochmotorisierten Gesellschaft: Stau und Stop-and-Go, Smog-Gefahr und Feinstaub sowie Parkplatzmangel sind schon heute große Probleme in den Städten.

Klimawandel und die Knappheit fossiler Ressourcen haben das Bewusstsein für neue Mobilitätslösungen geschärft. Die Entwicklung alternativer und nachhaltiger Antriebstechnologien wird immer mehr zum ökonomischen Zwang. Gleichzeitig werden andere Arten der Fortbewegung für die Menschen wieder attraktiver, wie die vielerorts erfahrbare Renaissance des Fahrrads deutlich macht. Egal ob Klapprad, Elektrorad oder Leihfahrrad: man kommt schneller und kostengünstiger zum Ziel und tut dabei auch noch etwas für seine Gesundheit - für viele Menschen ein als wichtiger Aspekt, um in einer immer stärker wissensbasierten Gesellschaft einen Ausgleich zu sitzenden Tätigkeiten zu finden.

Ebenso bietet der öffentliche Verkehr durch gute innerstädtische Infrastruktur für immer mehr Menschen eine Alternative zum motorisierten Individualverkehr. Die Herausforderung liegt darin, auch in ländlichen Gebieten eine Infrastruktur aufrecht zu erhalten, die es den Menschen leicht macht, auf ihr Auto zu verzichten. Das Konzept des "Bürgerbusses" kann hier beispielsweise helfen, auch Gebiete zu erschließen, die vom regulären Linienverkehr nicht ausreichend bedient werden.

Dass auch Autohersteller in die Entwicklung von E-Bikes einsteigen, belegt nicht nur die Relevanz alternativer Fortbewegungsmittel, sondern ist auch Indiz für den Umbruch der Branche, denn es geht nicht mehr nur darum, in der jeweiligen Kategorie Produkte herzustellen (Autos, Fahrräder, Busse etc.), sondern ganzheitliche Mobilitätslösungen anzubieten, um für den Markt von morgen gewappnet zu sein. Dabei wird der Faktor "Nachhaltigkeit und Klimaschutz" immer mehr zur Selbstverständlichkeit - ein Aspekt, der auch den öffentlichen Verkehrsmitteln zugute kommen kann, denn immerhin 70% der Befragten in einer 2010 durchgeführten Studie sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der Wahl des Verkehrsmittels und dem Klimaschutz; bei Lebensmitteln erkennen "nur" 50% der Befragten diesen Zusammenhang (Prognos, 2010).

Neue Werteorientierung: Das Auto hat an Statuskraft eingebüsst

Mit veränderten sozialen, ökonomischen, technologischen und kulturellen Rahmenbedingungen wandelt sich auch die Einstellung zur Mobilität, allen voran zur Automobilität. War das Auto früher Ausdruck von Erfolg und Wohlstand, hat sich die Beziehung zum PKW verändert. Nach aktuellen Umfragen sehen heute 41% der Deutschen im Automobil primär einen funktionellen Nutzen; nur (noch) 17% betrachten es als Statussymbol (Progenium, 2010). Schon heute hat ein iPhone für viele Menschen mehr Statuskraft als ein Mittelklassewagen. Vor allem für junge, bessergebildete Stadtbewohner verliert das Auto an Attraktivität. 80% der 20 bis 29-Jährigen sind mittlerweile der Meinung, dass man in der Stadt kein Auto braucht (Timescout Jugendstudie, 2010).

Im Gegenzug hat nicht nur das Fahrrad an Attraktivität gewonnen, auch der öffentliche Verkehr kann vom Bedeutungsverlust des Autos profitieren - nicht nur, weil man innerstädtisch oft schneller ans Ziel kommt. Für fast die Hälfte der Deutschen ist Reisezeit verlorene Zeit, und in öffentlichen Verkehrsmitteln lässt sich die Zeit besser nutzen als im eigenen Auto. Die Antwort der Autoindustrie auf diese Entwicklung wird in der Kampagne für den Eos von Volkswagen deutlich ("Das Auszeitauto"): Nicht mehr die Motorleistung wird in den Vordergrund gerückt, sondern die Tatsache, dass man im Auto endlich mal seine Ruhe haben und von der hektischen Welt abschalten kann.

Die sinkende Bedeutung des Autos korrespondiert zudem mit einer Veränderung der Besitzkultur. Es geht nicht mehr darum, eine Sache zu kaufen und zu besitzen. Immer mehr temporäre Besitzmodelle erfreuen sich großer Beliebtheit: vom Auto über das Fahrrad bis zur Handtasche lässt sich mittlerweile fast alles mieten. Zugang wird wichtiger als Besitz. Der Vorteil: Man bleibt flexibel, bucht bei Bedarf und reduziert so die Fixkosten. Untersuchungen in den USA zeigen, dass Carsharing-Angebote letztlich auch dem ÖPNV zugute kommen, denn Nutzer solcher Angebote denken Mobilität bereits "vernetzt" und gehen häufiger zu Fuß oder weichen auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel aus.

Dass sich die Grenzen in der Mobilitätsbranche verschieben zeigt auch das Beispiel Deutsche Bahn. Neben dem Angebot an Mietfahrrädern expandiert das Unternehmen auch mit dem Carsharing-Dienst "Flinkster" von der Schiene auf die Straße, um den Menschen anschlussfähige (Elektro-)Mobilität aus einer Hand zu bieten. Und wenn die Menschen nicht zufrieden sind mit existierenden Angeboten, organisieren sie sich dank Web 2.0 und Social Media einfach selbst. Das deutsche Startup "Tamyca" (Take my car) ist eine peer-to-peer Plattform, bei der Menschen ihre nicht genutzten Autos privat weitervermieten können.

Anhand dieser Beispiele wird deutlich: Mobilität ist - vor allem im urbanen Raum - nicht länger an den Besitz eines Autos gekoppelt. Im Zuge des steigenden Umweltbewusstseins wird für viele Menschen sogar der Verzicht auf ein eigenes Auto zum Status-Statement.

Digitalisierung: Intelligente Vernetzung macht Mobilität effizienter

Die technologische Entwicklung schreitet rasant voran. Das "Internet in der Hosentasche" ist seit dem Siegeszug der Smartphones Realität. Knapp ein Viertel aller Bundesbürger besitzen bereits ein Smartphone, und jedes dritte verkaufte Handy ist mittlerweile internetfähig. Nach der "Mobilität 1.0", bei der man mit Festnetz und stationärem Internet von Zuhause aus auf die digitale Welt zugreifen konnte, erleben wir nun die Ära der "Mobilität 2.0": Die Menschen können jederzeit und von jedem Ort auf Informationen zugreifen. Augmented Reality Angebote lassen die Grenze zwischen "realer" und "virtueller" Welt verschwimmen.

Intelligente Vernetzungen und neue Technologien dienen als Mobilitätsoptimierer und "smarte Alltagshelfer", wie beispielsweise die Slow Down App zeigt, die parallel zum Überschreiten des Geschwindigkeitslimits die gespielte Musik langsamer werden lässt und damit eine akustische Unterstützung zur Einhaltung des Tempolimits bietet.

Die Menschen organisieren ihre Mobilität verstärkt digital: Fahrplan-Apps geben in Echtzeit Informationen über Abfahrtszeiten und Verspätungen. Mobile Payment-Systeme wie das Touch&Travel-Projekt der Deutschen Bahn haben zum Ziel, den Menschen einfache und unterbrechungsfreie Mobilitätserfahrungen zu bieten. Hier zeigen sich auch für den öffentlichen Verkehr viele Chancen, um den Reisenden das mobile Leben in Zukunft noch einfacher zu machen. Die wachsenden Möglichkeiten der digitalen Vernetzung werden in Zukunft auch die Art der Fortbewegung prägen. Neben administrativen Tätigkeiten auf Seiten der Fahrgäste (Ticketkauf, Informationsanforderung, Routenplanung), die heute schon auf hohem Niveau digitalisiert sind, kann der gesamte Verkehr durch die Allgegenwart vernetzter Kommunikation optimiert und entlastet werden. Wenn Autos untereinander, aber auch mit Straßen, Ampeln und Gebäuden kommunizieren, ist der Weg frei für automatisierte Fahrsysteme.

Das Projekt "travolution" von Audi beschäftigt sich mit der Kommunikation von Autos und Ampelanlagen, um durch automatisierte Geschwindigkeitsregelung Haltezeiten zu reduzieren und einen unterbrechungsfreien Verkehrsfluss zu ermöglichen. Auch Google bietet Services, die Mobilität effizienter machen. Aufgrund der GPS-Daten von Smartphones wird die Fortbewegungsgeschwindigkeit und damit der Verkehrsfluss gemessen und wird als Stauwarnung über Google Maps in Echtzeit angezeigt. Ebenso arbeitet der Suchmaschinengigant an computergesteuerten, selbstfahrenden Fahrzeugen. 

Die digitalen Möglichkeiten bieten aber noch eine ganz andere Chance für Mobilitätsanbieter. Sie vereinfachen den Dialog zwischen Anbietern und Fahrgästen. In diesem Austausch können die gewonnenen Erkenntnisse zur Optimierung der Angebote verwendet werden. Dass dies aber auch "analog" funktioniert, zeigt das Projekt "Einfach schnacken", das von den Verkehrsbetrieben Hamburg/ Holstein (VHH) und der Pinneberger Verkehrsgesellschaft initiiert wurde. Hier können Kunden und Mitarbeiter in gemeinsamen Gesprächsrunden voneinander lernen, Erfahrungen austauschen und Probleme diskutieren. Ein solcher Dialog ist der erste Schritt, um auf die Bedürfnisse und Wünsche der Kunden einzugehen und entsprechende Services anzubieten, damit der öffentliche Verkehr auch in Zukunft attraktiv bleibt.

Fazit: Den Wandel der Mobilitätsbranche aktiv mitgestalten

Mit veränderten Rahmenbedingungen wandelt sich auch die Einstellung zu Mobilität. Zunehmende Urbanisierung bedeutet, alternative Mobilitätslösungen bereitzuhalten, die die Nachteile des derzeitigen innerstädtischen Verkehrs minimieren. Dabei werden nachhaltige Lösungen vor dem Hintergrund des Klimawandels und der Begrenztheit fossiler Ressourcen immer mehr zur Selbstverständlichkeit. Mit dem Bedeutungsverlust des Automobils und der Attraktivität flexibler, temporärer Besitzverhältnisse werden andere Verkehrsmittel und "Mietmodelle" wichtiger. In einer zeitarmen Gesellschaft wollen die Menschen vor allem zügig und komfortabel von A nach B gelangen. Die Frage, wie dies geschieht, ist zweitrangig. Neben "selbstverständlichen" Kriterien wie Schnelligkeit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Preis werden auch Serviceaspekte wichtiger und können die Wahl des Verkehrsmittels beeinflussen.

Die Digitalisierung eröffnet der Mobilitätsbranche vielfältige Möglichkeiten, die Mobilitätserfahrungen ihrer Fahrgäste zu optimieren. Je mehr sich das mobile Internet in der Gesellschaft verankert, umso wichtiger ist es für Dienstleister, den Menschen intelligenten Service zu bieten, um sie eben nicht nur zu "transportieren", sondern eine angenehme und unterbrechungsfreie Reiseerfahrung zu ermöglichen. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen kann der öffentliche Verkehr (besonders in urbanen Gebieten) in eine positive Zukunft blicken. Technologische Entwicklung, Antriebsinnovationen sowie neue Verkehrsmittel sorgen dafür, dass sich die Branche ständig wandelt.

Traffic Talks 2011

"Das Markenzeichen des international ausgerichteten Kongresses soll seine unkonventionelle Herangehensweise an Themen der Branche werden", erklärt Horst Becker, Parlamentarischer Staatssekretär für Verkehr im Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen, dem Veranstalter von Traffic Talks. "So werden herkömmliche Betrachtungsweisen aufgebrochen und der Blick wird frei für neue Ideen und echte Impulse", so Becker. Dafür inszeniert Traffic Talks ungewöhnliche Begegnungen und bindet hochkarätige Referentinnen und Referenten auch aus branchenfremden Disziplinen in einen fruchtbaren Dialog über die aktuellen Verkehrsthemen ein. Der zweitägige Kongress bringt künftig alle zwei Jahre Spitzenvertreter und Entscheider aus Wirtschaft und Politik, Institutionen und Verbänden, Verkehrsunternehmen und -verbünden aus ganz Europa in Bonn zusammen. In die konzeptionelle Entwicklung der Kongressforen von Traffic Talks sind führende Institutionen der Branche wie der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), die Deutsche Bahn (DB), die Allianz pro Schiene und die Gemeinschaft der europäischen Bahnen (CER) sowie die Bahnindustrie in Deutschland eng eingebunden.

Weitere Informationen finden Sie hier

Bildrechte: Netzwerkbüro der Initiative Bahn NRWText und Grafiken: TREND BÜRO - Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel B.G.W. GmbH, www.trendbuero.com

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