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Zukunft des Bauens, München, Modulares Bauen

»Modulares Bauen«, München // Rückblende

Fragt man fünf Architekten, was sie unter modularem Bauen verstehen, so erhält man fünf verschiedene Antworten. Für den einen bedeutet modulares Bauen, Standardcontainer über- und nebeneinander zu stapeln. Der nächste versteht darunter, mit industriell vorgefertigten Elementen ein Gebäude möglichst schnell hochzuziehen. Und für den dritten ist das kleinste Modul, mit dem man plant und baut, der Ziegelstein. Wie also definiert man Modulares Bauen und Modulbauweisen? Was sind Systembauweisen, was elementierte Bauweisen?

Eine Definition dieser Begriff ist wichtig, ohne Zweifel. Sonst kommt es zu Missverständnissen zwischen Bauherr und Architekt und zwischen Industrieunternehmen und Architekt. Tatsächlich geht es aber um eine ganz andere Frage: Wie nämlich lässt sich schneller, qualitätsvoller und im Idealfall auch günstiger Bauen? Und da setzt die Branche große Hoffnungen in das modulare Bauen.

Einen Eindruck der Bandbreite des modularen Bauens gaben die fünf Referenten bei der dritten Veranstaltung der Reihe »Die Zukunft des Bauens« in München, die die Zeitschrift DETAIL und die Forschungsinitiative Zukunft Bau des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung, BBSR, organisieren. »Modulares Bauen – große Bandbreite, vielfältige Potenziale« lautete das Thema, eingeladen waren Arnd Rose vom Referat Forschung im Bauwesen im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Jutta Albus, Juniorprofessorin an der Fakultät Architektur und Bauingenieurwesen der TU Dortmund, Jens-Olaf Nuckel von Nuckel Architekten aus Hamburg, Tobias Wulf von Wulf Architekten aus Stuttgart und Christian Hellmund von gmp Architekten.

Das Thema Modulares Bauen würde man in Deutschland heute lange nicht so leidenschaftlich diskutieren, wenn in den Ballungsräumen nicht so viel bezahlbarer Wohnraum fehlte. Und dieser Wohnraum muss schnell geschaffen werden. Konventionell ist dies kaum möglich, also schaute man auf die Containerdörfer, in denen 2015/16 die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan unterkamen. Diese Containerdörfer waren es dann, die die Diskussion um modulares Bauen in Gang brachte. Die Containermodule waren schnell aufgebaut und vergleichsweise günstig obendrein. Was also läge näher, als die Modulbauweise auch im Wohnungsbau einzusetzen? Nicht in Form von besseren Baustellencontainern, sondern in Holzrahmen- oder Stahlrahmenbauweise. Doch deren Anteil am gesamten Bauvolumen ist sehr gering.

»Die Wohnungswirtschaft hat den Modulbau nicht im Fokus«, stellte Robert Kohler, Geschäftsführer von ADK Modulraum und Ko-Sponsor der Veranstaltung in der vorgeschalteten Expertenrunde fest. Deshalb habe sich der Modulbau auf andere Bereiche spezialisiert. Tobias Wulf pflichtete ihm bei und verwies auf die psychologische Komponente. »Modulbau gilt als experimentell. Doch beim Wohnen machen die Nutzer keine Experimente.« Viele Menschen assoziierten mit Modulbau Flüchtlingsunterkünfte, ergänzte Jens-Olaf Nuckel. Man müsse deshalb Vor- und Nachteile des modularen Bauens abwägen.

Tatsächlich ist man im Wohnungsbau schon viel weiter. Jutta Albus untersuchte an der TU Dortmund Produktionsprozesse und -technologien im vorgefertigten Wohnungsbau. Zu ihnen zählen etwa Hybridbauweisen, bei denen Konstruktionsmaterialien wie Holzbetonverbundbauteile miteinander kombiniert werden, um einen größeren Wirkungsgrad zu erreichen. Für Albus ist Modulares Bauen nicht zwingend gleichbedeutend mit dreidimensionalen Raumzellen. »Diese Definition schränkt uns zu sehr ein.« Modular Bauen bedeutet für sie auch Bauen mit vorgefertigten, zweidimensionalen Bauteilen. Der Architekt müsse sehen, was die Hersteller zu leisten in der Lage seien und damit arbeiten. Ihr Credo: »Wir müssen mehr und intensiver zusammenarbeiten.« 

Arnd Rose verwies in seinem Vortrag auf die Rahmenvereinbarung für neun serielle und modulare Wohnungsbaukonzepte, die die Wohnungswirtschaft mit dem Bundesbauministerium, dem Hauptverband der Bauindustrie und der Bundesarchitektenkammer unterzeichnet hat. Ziel ist es, den Bau preisgünstiger Wohnungen in hoher Qualität zu beschleunigen. Die Konzepte gingen als Sieger eines europaweiten Ausschreibungsverfahrens des Bundesverbandes deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen für den Neubau von mehrgeschossigen Wohnbauten in serieller und modularer Bauweise hervor. Mit der Rahmenvereinbarung sollen Wohnungsunternehmen die Möglichkeit erhalten, ihre Wohnungsneubauprojekte schneller, einfacher, kostengünstiger und in hoher Qualität realisieren. Die Zeitersparnis ergibt sich dadurch, dass Teile der Projektausschreibung und -vergabe sowie der Planung eines Wohnungsbaus durch die Rahmenvereinbarung vorweggenommen werden – und durch kürzere Baustellenzeiten dank der Vorfertigung von Bauteilen.

Zudem gibt es das Förderprogramm Variowohnungen des Bundes mit mehreren Modellprojekten zu anpassbarem und kostengünstigem Wohnraum in der Stadt. Eines dieser Projekte stellte Jens-Olaf Nuckel von Nuckel Architekten aus Hamburg vor: die Sanierung des ehemaligen Wohnheims Scheibe C in Halle Neustadt. Dort entstehen 308 Studentenwohnungen in Form von vorgefertigten Raumzellen, die einschließlich der Nasszellen und Balkonplatten angeliefert und in die vorhandene Schottenstruktur eingeschoben werden. Diese Raumzellen entwickelte das Büro mit einem Holzmodulbau-Unternehmen. 322 Module waren es schließlich, vier verschiedene Typen, jedes Modul gerade mal 3,5 t schwer. »An dieses Gewicht mussten wir uns mit dem Hersteller regelrecht herantasten.«

Überhaupt unterschieden sich die Anforderungen an die Planung beim Modulbau gravierend von jenen in Massivbauweise. Die Entwicklung der Module dauerte fast ein Jahr. »Man muss sich vorab viel mehr Gedanken machen als bei der konventionellen Bauweise«, sagte Nuckel. Günstiger werde das Bauen mit vorgefertigten Raumzellen aber nicht, allerdings verkürze sich der Bauprozess erheblich. Und wenn das Gebäude nicht mehr als Studentenwohnheim genutzt wird? »In die Raumzellen sind bereits Verbindungstüren eingebaut, die zunächst hinter einem Schrank liegen.« Zudem lässt sich die Nasszelle entfernen und stattdessen ein Doppelbett einbauen.

Dass man mit vorgefertigten Modulen oder Bauelementen schneller bauen kann, darin waren sich alle Referenten einig. Noch schneller und vor allem auch günstiger ließe sich mit einem anderen Vergaberecht bauen. »Die Vorgabe kommunaler Bauherren, Bauleistungen vorrangig an lokale Unternehmen und Handwerksbetriebe zu vergeben, macht nahezu alle Bemühungen unmöglich, mit Modulbauunternehmen hochwertige und zugleich günstige Lösungen zu entwickeln und diese dann auch umzusetzen«, sagten Tobias Wulf und Christian Hellmund. Denn für die Unternehmen sei das Risiko zu groß, mit der gemeinsamen Lösung auch zum Zug zu kommen.

Mit modularen Grundrissen arbeitete Tobias Wulf beim Bau von vier Schulen für die Stadt München. Die Gefahr beim modularen Bauen sei, dass sich alles wiederhole und so schnell monoton wirke. Deshalb sei Qualität enorm wichtig. »Man muss eine Strategie entwickeln, wie man etwa eine Schule modular bauen kann«, sagte Wulf. Denn eine Schule sei kein Zweckgebäude, sondern ein Kulturbau, ein zweites Zuhause für die Schüler sozusagen. Und auch Wulf hatte mit dem Vergaberecht zu kämpfen. Für die vier Gebäude gab es zwar einen Tragwerksplaner, aber drei Haustechniksysteme sowie diverse Firmen, die die vier Schulen schließlich errichteten.

Christian Hellmund von gmp Architekten aus Hamburg stellte den Entwurf für den temporären Konzertsaal vor, in den die Münchner Philharmoniker während der Sanierung ihres Stammhauses, dem Gasteig, umziehen. Für den Modulbau schlagen gmp eine Konstruktion aus zwei getrennten Systemen vor, was eine kurze Bauzeit sowie einen einfachen Rück- und Wiederaufbau möglich machen soll. Das Stahltragwerk und die gläserne Hülle werden dabei kostengünstig aus »marktüblichen« Bauteilen errichtet, während der eigentliche Konzertsaal aus Holz parallel zum Aufbau vorgefertigt werden kann.

Hellmund hätte sich sehr gut vorstellen können, dass der temporären Nutzung des Areals für den Gasteig eine dauerhafte Nutzung als innerstädtisches Wohngebiet folgt. Das Konzept von gmp für die neben der Philharmonie entstehenden Modulbauten schlägt nach der kulturellen Nutzung für die Gasteig-Institutionen eine Umwandlung zu Wohngebäuden vor. Für die Wohnnutzung wären noch weitere Referate involviert gewesen. Zudem mietet die Stadt das Grundstück von den örtlichen Stadtwerken, sie besitzt es nicht selbst. Eine sehr komplizierte Gemengelage, um an diesem Standort die Vorteile des elementierten Bauens voll auszuspielen. Nichts desto trotz bleibt die Option für den Rück- und Aufbau der Gebäude an anderer Stelle und mit neuer Funktion.

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