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DETAIL 7+8/2017, Flüchtlingsunterkünfte

Modulbauten – auch für Flüchtlinge

Better Shelter – besser als Zelte
Auf ihrem Weg aus der Heimat bis in das Land, in dem ihnen Asyl gewährt wird, treffen Geflüchtete unterschiedlichste Arten der Unterbringung an. Die erste Station sind Auffanglager am Rand der Krisengebiete oder an der Außengrenze Europas. Hier werden meist Zelte ohne Licht und Stromversorgung eingesetzt, die vor allem Frauen und Kindern keinen Schutz vor Übergriffen bieten und der Witterung nicht lange standhalten, da sie nur für einen kurzfristigen Einsatz geplant sind. Um eine menschenwürdigere, komfortablere und kosteneffizientere Notunterkunft zu schaffen, entwickelte die schwedische Designfirma Better Shelter, unterstützt von der Ikea Foundation und dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), eine nachhaltigere Notunterkunft mit einer geplanten Lebensdauer von drei Jahren: Der Better Shelter wird in zwei kompakten Flachkartons mit nur je 80 kg Gewicht in die Krisengebiete geflogen und kann von vier eingewiesenen Personen in vier bis acht Stunden aufgebaut werden. Seit 2015 wurden über 15 000 Better Shelters ausgeliefert und dienten tausenden von Flüchtlingen in Afrika, im Irak, in Afghanistan, in Mazedonien und auf den griechischen Inseln als erste Station auf ihrem Weg nach Europa.

Holzelementbauweise
Einen Sonderfall im Holzelementbau stellen die Flüchtlingsrefugien dar, mit denen das Rote Kreuz die Architektin Melanie Karbasch beauftragte: Die Holzhäuser sind als System konzipiert, dessen vorgefertigte Wand-, Boden- und Deckenelemente sowie die kompletten GFK-Nasszellen nach der Demontage in Schiffscontainern verpackt und in Katastrophengebiete auf der ganzen Welt versandt werden können. Dementsprechend sind die Bauteile möglichst leicht und die Geschossdeckenelemente nicht mit einer Schallschutzschüttung beschwert. In der Praxis macht sich der niedrigere Schallschutzwert jedoch kaum bemerkbar. Diese Abweichung von den Bauvorschriften »im tragbaren Maß« waren nur möglich durch das Flüchtlingsunterkünftegesetz, das im österreichischen Bundesland Salzburg ab August 2015 für zwei Jahre in Kraft getreten war. Weitere Abweichungen sind geringere Dämmstärken und Belichtungsflächen. Die Refugien wurden bisher an vier verschiedenen Standorten in und um Salzburg realisiert. Der Prototyp war bereits drei Monate nach Planungsbeginn fertiggestellt.

Holzmodule ab Werk
Mit den gestiegenen Preisen für Stahlcontainer und deren abnehmender Akzeptanz in der Öffentlichkeit sind für Flüchtlingsbauten auch Holzkonstruktionen wettbewerbs­fähig geworden, die zusätzlich ein besseres Raumklima und eine positive CO2-Bilanz aufweisen und für Nachnutzungen als Studentenwohnheim oder sozialer Wohnungsbau attraktiver sind. Gebäudehöhen bis zur Hochhausgrenze von acht Geschossen sind möglich. Bei vielen Projekten ist eine Holzbaufirma Initiator und Bauherr, der die Gebäude auf Zeit an die Gemeinden vermietet oder als Serienprodukt verkauft. Zunehmend entwickeln Hersteller Raummodule, die in einem niedrigen Ausbaustandard als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden können, mit einem Upgrade jedoch auch als hochwertige flexible Wohneinheiten vermarktet werden können.

Als Weiterentwicklung seines temporären Forschungshauses B10 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung hat Werner Sobek das Prinzip des Aktiv-Hauses zur Serienreife geführt: Es soll vergleichsweise geringe Mengen an Material bei der Herstellung benötigen, in der Jahresbilanz nicht mehr Energie benötigen als es aus regenerativen Quellen selbst erzeugt und keine schädlichen Emissionen wie z. B. CO2 produzieren. Auch das Variohome von Solaris lässt sich mit Photovoltaikzellen nachrüsten. In neun zweigeschossigen Blocks mit je acht Apartments auf 20 x 25 m Grundfläche sind in Frankfurt-Bonames 350 Flüchtlinge untergebracht. Die Module sind in Holzständerbauweise gefertigt, was im Gegensatz zu Brettsperrholzwänden eine flexible Raumgestaltung und Umnutzungen erleichtert.

Holzmodule vor Ort gefertigt
Viele Flüchtlingsunterkünfte wurden nur im Rahmen von Ausnahmeregelungen für eine begrenzte Nutzungsdauer von fünf bis zehn Jahren genehmigt. Die 75 Doppelzimmer bei der Flüchtlingsunterkunft in Zolling von seidlkern Architekten wurden auf der Baustelle zu Raumzellen endmontiert. Nur der Mittelflur ist mit Gipskarton brandschutztechnisch gekapselt, alle übrigen Oberflächen wie die hochwertigen Einbaumöbel sind naturholzbelassen. Die Dachentwässerung ist in die quadratischen Stahlprofile der umlaufenden Loggia integriert, die genügend Fluchtwege ermöglicht, um auf die kostenintensive Aufschaltung einer Brandmeldeanlage verzichten zu können.

Container ist nicht gleich Container
Während Industriecontainer im Kontext mit Flüchtlingswohnungen eher auf eine geringe Akzeptanz treffen, wird ihr rauer Charme für Eventlocations und Studentenwohnungen zunehmend nachgefragt. Ein Beispiel ist das Studentenwohnheim Franky & Jonny in Berlin Treptow von Holzer Kobler Architekturen, bei dem der Prototypen aus Cortenstahlcontainern errichtet wurde. Als Serienprodukt entwickelte Bjarke Ingels mit seinem Büro BIG und verschiedenen Projektpartnern den Urban Rigger. Ein cooles zweigeschossiges Mini-Studentenheim aus 9 Containern, das in bester Hafenlage – und mit der neusten Energietechnik ausgestattet – auf dem Wasser schwimmt.

Der Container ist als Standardprodukt auf Mobilität ausgelegt, mit allen dadurch entstehenden ­Abstrichen im Gebrauch als Gebäude. Eine wesentlich hochwertigere Form von Raummodulen aus Stahl stellt der modulare Skelettbau dar, bei dem die Einheiten projektspezifisch geplant und gefertigt werden. In der Qualität gleichen diese Gebäude mindestens einem Massivbau mit allen Vorteilen der Qualitätssicherung durch die Vorfertigung im Werk, kurzen Bauzeiten und einer maßgeschneiderten Statik. Schnell abbindende Zement­estriche sorgen für hohen Trittschallschutz, vorgehängte hinterlüftete Fassaden oder Putzfassaden überspielen den modularen Aufbau. Der Vorteil liegt hier bei der hohen Qualität in Verbindung mit einer kurzen ­Planungs- und Bauzeit. Sogar Operationssäle werden mit diesen Systemen gebaut. Auch eines der größten schwimmenden Gebäude Deutschlands, das IBA-Dock in Hamburg, wurde als modularer Skelettbau errichtet. Farblich ist es ­jedoch wie gestapelte Container gestaltet, um den Bauprozess während der Entstehungszeit der Internationalen Bauausstellung zu versinnbildlichen. Für den Einsatz als Flüchtlingsunterkünfte ist der modulare Skelettbau jedoch wegen des hohen ­Preises in der Regel nicht wettbewerbsfähig.

Konfigurationen mit Systemcontainern
Heutige Büro- und Wohncontainer sind mit den einfachen Baucontainern der 1970er-und 1980er-Jahre nicht mehr zu vergleichen und entsprechen meist der EneV. Dennoch wurden den Städten in Einzelfällen Containerbauten verkauft, die den hohen Anforderungen an große Wohnprojekte nicht entsprachen. Einfache Systemcontainer oder Leichtbauhallen eignen sich vor allem für ­eine kurzfristige Nutzung und können für ­diesen Zeitraum angemietet werden. Als Neben- oder Sanitärräume können sie auch dauerhaft eingesetzt werden. Einfache Baucontainer dürfen gar nicht gestapelt werden, manche Typen nur bis zu zwei Geschossen. Bei der Ausschreibung müssen Minimalanforderungen genau formuliert werden. Hochwertige Systemcontainer sind dagegen sehr langlebig und können an die aktuellen Energiestandards angepasst werden. Für Gemeinschaftsunterkünfte von Flüchtlingen hat sich eine Größenordnung von ca. 300 –350 Personen als die sozial verträgliche Obergrenze etabliert. Eine Ausnahme bildet die Zentrale Unterbringungseinrichtung des Landes NRW in Neuss mit bis zu 1000 Plätzen. Die von der Erstaufnahme eintreffenden Bewohner sollen hier wie in einem Hotel nur kurze Zeit verbringen, bis sie in andere Gemeinden weitervermittelt werden.

Serielles Bauen ist individuell
Auch seriell gefertigte Gebäude sind Unikate, die von einem Architekten individuell geplant und von der Behörde genehmigt werden müssen. Die Entscheidung, welches Bausystem das jeweils geeignete ist, fällt meist erst während eines längeren Planungsprozesses in Abwägung der Parameter Geschwindigkeit, Kosten, Umnutzbarkeit oder erforderlicher Rückbau. Die Baukosten für Flüchtlingsbauten in Deutschland der letzten zwei Jahre liegen zwischen 1100 – 2230 Euro /m2 BGF. Bei der Kalkulation darf nicht nur der Preis und die Montagezeit für das System selbst angesetzt werden. Oft sind es bauseitige Gewerke wie aufwändige Fundamentarbeiten oder Genehmigungsverfahren, die die Vorteile serieller Bauweisen relativieren. Nicht zuletzt müssen sich Wohnungen für Geflüchtete an ihrer baulichen, architektonischen und sozialen Qualität auch über einen längeren Zeitraum messen lassen.

Kurze Werbepause

Eine ausführliche Print-Dokumentation finden Sie in unserer Ausgabe DETAIL 7+8/2017 mit dem Themenschwerpunkt »Serielles Bauen«.

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