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Nachhaltiger Selbstversuch: Einfamilienhaus in London

Mit dem „Slip House“ im Londoner Süden haben Carl Turner Architects das klassische englische Reihenhaus neu interpretiert: als Spiel transluzenter Kuben, mit Dachterrasse obenauf, und einem Energiekonzept, das nahezu den Passivhausstandard erreicht.

Architekten: Carl Turner Architects, London
Standort: Brixton, GB-London

House in Brixton, Carl Turner Architects
Foto: Tim Crocker

Noch steht das „Slip House“ allein auf weiter Flur im Süd-Londoner Stadtteil Brixton. Doch das soll sich künftig ändern: Sein Architekt Carl Turner hat das Haus als eines von vier Reihenhäusern konzipiert, die künftig die Häuserzeile an der Westseite der Lyham Road komplettieren sollen. Hieraus erklärt sich auch das Konzept der Gebäudehülle, an der sich zwei Oberflächenmaterialien abwechseln: U-förmige Profilgläser an den beiden Stirnseiten sowie rundum im Obergeschoss – und weißer Putz dort, wo später einmal die beiden Nachbarhäuser anschließen sollen.

Video provided by Outcast Editions (www.outcasteditions.com) and featured in their monograph "Slip House, Carl Turner Architects". © Outcast Editions Ltd. The book is available to download from the iTunes App Store: https://itunes.apple.com/gb/app/slip-house-carl-turner-architects/id602066971?mt=8

Stahlkonstruktion mit transluzenter Hülle
Das Haus ist eine Stahlkonstruktion, die mit Structural Insulated Panels (SIPS) ausgefacht wurde – einer in Großbritannien verbreiteten Form des Sandwichpaneels, das aus zwei Lagen OSB mit dazwischenliegender Dämmung hergestellt wird. Die äußere Wetterhaut schließlich bilden die U-Glaspaneele. Die Geschossdecken bestehen aus vorgefertigten Filigrandecken, die auf der Baustelle mit Ortbeton vergossen wurden.

House in Brixton, Carl Turner Architects
Schnitt, Grafik: Carl Turner Architects
House in Brixton, Carl Turner Architects
Foto: Carl Turner Architects
House in Brixton, Carl Turner Architects
Sandwichpaneele, Foto: Carl Turner Architects
House in Brixton, Carl Turner Architects
Fußbodenheizung, Foto: Carl Turner Architects
House in Brixton, Carl Turner Architects
Foto: Carl Turner Architects

Mit Ausnahme des Erdgeschosses, wo das Büro von Carl Turner Architects untergebracht wird, bezeichnet der Architekt und Bauherr Carl Turner das Haus als „turned upside-down“: Ganz oben auf liegt die Terrasse, von der man einen weiten Blick über die Dächer der Londoner Vorstadt mit ihren viktorianischen Reihenhäusern hat. Eine Etage tiefer ist der offene Ess- und Wohnraum untergebracht, und nochmals eine Ebene darunter – im ersten Obergeschoss – das Schlafzimmer der Hausherren, ein Gästezimmer und das Bad.

House in Brixton, Carl Turner Architects
Axonometrie und Grundrisse<br>Grafik: Carl Turner Architects
House in Brixton, Carl Turner Architects

Die Innenräume: Ein Hauch von Japan
Vom kiesbedeckten Eingangshof bis zur Dachterrasse prägt eine japanisch anmutende, fast Zen-artige Einfachheit die Innenräume. Die Böden bestehen aus poliertem Beton; an den Decken ist das Stahltragwerk mit den dazwischen eingehängten Betonfertigteilen sichtbar. Die Einbaumöbel haben helle Oberflächen aus Birkenfurnier, desgleichen die (wenigen) Schiebetüren, bei denen Carl Turner ganz auf Türdrücker verzichtete. Eine Einweisung durch den Architekten ist notwendig, damit man begreift, wo der Weg ins Bad führt.

House in Brixton, Carl Turner Architects
Foto: Jakob Schoof


House in Brixton, Carl Turner Architects
Fotos: Jakob Schoof
House in Brixton, Carl Turner Architects

Doch nicht nur makellose Ästhetik war Carl Turner bei seinem Wohnhaus wichtig, sondern auch Energieeffizienz. Das Haus erreicht Level 5, die zweithöchste Stufe des britischen „Code for Sustainable Homes“. Die U-Werte seiner Gebäudehülle entsprechen dem Passivhausstandard: Das Dach und die glasumhüllten Außenwände erreichen U=0,11 W/m2K. Die Fenster (Dreifachverglasung in Holzrahmen, aus Lettland importiert, weil in Großbritannien keine entsprechenden Produkte erhältlich waren) haben einen U-Wert von 0,78 W/m2K. Einzig an den verputzten Wänden, wo später die (beheizten) Nachbarhäuser anschließen sollen, wurde ein wenig mit Dämmung gespart – der U-Wert beträgt hier 0,18 W/m2K. Dies sowie die Tatsache, dass das Haus keinerlei Solargewinne durch die geschlossene Südfassade erhält, führten letztendlich zu einem Heizwärmebedarf von 40 kWh/m2a. Der reale Verbrauch dürfte jedoch deutlich niedriger ausfallen, wenn erst einmal auch die Nachbarhäuser stehen.

Selbstversorger in Sachen Wärmeenergie
Die Wärmeversorgung des Hauses übernimmt eine Geothermie-Wärmepumpe, die Wärmeverteilung geschieht über Bauteilaktivierung der Geschossdecken. Hierzu wurden vor dem Verguss des Ortbetons wasserführende Schläuche auf der Bewehrung verlegt. Um das Erdreich als Wärmereservoir anzapfen zu können, ließ Carl Turner Rohrleitungen in die – aus geologischen Gründen ohnehin notwendigen – 12 bis 14 Meter tiefen Gründungspfähle des Hauses einlegen.

House in Brixton, Carl Turner Architects
Energiekonzept (Sommer), Grafik: Carl Turner Architects
House in Brixton, Carl Turner Architects
Energiekonzept (Winter), Grafik: Carl Turner Architects

Erste Erfahrungen hat Carl Turner mit dem Wärmepumpensystem bereits gemacht: Im ersten, teils ungewöhnlich kalten Winter brachte es das Heizsystem teils nur auf eine Vorlauftemperatur von 20 Grad Celsius; die Raumtemperatur stieg an manchen Tagen nicht über 17 °C. Den Grund sieht der Architekt vor allem in der zu klein gewählten Kapazität des Pufferspeichers, der es nicht erlaubte, alle Geschosse gleichzeitig zu beheizen. Für den zweiten Winter hat Turner daher die Heizungssteuerung verändert: Nunmehr werden die Geschossdecken eine nach der anderen beheizt. Der Architekt hofft, dass sie in der Lage sein werden, mit ihrer thermischen Trägheit die Wärme lang genug zu speichern, bis sie wieder von der Heizung „angefahren“ werden.

House in Brixton, Carl Turner Architects
Foto: Jakob Schoof

Auf der 56 m² großen Dachterrasse ist eine weitere wesentliche Komponente des Energiesystems installiert: acht Hybridkollektoren, die Solarstrom und warmes Wasser gleichzeitig liefern. Gemeinsam mit der Wärmepumpe machen die Kollektoren das Haus in puncto Wärme zum Selbstversorger. Strom hingegen bezieht das „Slip House“ nach wie vor aus dem Netz. Für eine rechnerische Nullenergiebilanz hätte Carl Turner den größten Teil der Dachterrasse mit Photovoltaik bestücken müssen. Da war ihm die Lebensqualität, die ihm dieser - blickgeschützte - Rückzugsort bietet, deutlich mehr wert.

Jakob Schoof

House in Brixton, Carl Turner Architects
Fotos: Tim Crocker

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