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Nachhaltigkeit im Selbstversuch

Nachhaltige Bürogebäude sparen nicht nur Energie, sondern können auch die Mitarbeiterzufriedenheit und damit ihre Leistungsfähigkeit erhöhen, so eine oft gehörte Behauptung. Ihren Wahrheitsgehalt haben die Londoner Architekten John Thompson & Partners nun an ihrem eigenen Bürogebäude überprüft.

John Thompson & Partners (JTP) beschäftigen derzeit 51 Architekten und Stadtplaner. 2007 endete der Mietvertrag für die bisherigen Büroräume der Firma in London. Die fällte daraufhin den Entschluss, in ein neues – und zugleich doch nicht so neues – Gebäude umzuziehen: Ein ehemaliges Lagerhaus aus den 20er-Jahren im Stadtteil Islington wurde angemietet, Anfang 2008 begann der Umbau, und im Oktober 2008 folgte der Umzug. Ziel der Aktion war nicht zuletzt nachzuweisen, wie sich bestehende Altbauten sowohl energetisch und funktional auf den neuesten Stand bringen lassen und wie sich dies in CO2-Einsparungen und Nutzerzufriedenheit niederschlägt.

An ihrem neuen Stammsitz setzten JTP eine breite Palette an Energie sparenden Maßnahmen um, die weit über das eigentliche Bauvorhaben hinausgingen. Unter anderem wurde Ausrüstung für Videokonferenzen angeschafft und ein gesicherter Abstellplatz für Fahrräder eingerichtet. Die Zahl der Arbeitnehmer, die mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren, hat sich seither verdreifacht, und mehr als 80 Flüge konnten eingespart werden.

Die Büroräume in dem sanierten Lagerhaus werden allein über die Fenster belüftet, wobei das Treppenhaus als thermischer „Kamin“ wirkt und die Luftabfuhr unterstützt. Feststehende Verschattungseinrichtungen minimierten sommerliche Wärmegewinne, und Deckenpaneele mit Latentwärmespeicher (Phase Change Materials) dienen im Sommer als zusätzlicher thermischer Puffer, der Temperaturspitzen abmildert.

Aufgrund der verbesserten Tagesbelichtung konnte in den Büros auf Tischleuchten verzichtet werden, eine Klimatisierung oder selbst die Nutzung von Ventilatoren wurden durch die Latentwärmespeicher überflüssig. Die Krankheitstage der Angestellten haben sich innerhalb des ersten Jahres nach Gebäudebezug gegenüber dem Vorjahreszeitraum von 2,36% auf 1,52% verringert.

Das Gebäude ist mit solarthermischen Kollektoren ausgestattet, die Warmwasser bereitstellen. Photovoltaikmodule erzeugten im ersten Betriebsjahr 1,2 Megawattstunden Strom – genug, um den Verbrauch des zentralen Serverraums auszugleichen. Die Beleuchtung erhielt eine zonierte Lichtsteuerung, die über Anwesenheitssensoren gesteuert wird. Alle Elektrogeräte entsprechen mindestens dem Energiestandard A; der Netzstrom wird zu 100% aus erneuerbaren Quellen bezogen. Obwohl das neue Büro 50% mehr Fläche umfasst als der Vorgängerbau, sank der Stromverbrauch insgesamt um 18%. Bezogen auf den Quadratmeter, ist dies eine Verringerung von fast 50%.

Im Rahmen eines Abfallvermeidungskonzepts wurden unter anderem die individuellen Papierkörbe für die Mitarbeiter abgeschafft. Jeglicher Abfall muss nun getrennt und direkt in zentralen Recyclingstationen entsorgt werden. Auf diese Weise gelangten im ersten Betriebsjahr nur 2 Tonnen Abfall aus dem Büro auf die Deponie – im Vorjahreszeitraum waren es noch über 10 Tonnen.

Die meisten für den Umbau verwendeten Materialien entsprechen der Materialklasse „A“ des „Green Guide“, eines vom britischen Building Research Establishment (BRE) herausgegebenen Leitfadens über die Umweltwirkungen von Baumaterialien. Zur Wärmedämmung wurden unter anderem Schafswolle und „Eco-Wool“, ein Produkt aus recycelten Kunststoffflaschen, verwendet. Der Besprechungsraum erhielt eine Innenverkleidung aus Holzwolleplatten mit Oberflächenbeschichtung aus Lehmputz. Die Arbeitsplatten der Tische bestehen aus Recyclingkunststoff, der aus alten Joghurtbechern gewonnen wurde.

Um die Angestellten zum „Mitmachen“ zu bewegen, erstellten die Architekten einen „User Guide“, der alle wichtigen Maßnahmen auflistet und erläutert. Sogar ein Pop-Up-Fenster wurde installiert, das die Mitarbeiter beim Herunterfahren des Computers zum Ausschalten des Bildschirms ermahnt. Desweiteren sind im Büro 25 kleine Tafeln verteilt, die dezent auf die einzelnen Öko-Maßnahmen hinweisen. Ihr Tenor lautet jedoch nicht „Du sollst“, sondern eher „Seht, was alles möglich ist“. Denn eine Bevormundung der Mitarbeiter, das wissen auch John Thompson & Partners, führt trotz guter Absichten auf Dauer zu nichts.

Fotos: jtp

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