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Nähe oder Distanz? Architektur-Gesellschaft die Fünfte zu Fassaden und ihrer Wirkung

Werner Frosch von Henning Larsen Architects mit einer Abbildung der Konzerthalle 'Harpa' in Reykjavik

„Was bedeutet eine Fassade für ein Gebäude? Was bedeutet sie für das Viertel, in dem das Gebäude steht? Was bedeutet sie für das Unternehmen oder gar das Land, das dieses Gebäude repräsentiert?“ Werner Frosch von Henning Larsen Architects, Ehrengast bei der fünften Architektur-Gesellschaft, machte es sich bei seiner Präsentation aktueller Architekturprojekte aus dem eigenen Haus nicht leicht, indem er die Bedeutungsebene der Fassade von Anfang an ins Zentrum der Diskussion stellte. Denn neben allen technischen, konstruktiven und rechtlichen Anforderungen, die heute an eine Fassade gestellt werden, sagt deren Gestaltung bei jedem einigermaßen anspruchsvollen Projekt auch immer etwas über das Selbstverständnis des Bauherrn aus – und wirkt auf den baulichen Kontext zurück. Bei der fünften  Architektur-Gesellschaft, einer Veranstaltung von Detail bei Boffi in der Münchner Nymphenburger Straße, wurde diese Thematik anhand einiger prägnanter Beispiele von Henning Larsen Architects heiß diskutiert.

Gäste der Architekturgesellschaft
Konzerthaus 'Harpa' in Reykjavik, copyright Henning Larsen Architects

Der städtebauliche Kontext wurde dabei zum entscheidenden Kriterium der Diskussion. Werner Frosch stellte zunächst drei Beispiele aus dem Büro vor, die explizit als Landmarken konzipiert worden waren und in ihrer „Leuchtturmfunktion“ einen ganzen Stadtteil prägen: Da ist zunächst das in Zusammenarbeit mit dem dänisch-isländischen Künstler Olafur Eliasson entworfene Konzerthaus „Harpa“ in Reykjavik. Hier ging es vor allem darum, eine Fassade zu entwickeln, die die typische Lichtstimmung Islands und die damit verbundene Atmosphäre in ein künstlerisches Element übersetzt. Entstanden ist eine selbsttragende Fassade aus kristallinen Elementen, deren Folienbeschichtung zu irisierenden Lichteindrücken führt. Trotz der für Island ungewöhnlichen Dimensionen – die Oper thront wie ein großer Kristall am Ufer – sollen sich die Isländer mit dem Gebäude identifizieren.

Hochhaus für Ferring Pharmaceuticals, copyright Henning Larsen Architects

In seiner Haltung ähnlich markant ist das Hochhaus für Ferring Pharmaceuticals in Kopenhagen-Oerestad. Hier ging es jedoch weniger um ein Symbol kultureller Identität wie in Reykjavik, vielmehr sollte das Quartier zunächst überhaupt „urban urbar“ gemacht werden. Strategisch günstig im Schnittpunkt der Autobahn zum Zubringer der Brückenverbindung Kopenhagen-Malmö gelegen, fehlte es dort an städtischer Infrastruktur. Die Stadt nutzte den Erlös aus dem Verkauf aller Grundstücke des Stadtteils an Ferring Pharmaceuticals für den Bau einer U-Bahn, die das Gebiet nun mit Kopenhagen verbindet. Die Fassade für Ferring aus schwarz eloxiertem Aluminium war als bewusstes künstlerisches Statement gedacht. Der 20-geschossige Turm schafft ein kräftiges vertikales Element, das den vorhandenen großmaßstäblichen Verkehrsbauten wie der Autobahn und der Brücke ebenbürtig ist. Es markiert den Stadtteil bereits von weitem und ist zu dessen Wahrzeichen geworden. Allerdings kommen die gestalterischen Setzungen im Bereich der Fußgängerebene beziehungsweise die starke Abschottung mit zunehmender Belebung des Viertels inzwischen an ihre Grenzen, so dass bei der Erweiterung des Gebäudes eine größere Offenheit auf der Erdgeschossebene realisiert wurde, zu der beispielsweise auch eine öffentliche Cafeteria gehört.

Architekturgesellschaft
geplantes Moesgård-Museum, copyright Henning Larsen Architects

Mit seinem begehbaren Dach als „fünfter Fassade“ wird das Moesgård Museum in Skåde nach seiner für das Jahr 2013 geplanten Fertigstellung ebenfalls zu den großen Landmarken aus dem Hause Henning Larsen gehören. Das wie eine Land-Art-Skulptur aus dem Boden aufsteigende Haus kann dann von den  Besuchern oder Spaziergängern aus der Landschaft heraus erklommen werden. Die verglasten „aufgeschnittenen“ Fassadenseiten sind hingegen völlig transparent und bieten den Vorbeigehenden den direkten Einblick in das Museum und dessen Besuchern einen weiten Blick nach draußen in die Hügellandschaft von Skåde.

Während diese drei Projekte also nicht aus einem vorhandenen innerstädtischen Kontext heraus entwickelt und ihre Fassaden prioritär zur Stärkung der skulpturalen Wirkung des Gebäudes gestaltet wurden, verhält es sich mit dem aktuellen Projekt von Henning Larsen Architects für die Siemens-Headquarters in München ganz anders: Die an dieser Stelle in München vorherrschende typische Bebauung aus Blockrand und innenliegenden Höfen übersetzen sie für den Siemens-Komplex in eine eigene Gebäudestruktur, die von offenen und verglasten Höfen unterbrochen wird.

Christian Bodensteiner, John Höpfner

Interessant war in diesem Zusammenhang die Erfahrung der dänischen Architekten, dass die Übergänge zwischen öffentlichen und privaten Räumen in Deutschland beziehungsweise in München ganz anders wahrgenommen und behandelt werden als in Dänemark. Werner Frosch, selbst gebürtiger Münchner, aber mehr als zehn Jahre als Architekt in Dänemark tätig, bezog sich dabei auf seine persönliche Erfahrung, in Dänemark gebe es diesbezüglich immer nur entweder ein „Drinnen“ oder ein „Draußen“ – sowohl gesellschaftlich als auch auf die Architektur bezogen. Erst sobald man „drinnen“ sei, gehöre man mit aller den Dänen eigenen Freundlichkeit dazu. Mehrdeutig besetzte Zwischenräume wie die für die Öffentlichkeit erschließbaren Hofsituationen in München gebe es in Kopenhagen weniger, dort seien solche Höfe fast ausschließlich privat. Roberto Gonzalo als Gast der Architekturgesellschaft verwies in diesem Zusammenhang auf Gaston Bachelards „Poetik des Raums“,  bei der die harte Grenze zwischen innen und außen gleichsam die Voraussetzung  für jede Wahrnehmung von Raum – in all seinen Facetten und Übergängen sei; diese Dialektik habe – auf die Architektur übertragen – eine Fülle von unterschiedlich gestalteten Schwellensituationen besonders im skandinavischen Raum hervorgebracht.

Meike Weber, Sabine Mahl, Cordula Vielhauer, Jan Esche, Mikala Holme Samsoe, Roberto Gonzalo


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