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Neue Bau|Akademie Berlin, DETAIL Stipendium, Hendrik Brinkmann

Neue Bau|Akademie Berlin

Ideen der Bauakademie
Wenn wir uns mit einem Ort beschäftigen, beschäftigen wir uns mit Setzungen vergangener Zeit. Der vorgefundene Raum formuliert sich aus vielschichtigen, wechselnden, oft widersprüchlichen Verhältnissen.  So geht auch eine Entwurfstätigkeit in »Berlins historischer Mitte«, zwischen Kupfergraben, Auswärtigem Amt und Friedrichswerderscher Kirche, zwangsläufig mit einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit dieses Ortes einher. Am deutlichsten hat sich hier die Erinnerung an Schinkels Bauakademie in den Stadtraum eingeschrieben. Schinkel hat den kubischen Baukörper Anfang des 19. Jahrhunderts in das von ihm maßgeblich geprägte, städtische Ensemble der Stadtmitte eingefügt. Seine Neue Wache, der neue Packhof, das Alte Museum und die Friedrichswerdersche Kirche wurden zusammen mit den bestehenden Repräsentationsbauten zur »Stadtlandschaft«. Die Bauakademie positioniert sich darin als Solitär. Das Zusammenführen von Gegensätzen durchdringt ihre gesamte Architektur bis hin zu profanen Konstruktionsprinzipien nach industriellem Vorbild und der gestalterisch und didaktisch aufgeladenen Fassade mit ihrem Bildprogramm. Hier wurden Ideen präzise formuliert, die für ihre Zeit höchst innovativ sind und die Bauakademie zu einer »Inkunabel« moderner Architektur machen.

Auf Beschluss der DDR-Regierung wird die Bauakademie im Jahr 1962 abgerissen, um Platz für einen Umbau des Areals zu schaffen: Andreas Schlüters Stadtschloss wird durch den »Palast der Republik« ersetzt, Schlossplatz und Lustgarten werden zum autogerechten Marx-Engels-Platz, Bauakademie und die davor liegende »Alte Kommandantur« weichen dem Außenministerium der DDR. Kurz nach dem Mauerfall beginnt die Wiederherstellung der »alten Mitte«; das Außenministerium wird abgerissen (1995/96). Die Erinnerung an die Bauakademie wird wieder präsent. Trotz der zeitlichen Distanz, die vergangene Setzung Schinkels bleibt bedeutend. Das macht die Entwurfsaufgabe zu einem Bauen im Bestand - einem nicht-materiellen, einem geistigen Bestand. Die aktuellen Pläne für den Wiederaufbau vernachlässigen diesen Aspekt: Die Stadtlandschaft verkommt zur historisierenden Stadtkulisse, die Einheit von Struktur und Fassade wird aufgelöst und in einen Dualismus von zeitgemäßer Funktionalität und nostalgischer Ästhetik überführt. Ehemals fortschrittliche, industrielle Konstruktionsprinzipien werden zur handwerklichen Sisyphusarbeit, die künstlerischen Bildwerke zu anachronistischer Dekoration. Dies offenbart, dass es, trotz aller Beschwörungen der Wiederherstellung des Meisterwerkes, im Wesentlichen nicht um die Bauakademie an sich geht.

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Berlins »Historische Mitte«
Ein verflachtes Abbild des ehemaligen Schinkel-Baus, gedruckt auf eine Kunststoffplane und vor ein Gerüst gespannt, markiert heute die Lücke als Eins-zu-Eins-Attrappe. 174 Jahre nach dessen Bau und 55 Jahre nach dessen Abriss soll die Wiederherstellung den Schlussstein einer großräumigen Neuordnung bilden. Berlin ist eine Stadt, die geprägt ist von Diversität, Vielfalt und Widersprüchen, die sich, wie die Bauakademie, über die Zeit in ihre Struktur eingeschrieben haben. Schon ein Blick in die unmittelbare Umgebung des Grundstückes der ehemaligen Bauakademie macht das Nebeneinander und die Gleichzeitigkeit verschiedener Bauformen erkennbar, die jeweils nach verschiedenen Reglements, Technologien, Erinnerungen und Visionen geschaffen wurden: Schinkels Neue Wache (1816–18) fügt sich neben dem Zeughaus (1695–1729) in die Reihe der Repräsentationsbauten an den Linden. Das ehemalige Reichsbankgebäude (1934–40) bildet zusammen mit seinem neuen Kopfbau (1997–99) das Auswärtige Amt; das Staatsratsgebäude (1962–64), das sich das teilweise translozierte Portal IV des ehemaligen Stadtschlosses als Fassaden-Risalit aneignet, bildet den südlichen Abschluss des Schlossplatzes. Das Kommandantenhaus (2002/03) mit seiner »originalgetreu« rekonstruierten Fassade flankiert den nördlichen Eingang zur »gartendenkmalpflegerischen Wiederherstellung« des Schinkelplatzes (2007/08). Gerade hier manifestiert sich die Heterogenität der Stadt besonders anschaulich, da sie sich unter anderem in repräsentativen Primärstrukturen äußert. Zudem offenbart sich, wie das Thema der Rekonstruktion selbst Bestandteil der Geschichte geworden ist. Das Ensemble der historisch vielseitigen Mitte beinhaltet Referenzen, aus denen wir für heutige Vorhaben lernen können. Städtebauliche Ordnung und bauliche Vielfalt sind kein Widerspruch.

Die aktuellen Wiederaufbaubemühungen positionieren sich innerhalb der über die Zeit gewachsenen und bestehenden Ordnung einer Stadtlandschaft, übersehen aber dessen eigentliche Komplexität und versuchen diese auf ein einziges pittoreskes, historisierendes Stadtbild zurückzuführen. Diese nachlässige Betrachtung macht den Wiederaufbau in der Vorstellung einfach, im Ergebnis aber meist banal. Die historische Informationsdichte wird heruntergebrochen auf eine idealisierte Geschichte eines »preußischen« Berlins. Nur, was gewinnen wir, wenn wir formal auf die Vergangenheit für heutige Bauprojekte zurückgreifen? Der derzeit verfolgte Wiederaufbau verwehrt sich, unter dem Vorwand, dem historischen Vorbild zu folgen oder sogar historisch zu sein, gegenwärtigen Fragen des Bauens.

Neue Bauaufgabe Bauakademie
Ein stimmiger Entwurf muss eine Antwort formulieren, die mit der Komplexität des Ortes und Kontextes arbeitet. Er muss sich als Teil des städtischen Gefüges in Berlins »historischer Mitte« positionieren und dieses nach heutigen Anforderungen weiterdenken. Eine »neue Bauakademie Berlin« muss die Erinnerung an Schinkels Ideen vergegenwärtigen, sie in die heutige Zeit übersetzen und nach heutigen Anforderungen und Möglichkeiten interpretieren. Dann können wir uns diese auch als »Architekturmuseum«, als »internationale Bauschule«, als »internationales Innovations-, Ausstellungs-, Veranstaltungs- und Konferenzzentrum« oder als Ort der Vermittlung und Kommunikation von Themen aus dem Bereich des Bauens und der Architektur denken. Es gilt sich frei zu machen von dem Anspruch, ein vergangenes Meisterwerk neu schaffen zu können.

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