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Neues Wohnen im alten Haus

»Wie kann mit ein und derselben Projektidee Leerstand in Einfamilienhäusern reduziert, weitere Zersiedelung vermieden, innerdörfliche Freiräume erhalten, Einfamilienhäuser kapital- und werterhalten, dörfliches Leben reaktiviert und die regionale Wirtschaft (wieder)belebt werden?«, lautet die dem Projekt zugrundeliegende Fragestellung. Ausgangsbasis hierfür war der enorm hohe Sanierungsbedarf der Ein- und Zweifamilienhäuser in Österreich, die immerhin drei Viertel des Gesamtgebäudebestands in Österreich ausmachen – auch in Deutschland fallen über 80 % der Wohngebäude in diese Kategorie.

Einfamilienhäuser im Bestand reaktivieren
Das neugebaute freistehende Einfamilienhaus ist noch immer die beliebteste Wohnform. Die durchschnittliche Wohnfläche steigt von Jahr zu Jahr. Die einstigen Vorteile – Besitz, Privatheit, persönlicher Freiraum und die freien Gestaltungsmöglichkeiten etc. – werden für viele Hausbesitzer im Alter jedoch zu Nachteilen, wie anstehende Renovierungen, Einsamkeit, finanzielle Überforderung und die schlechte Verkäuflichkeit zu sehr individualisierter Gebäude. Immer mehr Einfamilienhäuser werden nur mehr von ein oder zwei Personen bewohnt, baufällige Häuser und Leerstand prägen vielerorts das Bild – in Österreich genauso wie in den Nachbarländern. »Die Lösung liegt im umweltgerechten, sozialgerechten und gemeinwohlorientierten Ansatz, leerstehende und unterbelegte Einfamilienhäuser in gender- und altersgerechte Mehrpersonenhäuser (MPH) umzugestalten«, ist Julia Lindenthal überzeugt.

Im Rahmen des Forschungsprojekts ReHabitat wurde anhand von vier unterschiedlichen Einfamilienhaustypologien der 1950er- bis 1990er-Jahre untersucht, wie diese zu Mehrpersonenhäusern weiterentwickelt werden können und welche rechtlichen und finanzierungstechnischen Aspekte dabei zu beachten sind. Unzählige Entwurfsvarianten zeigen auf, welche alternativen Hausgemeinschaftsformen möglich wären – und das ohne große Eingriffe in die Bausubstanz. Im Rahmen des Projekts sollen nicht einzelne Pilotprojekte mit Vorzeigecharakter entstehen, sondern es sollen machbare und leistbare Lösungen für den durchschnittlichen Hausbesitzer angeboten werden. Es werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Durch die Eingriffe wird zukunftsorientierte Wohnfläche geschaffen, die Gemeinschaft wird gestärkt und das Dorfgefüge bleibt erhalten. Die gesammelten Beispiele und Projektergebnisse wurden im Handbuch Neues Wohnen im alten Haus veröffentlicht.

Subjektive Bedürfnisse objektiv bewerten
Im Folgeprojekt ReHabitat-ImmoCheck+, das bis Ende 2017 lief, wurden nun die Grundlagen für digitale und analoge Werkzeuge entwickelt, die neben den objektrelevanten Daten auch Wohnbedürfnisse erfassen, um daran ausgerichtet die spezifischen Entwicklungspotenziale des jeweiligen Eeinfamilienhaus hin zum Mehrpersonenhaus verständlich darzustellen und eine Basis für weitere Planungsschritte zu schaffen. So können Menschen, in einer Phase der Wohnneuorientierung auf niederschwellige Art und Weise unterstützt werden. Es wird ein Bild des Gebäudes generiert, dass sich aus wenigen, aber grundlegenden Informationen zum Toolnutzer, einem objektiven Fragebogen zum Gebäude mit Daten zu Größe, Lage, Barrierefreiheit etc. sowie einem subjektiven Fragebogen, der die Bedürfnisse der Bewohner ermittelt, sensibilisiert und zum Nachdenken anregt, zusammensetzt. Das Bild des Hauses wird komplettiert durch ein Raumnetz, ein vereinfachter abstrakter Grundriss, der die bauliche Struktur veranschaulicht – wie viele und welche Räume hat das Gebäude, in welchen Geschossen liegen diese und wie sind sie miteinander verbunden. »Damit lässt sich gut weiterarbeiten und es können sowohl Nutzungshäufigkeiten, technische Details oder Teilbereitschaften abgefragt werden, als auch auf die jeweiligen Wohnbedürfnisse eingegangen werden«, erklärt Julia Lindenthal.

»Als Ergebnis wird das Entwicklungspotenzial dargestellt. Dieses zeigt zum Beispiel, welche Formen von Hausgemeinschaften in dem Gebäude denkbar wären und welche Parameter angepasst werden müssten, damit sie möglich werden. Konkret könnte dies eine bauliche Veränderung sein, wie der Einbau eines zweiten Bades, oder auch ein personenbezogener Aspekt, wie die Bereitschaft Bad, Küche oder den Eingangsbereich mit anderen zu teilen.« Das Werkzeug gibt auch eine Rückmeldung zur Reflexion der eigenen Bedürfnisse und gleicht die Angaben aller zukünftigen Hausbewohner ab. Dadurch kann überprüft werden, inwieweit sich die Bedürfnisse decken.

Nicht zuletzt soll durch das Tool eine Bewertungsbasis und Entscheidungshilfe für die Kreditvergabe durch Banken generiert werden, um die Chancen vor allem für Frauen (die bei der Kreditvergabe häufig benachteiligt sind) und ältere Menschen zu verbessern. Das Projektteam sieht die ReHabitat ImmoCheck+ Werkzeuge als ideale Ergänzung zum Handbuch, mit welchen das Ideen- und Möglichkeitsspektrum für Hauseigentümer, Planer aber auch für Gemeinden noch weiter vergrößert wird. Sie sind aber auch Katalysatoren, um einen Entwicklungsprozess zu starten, der die vielen ungenutzten oder unterbelegten Gebäude wieder mit neuem Leben erfüllen könnte.

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