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New York, New Museum und Yale Center for British Art – Eindrücke von Stipendiat Hendrik Brinkmann

Wer nach New York City kommt, sollte mindestens einmal einen hochgelegenen Ort aufsuchen, um die Stadt aus der Perspektive zu sehen für die sie gebaut wurde.

Die Gelegenheit dazu bot sich mir direkt am ersten Abend meiner Reise von einer Dachterrasse im 57. Stockwerk eines 50 Stockwerke hohen Wolkenkratzers in Midtown West — für das Gefühl von Höhe werden hier beim Zählen der Geschosse gerne mal ein paar dazu gemogelt. Enthoben aus den Fluchtpunkten der Straßen, gibt mir der Blick von oben den Anschein einer ganzheitlichen Betrachtung: Nach Ost-West verlaufende »Streets«, Nord-Süd orientierte »Avenues«, sowie bewusst gesetzte Störungen (beispielsweise durch den »diagonalen« Broadway) zeichnen das Raster von Manhattan auf den weit entfernten Boden. Die daraus resultierenden Blocks stapeln und schichten sich um ein Vielfaches in die Höhe und formen um mich herum verschieden dichte Ansammlungen an Baukörpern. Auch deren Inneres richtet den Blick nach Außen und das aus möglichst großer Höhe. Im Dunkeln zeigen sich die Gebäude wie Lager verschiedenster Interieurs. Am Tag repräsentieren ihre Hüllen ihr Inneres in vereinheitlichter Form oder gar nicht, womit eine gewisse Eigenständigkeit der Fassade, gleichzeitig aber auch eine gesteigerte Außenwirkung der Baukörper als Großform einhergeht.
Der Blick von oben zeigt die Einzelteile im Ganzen: in ihrer Weite, in ihrer Ordnung, ihrer Höhe und Dichte. Im Ganzen wiederum inszenieren die Einzelteile die Betrachtung von Außen. Das macht gerade den äußeren, den städtischen Raum von New York City so eindrucksvoll.

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New Museum for Contemporary Art (2005-07), Manhattan, New York - Sanaa
Einen besonderen Eindruck hat auch das New Museum von Sanaa bei mir hinterlassen, da ich trotz diverser, im Vorfeld wahrgenommener Publikationen keine übermäßigen Erwartungen an das Gebäude hatte, bei meiner Besichtigung aber von dessen Qualitäten überrascht wurde.

Gelegen ist es in der Lower East Side Manhattans zwischen den beiden Hochhausansammlungen im Norden und Süden. Seine Nachbarschaft ist seit einigen Jahren erst nach und nach wieder in den Fokus zeitgenössischer Avantgardisten gerückt, wozu das New Museum sicherlich seinen Teil beigetragen hat. Dort wo die Achse der Prince Street auf die Bowery trifft, erhebt es sich als Turm aus metallisch-weißen, gestapelten Boxen aus dem Grundstück und über die umgebende Bebauung hinaus. Dabei wirkt das Gebäude nicht wie ein Fremdkörper. Die Unterteilung in kleinere Segmente, die verschiedenen Rücksprünge der Quader, die Dimensionen und Proportionen der Boxen: das alles wirkt wie eine Abstraktion der benachbarten Stadtstruktur.

Als besonders vorteilhaft — vor allem im Kontext von New York — nahm ich eine Übereinstimmung vom Äußeren und Inneren wahr. Die Boxen entsprechen den Räumen, die sich in der Vertikalen zu einem Museum organisieren. Die Erschließung läuft dabei lediglich über einen am Rande platzierten, kompakten Aufzug- und Treppenkern. Neben der Effizienz bringt diese Art der Erschließung eine spannende Inszenierung der Bewegung durch das Gebäude mit sich. Mit jedem Öffnen der Aufzugstür erschließt man einen neuen Ausstellungsraum und neue künstlerische Arbeiten werden dargeboten. Das Verschieben der Museumsboxen trägt dezent seinen Teil dazu bei, da sich dadurch von Geschoss zu Geschoss die Proportionen der Innenräume ändern. Zudem entstehen mit dem Öffnen der Rücksprünge als Oberlichter variierende Belichtungssituationen. Ansonsten sind die Räume einfach gehalten: Die Decken zeigen sich in einer »wunderschön rohen« Form, wie Ryue Nishizawa und Kazuyo Sejima es selbst beschreiben, mit einer unverkleideten Konstruktion und Technik; die Wände sind als Hängefläche weiß gestrichen; der dunkle Estrich-Boden hat keine störenden Dehnungsfugen; stattdessen zeichnen feine Risse ein natürliches Bild auf die Ebenen.
Für Abwechslung in der Konzeption des Museums sorgen präzise platzierte Ausnahmen. So verbindet beispielsweise eine schmale Treppe, die sich hinter dem Erschließungskern versteckt, das dritte und vierte Obergeschoss. Diese wiederum überrascht mit einem kleinen, schachtartigen Ausstellungsraum, dem der Besucher seitlich beim Hinauf- bzw. Hinabsteigen der Treppe begegnet.

Insgesamt gelingt im New Museum damit eine gute Kombination aus Einfachheit und Klarheit, wie man sie von der Architektur Sanaas kennt, einer Charakteristik, die der (noch) relativ rauen Umgebung an der Bowery gerecht wird und einer Inszenierung eines Museumsraumes, die für Abwechslung und Überraschung sorgt.

Yale Center for British Art (1969 - 1974), New Haven, Connecticut - Louis I. Kahn

Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe, Paul Rudolph, Louis Kahn und weitere namhafte Architekten haben zahlreiche Bauwerke im Nordosten der USA verwirklicht, die mir im Laufe meines Studiums immer wieder in der Theorie begegnet sind. Hier habe ich mich entschieden von Louis Kahns Center for British Art, als eines der von mir besichtigten Architekturikonen, zu berichten.

Ein grobmaschiges, dreidimensionales Raster, materialisiert in einem Stahlbetonskelett, bildet die statische Grundlage für das Bauwerk; Wandelemente aus weißer Eiche, Stellwände bespannt mit beigen Leinen, sandfarbene Teppich- und Travertinböden füllen dieses Raster und werden präzise zu mannigfaltigen Ausstellungssituationen gefügt. In dem Yale Center for British Arts kommt Louis Kahns meisterhafter Umgang mit Materialien besonders zur Geltung. Verstärkt wird deren Wirkung zusätzlich durch die Menge an diffusem, natürlichem Licht, das über die großformatigen Kassettendecken im letzen Geschoss eingelassen und über zwei zentrale Atrien in die darum angeordneten Ausstellungsräume verteilt wird.
Im Zentrum des Gebäudes, zwischen den Atrien gibt es eine „bedienende“ Erschließungszone mit Aufzügen, Funktionsräumen und einer in einem Betonzylinder geführten Treppe. Letztere findet sich in vergleichbarer Form in der Yale University Art Gallery wieder — Louis Kahns Erstlingswerk — welches sich direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Im Center for British Art — Louis Kahns letztes Werk — zeigt sich die Weiterentwicklung dieses Motivs. Den zylindrischen Treppenturm rückt er aus der Erschließungszone in eines der Atrien und verleiht ihm damit eine größere Eigenständigkeit, gar Skulpturalität. Ein Beispiel für seinen zwanglosen Umgang mit dem gewählten System.

Kahns systematischer Umgang mit Material zieht sich ebenfalls nach außen weiter. Die Fassade erscheint als »steinernes« Regal, gefüllt mit Elementen aus Glas und mattem Edelstahl. Besondere Behandlung erfährt hier vor allem das Erdgeschoss als Schnittstelle zum städtischen Raum. Vier freigelassene Felder im Raster bilden eine überdachte, zurückversetzte Eingangssituation. Die Ecken der jeweils nächsten Felder, die mit Läden gefüllt sind, runden sich leicht dahin gehend ab, wodurch sich Eingang und Ladenzeile räumlich verzahnen. Auch hier zeigt sich der spielerische Umgang Louis Kahns mit dem System.
Der Museumsbau folgt der Konsequenz des übergeordneten Tragsystems, schafft innerhalb davon eine Vielfältigkeit an räumlichen Situationen und bricht an richtiger Stelle und im richtigen Maß mit dem Prinzip. Regel und Ausnahme verleihen der Architektur des Center for Britisch Art eine Reichhaltigkeit und Komplexität.

Ausblick
Schon bald geht es für mich nach Indien. Mein grober Plan ist, beginnend von Mumbai, Richtung Norden über Ahmedabad, Jaipur, Agra bis nach Delhi und Chandigarh zu reisen. Ich bin gespannt auf ein Erleben von Bekanntem — beispielsweise dem Institute of Management von Louis I. Kahn und der Stadt Chandigarh nach Plänen von Le Corbusier — aber vor allem auf ein Erlangen von neuen Eindrücken, Erkenntnissen und Erfahrungen.

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