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"Niemand mehr soll künftig eine Ausrede haben, kein Passivhaus zu planen"

Bis vor fünf Jahren war energieeffizientes Bauen in Spanien kein Thema, sagt Amarante Barambio, der Präsident des neu gegründeten spanischen Passivhaus-Verbandes. Das ändert sich gerade: Die ersten Passivhäuser auch auf der Iberischen Halbinsel sind nun im Bau, und in wenigen Tagen findet in Barcelona die erste Passivhaus-Tagung statt. Doch nach wie vor ist energieeffizientes Bauen in Spanien Pionierarbeit.

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Herr Barambio, Passivhäuser wurden als Gebäude mit extrem niedrigem Heizenergiebedarf bekannt. Warum ist ihr Bau auch im mediterranen Klima Spaniens sinnvoll?

Weil Passivhäuser einfach überall sinnvoll sind. In den heutigen Zeiten ist etwas anderes als Niedrigenergiebauten überhaupt nicht mehr denkbar – sowohl aus ökologischen als auch aus politisch-energetischen Gründen. Der Passivhausstandard bildet hier ein sehr praxisbezogenes Instrumentarium, das sich auch im Mittelmeerraum anwenden lässt. Die Hauptziele bleiben gleich, die Lösungen sind für jedes Klima anders.

Wo liegen die Unterschiede in der Art und Weise, wie ein Passivhaus für das spanische Klima konstruiert sein sollte, und der in Deutschland üblichen Bauweise?

Im zentraleuropäischen Klima muss man sehr sorgfältig planen und hochwertige Bauteile verwenden, um ein gutes Passivhaus zu realisieren. Sehr gute Fenster und ziemlich dicke Dämmschichten sind hier unentbehrlich, und auf die Luftdichtigkeit des Gebäudes muss konsequent geachtet werden.

In Spanien ist es vergleichsweise viel einfacher, ein Gebäude mit einem Heizenergiebedarf von 15 kWh pro Quadratmeter und Jahr zu realisieren, weil unser Klima weniger kalt als in Mitteleuropa ist und die Sonneneinstahlung höher ist. Je nach Klimazone ist für Passivhäuser in Spanien schon eine 14-20 cm dicke Dämmung der Gebäudehülle ausreichend. Auch dreifach verglaste Fenster sind nicht mehr unbedingt notwendig; mit doppelt verglasten Isolierfenstern mit Argonfüllung und guten Passivhausrahmen kommt man bereits gut zurecht. Außerdem schätzen wir, dass beim Blower-Door-Test bereits ein Wert von 1,0/h statt 0,6/h wie in Deutschland ausreichend.

Die Probleme treten dagegen im Sommer auf: Dann muss alles daran gesetzt werden, um die Sonneneinstrahlung aus dem Gebäude fernzuhalten. Auch die Nachtauskühlung über Kippfenster ist vielfach nicht möglich, vor allem in Südspanien, wo die Nachttemperaturen häufig über 25 °C liegen.

Fotos: Projekt LIMA, Barcelona; Architekten: Joan Sabaté Associats/Christoph Peters, Barcelona
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Sie sind seit wenigen Monaten Präsident des spanischen Passivhaus-Verbandes. Bis wann ist mit der Fertigstellung der ersten Passivhäuser in Ihrem Land zu rechnen?
Wir haben unseren Verband im September 2008 gegründet, und die ersten Passivhausprojekte werden gerade gebaut. In den kommenden sechs Monaten sollten mindestens 3 Einfamilienhäuser fertiggestellt werden. Darüber hinaus existieren weitere 6 bis 10 Projekte, die einen ähnlichen Energiestandard erfüllen, aber nicht mit dem entsprechenden Referenztool berechnet wurden, bei denen kein Blower-Door-Test durchgeführt wurde oder die den Grenzwert von 15 kWh/m2a nicht ganz erreichen.

Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Architekten, die sich in Ihrem Land bereits aktiv mit Passivhäusern befassen?

Bei einer optimistischen Schätzung sind es vielleicht 20 Architekten und Ingenieure. Die Zahl derer, die sich mit energieeffizientem Bauen befassen, liegt jedoch um einiges höher. Und auch unser Verband wächst derzeit schnell, unter anderem weil wir am 30. Oktober die erste Passivhaustagung in Barcelona ausrichten. Im Moment haben wir rund 80 Mitglieder.

Wie ist die Resonanz in der Öffentlichkeit? In Deutschland wurden bereits erste TV-Dokumentationen über das Wohnen in Passivhäusern gesendet. Gibt es ein ähnliches Medienecho auch in Spanien?

Bislang wurde ganz wenig oder gar nicht über Passivhäuser gesprochen. Nur ein paar Presseartikel gibt es, und 3-4 Konferenzen haben bislang stattgefunden. Im Fernsehen und im Radio finden Passivhäuser bisher jedoch kein Echo, da stehen wir noch ganz am Anfang.

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Foto: Casa Bunyesc, Lleida; Architekt: Joan Bunyesc, Lleida

Was unternimmt der Gesetzgeber? Welche Vorschriften und Förderprogramme gibt es, die den Bau von Passivhäusern begünstigen?

Keine. Das Ähnlichste, was bislang existiert, ist die Förderung der sogenannten „Clase A“-(Klasse-A)-Gebäude gemäß der EU-Direktive „Energy Performance of Buildings“ von 2002. Hier liegt die Förderhöhe bei maximal 50€/m2, und das Budget ist insgesamt gedeckelt. Der Grenzwert für die Heizenergie eines „Clase A“-Gebäudes ist regional unterschiedlich; er liegt in Südspanien bei rund 10-20 kWh/m2a und im Norden des Landes bei 30-60 kWh/m2a im Norden. Wer also ein Passivhaus bauen möchte und staatliche Fördermittel erhalten möchte, sollte sich an diese Mindestanforderungen halten.

Hat die Baustoffindustrie das Thema bislang aufgegriffen und einen einheimischen Markt für passivhaustaugliche Komponenten etabliert? Oder müssen die Bauherren alle Komponenten aus dem Ausland importieren?

Bis jetzt muss man fast alle Komponenten entweder im Ausland kaufen oder irgendwie „selbst basteln“. Mit der Dämmung ist es einfacher, da hier bereits viele Produkte am Markt etabliert sind. Dagegen ist es sehr schwer, gute Fensterkomponenten und Lüftungsaggregate zu kaufen, oder Firmen finden, die sich um die Installation und Inbetriebnahme der Systeme kümmern. Wegen des Blower-Door-Tests muss man sich direkt an die 2-3 Universitäten wenden, die solche Tests durchführen; andere Möglichkeiten gibt es bislang nicht.

Aufgrund all dieser Schwierigkeiten und der entsprechend teuren Preise, versuchen die meisten Planer, neue oder einfachere Lösungen „selbst zu erfinden“, was jedoch nicht immer erfolgreich ist.

Sie haben jahrelang in Deutschland gearbeitet und leben nun in Spanien. Worin unterscheiden sich die Rahmenbedingungen für Architekten in den beiden Ländern am stärksten voneinander?

Der Architekt ist in Deutschland eher ein Berater, der während des gesamten Entwurfs- und Bauprozesses mit dem Bauherren zusammenarbeitet. Oft können Detailfragen dann auch noch während der Bauphase geklärt werden. In Spanien muss dagegen die gesamte Werkplanung inklusive der statischen Berechnungen, der Installationsplanung und der Ausschreibungsprozesse vorab erstellt werden. Anpassungen und Änderungen während der Bauphase sind so häufig, dass die Werkplannung am Ende oft nicht mehr viel mit der Realität zu tun hat. Eine effektive Qualitätskontrolle, die gerade bei Passivhäusern wesentlich ist, fällt dadurch überaus schwer.
Grundsätzlich ist es viel schwieriger als in Deutschland, unter diesen Bedingungen ein Passivhaus zu planen, und man ist vom guten Willen des Bauunternehmens viel abhängiger.

Was planen Sie und Ihr Verband, um die Passivhaus-Idee in den kommenden Jahren in Spanien weiter zu verbreiten?

Unsere Website www.plataforma-pep.org soll dabei eine entscheidende Rolle spielen. Es wird auch einen Newsletter geben, und durch Fortbildungen, die Entwicklung spezieller Planungssoftware für Spanien, eine Beratungsstelle und andere Initiativen wollen wir die Grundlagen dafür schaffen, dass Passivhäuser in Spanien künftig einfacher und kosteneffizienter gebaut werden können. Anders gesagt: Wir wollen, dass künftig niemand mehr eine Ausrede hat, kein Passivhaus zu entwerfen.

Amarante Barambio ist Mitbegründer und Präsident des spanischen Passivhaus-Verbandes und Tutor im Masterstudiengang „Bioconstrucción an der Universität Lleida/Spanien. Nach dem Architekturstudium in Barcelona und Venedig arbeitete er zunächst drei Jahre lang beim Architekturbüo oehler+arch.kom in Bretten bei Karlsruhe, das sich auf die Planung von Passivhäusern spezialisiert hatte. Unter anderem war er dort an der Planung des weltgrößten Passivhaus-Bürogebäudes ENERGON in Ulm beteiligt. Seit 2004 ist Amarante Barambio als Architect bei NOVATECTURA SL in Lleida/Spanien tätig.

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