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DETAIL Stipendium, Schüco, Stipendiat, Studenten, Bauen im Bestand

Niklas Heiss – BAUEN IM BESTAND

Wenige Schritte vom Brixner Domplatz entfernt befindet sich die Bäckergasse. Sie kreuzt die große Laubengasse, eine Einkaufsstraße im Zentrum der Stadt. Über eine schmale Laube erreicht man die zwei Meter breite Gasse, die sich zwischen sechs Häusern im Westen und fünf Häusern im Osten durch den Stadtkern zieht. Die Passage ist für wenige Schritte gedeckt, dann verläuft sie unter freiem Himmel. Auf halber Strecke weitet sich die Bäckergasse, dort umschließen drei Häuser einen kleinen Platz. Großformatige Porphyrsteine reflektieren das einfallende Tageslicht und hellen den rau verputzten Sockelbereich der angrenzenden Häuser auf.

Am Ende der Gasse befindet sich ein viergeschossiges Bürgerhaus. Dem nach Osten orientierten Gebäude liegt ein eingeschossiges Pfarrhaus gegenüber, somit scheint bis zur Mittagsstunde Sonnenlicht in das vier Stufen unter Gassenniveau gelegene Erdgeschoss. Die darüberliegenden Wohngeschosse werden straßenseitig über jeweils vier Fenster belichtet. Das Gebäude ist gelb verputzt, die Öffnungen mit hölzernen, weiss gestrichenen Kastenfenstern besetzt. Die Innenräume werden von purpurfarbenen Fensterläden verschattet.

Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wurde in den Kellern das Bäckergewerbe ausgeübt.(1) Neben dem »Gaßlbäcker« belebte im 19. Jahrhundert auch ein »Gaßltischler« die enge Stadtgasse.(2) Im 20. Jahrhundert wurde die Bäckerei im Erdgeschoss des Hauses durch eine Schneiderei, ein Lebensmittelgeschäft und ein Café abgelöst. Helene Flöss beschreibt in einer Kurzgeschichte den Aufenthalt einer blinden Schneiderin in den 1960er Jahren: Frau P. nutzte den eingeschossigen Keller als Wohn- und Arbeitsraum.(3) Seit 2010 wird der Raum nicht mehr genutzt und bedarf nun eines Umbaus: Kellerfenster, Boden, Treppe und Decke wurden abgebrochen und seit Beginn dieses Jahres neu aufgebaut. Die frühere Nutzung war Inspiration für die Neukonzeption.

Eine verglaste Tür und drei raumhohe Fenster füllen nun die bestehende Öffnung in der Fassade. Dieser optisch offenen Schicht wurde ein filigraner Sichtschutz vorgelagert. Ein purpurfarbener, eng gerasterter Stahlrost verhindert den Einblick in das Innenleben des Raumes, PassantInnen werden zu wandernden Schatten. Die beweglichen Bauteile der Fassade sitzen auf einer Betonplatte, die eine Schwelle zwischen der bepflasterten Gasse und dem tiefer liegenden Raum bildet. Dem Zement wurde Porphyrsand beigemischt, um den Übergang zur bestehenden Bepflasterung homogen zu gestalten. Durch das Zurückversetzen der Fassade wurde die schmale Gasse verbreitert, an dieser Stelle sitzt auch der Eingang. Eine filigrane Stahltreppe überbrückt den Niveauunterschied zwischen Gasse und Raum. Geschliffener Estrich wurde in einem rechteckigen Feld aus Stahlwinkeln eingefasst und so von den aus dem rechten Winkel fallenden Bestandswänden durch eine Fuge entkoppelt.

Der Umbau in der Bäckergasse brachte mich in den vergangenen zwei Jahren der Baupraxis näher. Bei den meisten Arbeiten legte ich selbst Hand an. Im wiederholten Austausch mit den Handwerkern in der Werkstatt und auf der Baustelle näherten wir uns schrittweise den gewünschten Oberflächen und Details. Im kommenden Sommer wird der Umbau abgeschlossen sein. Der Keller kann nicht isoliert von seinem Kontext betrachtet werden: Geschichte, Raum und Material der Stadtgasse waren prägendes Moment für die neue Gestalt.

(1) Mader, Ignaz: Brixner Häusergeschichte, Innsbruck 1963, S. 58.
(2) Mock, Hubert: Domplatz und Via Roma, Die Straßennamen von Brixen und ihre Geschichte, Brixen 2017, S. 59.
(3) Flöss, Helene: Nasses Gras, Erzählungen, Innsbruck 1990, S. 16.

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