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DETAIL Stipendium 2018/2019, Schüco

Paul Felix Eckert – KITSCH UND REPRODUZIERBARKEIT

Stellen wir uns zuerst diesen Raum vor: Auf der Anreiche im Wohnzimmer eines Kitschmenschen steht Michael Jackson aus Porzellan, die Büste von Giuseppe Verdi daneben dient als Bücherstütze, darüber tickt leise eine Uhr in Gitarrenform. Aus einem aerodynamisch geschnittenen Radio tönt Schlagermusik, während wir beim Blick aus dem Fenster von reflektierenden Glaskugeln geblendet werden und nur noch die Silhouette des sandsteinfarbenen Plastikengels erkennen können. Bei der Offensichtlichkeit des hier skizzierten Bildes bekommt wohl jeder »moderne« Menschen Gänsehaut, doch in Wirklichkeit zieht der Kitsch auf viel subtilere Weise in die Wohnungen ein. Ihn klar zu definieren scheint nur schwer möglich. Was sind also die Phänomene des Kitsches und wie können wir ihn besser enttarnen?

Zunächst ist festzuhalten, dass der Begriff Kitsch seinen Ursprung in den Künsten hat, die jahrhundertelang säuberlich getrennt hinter den Begriffen der Hochkultur und der Alltagskultur standen. Inhaltliche Fragen wurden ausschließlich von einer Elite bestimmt, die die finanziellen Mittel aufbrachte, den Künstler zu bezahlen. Verschiedene historische Ereignisse wie die französische Revolution mit einhergehendem Machtverlust des Adels und das Erstarken der Bourgeoisie im 19. Jahrhundert führten letztendlich zu einer Verwischung dieser Grenzen. Die Kunst löste sich zunehmend von den Wünschen der Upperclass und entzog sich dieser eindeutigen Kategorisierung. Gepaart mit einem zunehmend demokratischen Verständnis der Ästhetik entstanden künstlerische Strömungen wie die Romantik zwischen den Welten der Hochkultur und der Alltagskultur.

Trotz seines Ursprungs in der Kunst schließt der Begriff Kitsch nach unserem heutigen Verständnis (fast) alles Künstlerische aus. In unserer Gesellschaft benutzen wir den Begriff, um etwas abzuwerten oder als geschmacklos zu bezeichnen. Wenn wir an das oben beschriebene Wohnzimmer denken, geht es um alltägliche Gegenstände, eng verknüpft mit dem Konsumgedanken der Moderne. Ein authentisches Werk wird als Produkt konsumiert, was letztendlich eine »Umformung der Charakteristik zur nicht authentischen Folklore«(3) zur Folge hat, wie der Architekt Vittorio Gregotti schreibt. Spektakel, Konsum und Kitsch bilden bei dem Gedanken an die moderne Massenproduktion eine Einheit. Ein wichtiges Phänomen ist, dass ein Gegenstand, der nicht für die Industrie bestimmt war, mit neuen Möglichkeiten der Fertigung reproduziert werden kann und aus seinem ursprünglichen Kontext herausgerissen wird. Der Soziologe und Philosoph Theodor Adorno führte unter dem Aspekt der Reproduzierbarkeit und Standardisierung den Begriff der »Kulturindustrie« ein. Kulturerzeugnisse werden als Ware verstanden, »nach dem Prinzip der Verwertung, nicht nach dem eigenen Gehalt und seiner stimmigen Gestaltung«(4). »Letztendlich bietet »Kulturindustrie […] als Paradies denselben Alltag wieder an«(5).

Deutlich wird das auch bei neueren Medien wie in Teilen des Fernsehprogramms. Ein ökonomisches Interesse entscheidet über Inhalt und Ausführung, die durch Reproduktion zur alltäglichen Berieselung werden. Der amerikanische Sozialtheoretiker David Harvey sieht bei seiner Kritik am Fernsehen die potentielle Gefahr, dass unsere Geschichtswahrnehmung beeinflusst wird. Der Betrachter nimmt einen »ununterbrochenen Fluss«(6) aneinandergereihter Ereignisse wahr, die – genau wie beim Kitsch – ihrem ursprünglichen Kontext entnommen werden. Unser Gespür wird getrübt, dafür, was echt und unecht ist, historisch oder gegenwärtig, Wahrheit oder Täuschung.

Denken wir zurück an das Wohnzimmer des Kitsches. Michael Jackson wird als billige Massenware vermarktet, die Büste von Giuseppe Verdi, in sich schon eine Reproduktion, wird entfremdet, um die Bücher aufrecht zu erhalten, und auch die Uhr hat rein gar nichts mit einer Gitarre zu tun. Das Prinzip der Aerodynamik verkommt im windstillen Wohnzimmer zu einem Formalismus, während der Plastikengel, ein religiöser Symbolismus, Massivität ausdrücken möchte. Genau darum geht es dem Kitsch: um einen Effekt, eine Scheinwelt, um Verfremdung. Auch wenn wir dieses Wohnzimmer vermeintlich aufgeklärt belächeln, darf die Verführungskraft des Kitsches nicht unterschätzt werden, damit aus Zauber keine Langeweile wird.

(1) Dorfles, Gillo. Der Kitsch. Studio Wasmuth, 1969, S. 16.
(2) ebd.
(3) ebd., S. 260.
(4) Adorno, Theodor, W. Gesammelte Schriften 10/1. Kulturkritik und Gesellschaft I. Prismen, Ohne Leitbild. Suhrkamp Verlag, 1977, S. 338.
(5) Horkheimer, Max, und Theodor W. Adorno. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer, 1988, S. 150.
(6) Harvey, David. The Condition of Postmodernity: An Enquiry into the Origins of Cultural Change. Oxford England ; Cambridge, Mass., USA: John Wiley and Sons Ltd, 1991, S. 61.

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