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Paul Felix Eckert, DETAIL Stipendium

Paul Felix Eckert – SPAZIERGANG MIT DEM KOMMERZ

Beim Gang durch die vom Kommerz durchzogene Innenstadt begegnet er unausweichlich zwei Elementen: der Werbung bzw. dem Ladenschild, auskragend in den Straßenraum, und dem Schaufenster, der spiegelnden Glasfassade im Rhythmus des darüber liegenden Gebäudes. In barocker Manier fesseln die Bilder und Zeichen seinen Blick, während er begleitet von seinen Spiegelbildern durch die Straßen streift.

Barocke Kunst entstand in der Zeit der Gegenreformation, von der katholischen Kirche als Werbekampagne initiiert. Da viele Menschen nicht lesen konnten, transportierte die Sprache des Bildes religiöse Inhalte. Knallige Farben, Perspektive und Dramatik involvieren den Betrachter und wollen von ihm Besitz ergreifen. An die Stelle von religiösen Motiven treten Mannequins und preisen unbeweglich die Ideale unserer Konsumgesellschaft an. Ladenschilder säumen in unübersehbarer Manier die Straßenzüge und setzen auf globalen Wiedererkennungswert. In der Tat nimmt einem die Signaletik des Konsums die Orientierung. Ob man in München, Köln oder Hamburg aus dem Zug steigt: Städtische Identität und globaler Vertrieb stehen sich als ungleiche Paare gegenüber. Deutlich wird dies auch durch die Problematik des Maßstabs. Riesige Verkaufsflächen nehmen in der kleinteiligen Innenstadt oft ganze Häuser in Anspruch. Eine Mischnutzung bleibt untersagt und so dominieren jene Läden die Seitenschiffe der Einkaufsbasilika.

Ein weiteres faszinierendes Phänomen des Konsums ist das Schaufenster, wobei es gleichzeitig um das Schauen sowie das Zurschaustellen geht. Die Waren werden fragmentartig präsentiert, »wirken […] scheinbar losgelöst vom Lebenskreislauf und bilden doch in ihrer Versteinerung und in ihrem musealen Nebeneinander eine ganze Welt im Kleinen ab, wie dies gerade der Sinn der barocken Kunstkammern und Kunstschränke war«[1]. Sabine Mördersheim rezipiert hier in »Blickwispern füllt die Passagen« Walter Benjamins Passagen-Werk, das auf die besondere Qualität des Schaufensters hinweist, den Blick in den Innenraum zuzulassen, aber gleichzeitig auch zu spiegeln. »Wie Spiegel den freien Raum, die Straße, in das Café hineinnehmen, auch das gehört zur Verschränkung der Räume - dem Schauspiel, dem der Flaneur unentrinnbar verfallen ist.«[2] Ein interessanter Gedanke, denn ein jeder sollte die »unerwartete Selbstwahrnehmung im Spiegel«[3] beim Blick in das Schaufenster kennen. »Was in barocken Spiegelkabinetten planvolle Absicht war«[4] ist hier Produkt des Zufalls aus sich ineinander spiegelnden Schaufensterscheiben. Auf der spiegelnden Glasfassaden verschmelzen Straßenraum und Innenraum der Geschäfte und vermischen so die Gegenwart mit der zeitlichen Ware.

Währenddessen ist unser der Zeit entrissener Spaziergänger durch die »Zusammendrängung wechselnder Bilder«[5] müde geworden. Die reflektierenden Schaufensterscheiben blenden ihn und er flüchtet in ein nahes Indoor-Shopping-Center. Tief im Bauche des Konsumtempels irrt er aufgewühlt durch die sich wiederholenden Gänge und Ebenen. Hier manifestiert sich der Gedanke von der »Welt im Kleinen«, dem barocken Spiegelkabinett – und auch unser Spaziergänger entfernt sich immer weiter vom Ausgang. Erschöpft sinkt er nieder und bevor er einschläft, meint er durch das ovale Treppenauge einen goldenen Lichtstrahl von oben zu vernehmen – ein »Theater […], von höherer Hand gedichtet«[6].


[1] Noor, Ashraf. Walter Benjamin: Moderne und Gesetz. 2011 edition. München: Wilhelm Fink, 2012, S. 293.
[2] Schweppenhäuser, Hermann, Rolf Tiedemann, und Walter Benjamin. Gesammelte Schriften: Band V: Das Passagen-Werk. 2 Teilbände. 1. edition. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1991, S. 666.
[3] Noor, Ashraf. Walter Benjamin: Moderne und Gesetz. 2011 edition. München: Wilhelm Fink, 2012, S. 302.
[4] ebd, S. 296.
[5] Simmel, Georg. Die Großstädte und das Geistesleben. 1 edition. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 2006, S. 9.
[6] Kleist, Heinrich von. Berliner Abendblätter. 1stes Blatt. Berlin: Julius Eduard Hitzig, 1.10.1810.

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