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DETAIL Stipendium, Schüco, Stipendiat, Student, Paul Felix Eckert

Paul Felix Eckert – ZUGÄNGLICHKEIT

Robin Evans beleuchtet in »Figure, Doors and Passages« den Zugang zu Räumen und vergleicht Plan und Gemälde als Beweisstück einer bestimmten Lebensweise der Bewohner. In der Renaissance war es üblich, einen Raum an den nächsten zu reihen und diese untereinander mit Türen zu verbinden. Diese ungerichtete Raumaddition führte zu einer Raummatrix, in der Räume viele Zugänge hatten und folglich das Durchqueren von Zimmern unumgänglich war. In der Villa Madama nach dem Plänen Raffaels beispielsweise »gibt es, wie in fast allen Wohnbauten vor 1650, keinen Unterschied zwischen dem Weg durch das Haus und dem darin bewohnten Raum«(1). Erst später mit der Entstehung des Durchgangsraums, einem Raum, der einzig und alleine der Fortbewegung dient, isolierten sich Räume und verwandelten sich in Zellen. Zunächst entstand dieser in England aus dem »paradoxen Wunsch nach einer 'anwesenden Abwesenheit des Dieners'«(2), wie Stephan Trüby in seiner umfangreichen »Geschichte des Korridors« beschreibt. Evans vermutet den Einfluss des Puritanismus, der den Durchgangsraum zur gleichsam physischen wie auch psychologischen Pufferzone vor dem privaten Zimmer verwandelte. Die Verringerung der Zugänglichkeit machte letztendlich aus einer »Architektur der Nähe und Geselligkeit«(3) eine Architektur, die Berührungspunkte möglichst vermied. Diese unterschiedlichen Arten des Miteinanders findet Evans auch in Gemälden der entsprechenden Zeit wieder. Das Gemälde Madonna dell’Impannata (1514), ebenfalls von Raffael, zeugt von einer »Körperlichkeit, Sinnlichkeit, ja sogar Laszivität«(4). Eng umschlungen schauen sich die Personen tief in die Augen, die Figuren in La Belle Iseult (1858) von William Morris vermitteln hingegen eine fast schon auffallende Zurückhaltung und Unerreichbarkeit.

Zum einen zeigt diese formale Analyse Evans, wie wir historische Bauten heute betrachten können. Dabei sind Jahreszahlen und Hintergrundwissen weniger entscheidend, als das, was da ist (die Architektur). Desweiteren deutet seine Beobachtung auf eine einfache, jedoch bestechende Verwandtschaft hin – den Zugang und das Miteinander. Interessant ist, dass das Wort »zugänglich« im allgemeinen Sprachgebrauch eine persönliche Erreichbarkeit oder Interesse einer Person gegenüber beschreibt (wie etwa auch das Wort Offenheit oder Umgänglichkeit). Schon die Wortherkunft suggeriert also einen Zusammenhang zwischen der Perforation von Räumen und der psychologischen Zugänglichkeit der Bewohner. Dabei handelt es sich beim Weg zur Zelle keineswegs um eine der Architektur geschuldete Entwicklung. Vielmehr ist der Wunsch nach den eigenen vier Wänden zunächst einmal ein soziologisches Phänomen. Gleichwohl bildet die Architektur jedoch den Rahmen für unser tägliches Leben und es scheint naheliegend, dass sich gebaute Form und Lebensweise gegenseitig bedingen.

Heute fördern neue Ideen des Miteinanders wieder Bewohnerkontakte. Es entstehen schachbrettartige Raumgefüge und offene Grundrisse versprechen Flexibilität. Sie wirken der zellenartigen Wohnung entgegen und versuchen den ungeliebten Korridor aus dem Wohnungswesen zu eliminieren. Gleichzeitig sollte aber auch das große Potenzial eines gut gestalteten Zugangs bedacht werden. Frei von Funktion oder Zugehörigkeit könnte er jegliche Form des Gebrauchs annehmen. Als wertvolle Pufferzone gedacht, gibt er dem »Ankommen« seinen Raum, oder weit mehr: Er vermag es sogar zu zelebrieren.

Im gewachsenen und kleinteiligen Kern der Stadt können sich durch Überlagerungen ungewöhnliche Zugangssituationen und Schnittstellen ergeben. Darin sind oft schon »neue« Ideen des Miteinanders enthalten. Die Bildergalerie beinhaltet fragmentarische Auszüge aus meiner Sammlung über die Zugänglichkeit.

(1) Evans, Robin. Translations from Drawing to Building and Other Essays. Architectural Association, 1997, S.64. (übersetzt durch P.E.)
(2) Trüby, Stephan. Geschichte des Korridors. 2018. Aufl. Paderborn: Verlag Wilhelm Fink, 2018, S. 88.
(3) Ebd, S. 22.
(4) Ebd.

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