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Poetische Rauminterventionen - im Gespräch mit Ronan Bouroullec

Ronan und Erwan Bouroullec zählen zu den bekanntesten und einflussreichsten zeitgenössischen Designern, derzeit sind ihre Arbeiten in Ausstellungen in Metz und Weil am Rhein zu sehen. DETAIL sprach mit Ronan Bouroullec über inspirierende Ideen und kreative Prozesse und über die Beziehung von Möbeln und Räumen.

Textiles Wandsystem Clouds, Foto: Paul Tahon und R & E Bouroullec

Seit 1999 arbeiten die beiden Brüder gemeinsam in ihrem Pariser Design-Studio. Ihre innovativen Arbeiten umfassen Wohn- und Büromöbel ebenso wie Leuchten und Geschirr. Leichtigkeit und Klarheit kennzeichnen ihre Entwürfe, zugleich sind sie immer auch vielschichtig und poetisch. Neben ihren Objekten für namhafte Hersteller konzipieren die Designer auch Installationen für Galerien und gesamte Innenraumgestaltungen, wie das Restaurant Dos Palillos im Hotel Casa Camper in Berlin. Ihre Arbeiten sind derzeit in zwei Ausstellungen präsentiert: eine Werkschau im Centre Pompidou in Metz bietet umfassenden Überblick über die Arbeiten der Bouroullecs, im Vitra Design Museum in Weil am Rhein geben Skizzen, Zeichnungen, Modellfotografien Einblick in ihre Arbeitsweise. DETAIL sprach anlässlich der Ausstellung „Vitra mit Ronan & Erwan Bouroullec“ in den Neuen Werkstätten in München, die im Rahmen der Munich Creative Business Week stattfand, mit Ronan Bouroullec über Inspiration, kreative Prozesse und die Beziehung von Möbeln und Räumen.

DETAIL: Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise als Designer beschreiben?

Ronan Bouroullec: Unser Designansatz ist relativ konventionell. Wir haben eine ganz einfache Leidenschaft: die Frage, wie wir mit dem Material umgehen. Wir arbeiten mit dem Minimum an Material und wir versuchen, das Objekt maximal zu reduzieren, das heißt die extreme Klarheit der Idee herauszuarbeiten. Während des Entwurfsprozesses versuchen wir, alles Unnötige, alles was man wegnehmen kann, wegzunehmen. Diese Strategie des Weglassens – ich denke, das war schon immer Bestandteil des Designs, wie beispielsweise bei Dieter Rams. Auch Designer wie Gerrit Rietveld und Verner Panton faszinieren uns, ebenso wie Entwürfe, die nicht ausschließlich mit Logik begründbar sind, sondern in der Form, den Farben, den Proportionen verborgen sind und auch etwas bizarr sein können. Wie beispielsweise der Panton-Stuhl, der in besonderer Weise mit dem Raum agiert: er scheint den Raum zu zerschneiden, es gibt keine Horizontalität und Vertikalität mehr. Der Panton-Stuhl ähnelt einer tanzenden Person – das ist nicht aus einer Theorie heraus entstanden, sondern kommt aus der Leidenschaft für die Form. 

DETAIL: Auch hier in München sind viele Skizzen und Zeichnungen zu sehen. Welche Rolle spielt das Zeichnen mit der Hand in Ihrer Arbeit?

Ronan Bouroullec: Als Designer muss man, ähnlich wie Architekten oder auch Filmemacher, einen langen Atem haben. Zwischen den ersten Entwürfen und der Realisierung vergeht oft eine lange Zeit. Doch das ist gut, denn dann bleibt Zeit, die Idee zu analysieren. Man beginnt an einem bestimmten Punkt, mit einer Idee, und dann gibt es den Moment, in dem man versteht, wie man diese Idee am besten vermitteln kann, und dann trifft man die richtigen Entscheidungen. Zeichnungen und Modelle stellen eine fast meditative Arbeitsmethode dar: zeichnen, immer wieder erneut zeichnen, den Gedanken freien Lauf lassen. Und plötzlich stimmt es. Und dann prüft man: ist es richtig? Kann es so realisiert werden? Für mich bedeuten Zeichnungen und Modelle immer auch eine Möglichkeit, nachzudenken.

Ronan und Erwan Bouroullec, Foto: Ola Rindal
Stuhl Vegetal und Dekorationssystem Algues, Foto: Paul Tahon und R & E Bouroullec
Modulares Dekorationssystem Algues Detail, Foto: Frank Kaltenbach

DETAIL: In Showrooms und Museen erlebt man Möbel in einem anderen Zusammenhang als im Wohn- oder Arbeitsbereich, für den sie entworfen wurden. Sie werden als Exponate inszeniert, stehen für sich...

Ronan Bouroullec: Die Ausstellung hier im Showroom der Neuen Werkstätten ist zwar real in der Hinsicht, dass alle gezeigten Objekte in Serienfertigung hergestellt werden. Doch das große Problem jeder Ausstellung ist, dass das reale Leben fehlt – ein kleiner Riss im Mauerwerk oder das etwas zu kleine Zimmer. Die Herausforderung im Design ist ja: Wie kann ich ein interessantes Umfeld schaffen? Es ist nicht das Objekt selbst – obwohl wir alle auf der Suche sind nach einem Produkt oder einer Form, die es so noch nicht gegeben hat. Das eigentliche Aufgabe besteht darin, das Objekt in Beziehung zu seiner Umgebung zu setzen, damit es mit seiner Umgebung interagiert. Wir wollen den Raumbegriff weiter fassen und die Objekte und Möbel stärker in ihrem Kontext zeigen, denn das Ensemble wird für den Kunden immer wichtiger.

DETAIL: Ist es Ihre Aufgabe als Designer auch, den umgebenden Raum mitzugestalten?

Ronan Bouroullec: Ein Teil unserer Arbeit ist immer, die Architektur etwas zu verändern – wie mit unserem Sitzmöbel „Alcove “ oder dem Dekorationssystem „Algues“, das sich als modulares Element zu größeren Einheiten zusammensetzen lässt, als transparente Netzstruktur oder als fast blickdichter Raumteiler. Mit diesen Elementen kann man intuitiv und schnell arbeiten, ohne in das Gebäude eingreifen zu müssen. Man gibt dem Raum eine andere Struktur, und das verändert die Wahrnehmung. Manchen mögen die „Algen“-Elemente als überflüssig erscheinen, denn warum benötigt man eine zusätzliche Raumbegrenzung, die wie eine Dekoration wirkt? Aber ich denke, dass eine Wand, eine Raumbegrenzung ebenso durch ihre physische Präsenz wirkt wie durch ihre symbolische. Es gibt immer ein Davor und Dahinter. Die „Algen“ sind in dieser Hinsicht sehr funktonal. So haben wir beispielsweise in einer Grundschule den Kindern gesagt, die Bibliothek erkennt ihr an dem roten Netz da, und sie verstanden es sofort.

Sofa Alcove Highback mit Algues, Foto: Frank Kaltenbach
Ronan Bouroullec, Foto: Frank Kaltenbach

DETAIL: Mit Möbeln kann man nicht nur ein Zimmer verändern, sondern auch eine Art Raum im Raum schaffen. Das Alcove Sofa bildet mit hoher Rückenlehne einen auch blickgeschützten Bereich.

Ronan Bouroullec: Das Alcove Sofa ist ein Bestseller, es trifft offensichtlich ein Bedürfnis, insbesondere in Arbeitsbereichen. Es scheint wirklich fundamental zu sein, in manchen Raumsituationen zu „intervenieren“, wie beispielsweise in Großraumbüros. Hier ist Flexibilität gewünscht, aber auch eine gewisse weiche Haptik. Wir haben das Alcove Sofa zuerst als Wohnmöbel entwickelt, doch genau dieser Aspekt der Wohnlichkeit, die Polsterung, die textile Oberfläche, macht es für die Nutzung in Bürobauten so reizvoll. Dass es trotz dieser Materialien, die für Gemeinschaftsräume eher ungewöhnlich sind akzeptiert wird, damit hatten wir nicht gerechnet.  

DETAIL: Das heißt, das Alcove Sofa findet man mehr in Firmengebäuden als in Wohnhäusern?

Ronan Bouroullec: Ja. Es ist für viele Unternehmen eine unglaublich direkte und einfache Lösung, eine besondere räumliche Situation zu schaffen: als Sitznische für Mitarbeiter, die dort einen Kaffee trinken, diskutieren, sich austauschen. Stellt man zwei Alcove gegenüber, entsteht sofort ein informeller, akustisch abgeschirmter Besprechungsraum.Bei unseren Arbeiten denken wir stets auch über die Innenarchitektur nach,  über die Strukturen von Innenräumen, über die Möglichkeiten und auch die Grenzen, wie wir die Innenarchitektur mit Möbeln mitgestalten können. Selbst wenn wir den gesamten Innenraum gestalten, wie beim Restaurant Dos Palillos im Hotel Casa Camper in Berlin, greifen wir nicht in die Struktur des Gebäudes ein.

Sofa Alcove Highback, Foto: Studio Bouroullec
Ausstellung in den Neuen Werkstätten München: Werkschau der Bouroullecs im Dialog mit Entwürfen von Eames aus der Vitra Home Collection, Foto: Frank Kaltenbach
Ausstellung in den Neuen Werkstätten München: Werkschau der Bouroullecs im Dialog mit Entwürfen aus der Vitra Home Collection, Foto: Frank Kaltenbach
Leuchte Aim, Foto: Frank Kaltenbach
Skizzen, Foto: Studio Bouroullec
Slow Chair, Foto: Paul Tahon und R & E Bouroullec
Stuhl Vegetal Detail, Foto: Frank Kaltenbach

DETAIL: Das textile, modulare Wandsystem„Clouds“ findet man in vielen Ausstellungen und Installationen. Handelt es sich eher um ein Kunstobjekt oder um ein innenarchitektonisch funktionales Element?

Ronan Bouroullec: „Clouds“ reagiert immer auf den Raum. Das System wird derzeit in vielen öffentlichen Gebäuden, in Bibliotheken, Universitäten eingesetzt, es ist leicht einzubauen. Wie die Algues ist es ein Element, das die Qualität des Raums verändern kann, wegen seiner Zeichenhaftigkeit, doch auch hinsichtlich der Akustik, da es textil ist. Man könnte diese Objekte mit einem großen Baum vergleichen, der selbst im denkbar ungemütlichsten Raum eine direkte Wirkung hätte – Kinder würden sofort darunter spielen, das funktioniert wie von selbst. Ein Kamin hat die gleiche Wirkung. Diese Elemente besitzen eine fast animistische Dimension und sprechen uns direkt an, da sie einer anderen Logik folgen, mit dem Rationalen brechen. Sie erzeugen einen Ort, an dem man sich sofort wohlfühlt.

DETAIL: Vielen Dank für das Gespräch.

Textiles Wandsystem Clouds, Foto: Paul Tahon und R & E Bouroullec
Textiles Wandsystem Clouds Detail, Foto: Frank Kaltenbach

Das Gespräch mit Ronan Bouroullec führten Claudia Fuchs und Frank Kaltenbach im Showroom der Neuen Werkstätten in München.

 

Im Centre Pompidou Metz ist noch bis 30. Juli die große monographische Ausstellung „Ronan & Erwan Bouroullec, Bivouac“ zu sehen.

Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein bietet die Werkschau „Ronan & Erwan Bouroullec  – Album“ bis 28. Mai mit Zeichnungen und Fotografien Einblicke in die Arbeit der Designer.

www.neue-werkstaetten.de

www.vitra.com/de-ch/collage/exhibitions/ronan-erwan-bouroullec-album/

www.centrepompidou-metz.fr/ronan-erwan-bouroullec-bivouac

www.bouroullec.com

 

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