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Salone del Mobile, Mailand, Design-Trends, Nachbericht

Postmoderne Revisited: Die aktuellen Design-Trends vom Salone del Mobile in Mailand

»Auch als ich jung war, habe ich meine Arbeit immer als ein Pendel verstanden, das hin und herschwingt«, sagte Alessandro Mendini vor acht Jahren in einem Interview. Diesen Februar ist der Grandseigneur des italienischen Designs im Alter von 87 Jahren gestorben. Seine Entwurfsideen jedoch leben weiter, gerade so als ob die Postmoderne und das 80er-Jahre Phänomen Memphis wieder lebendig wären. Das Pendel schlägt wieder zurück.

Interieur-Trends von der Messe
Zur weltgrößten Möbelmesse präsentierten 2418 Aussteller aus 43 Ländern ihre Trends und Neuheiten – neben internationalen Möbellabels waren auf der Euroluce auch Lichthersteller mit von der Partie. Insgesamt 390.000 Besucher zählte die Messe Rho. Was sie in den Messehallen erwartete, waren Entwürfe, die gewagte Mischungen aus Farben und verschiedenen Epochen des Design zelebrieren.
 
Currygelb und Rosarot, kombiniert mit Terracotta: Das venetische Label Arper verfeinert seine Produktpalette an der Schnittstelle zwischen Wohnen und Arbeiten um Erweiterungen und Neuheiten, die es in ausgewählten Farben unter der Überschrift »Soft(er)« präsentiert. Die modulare Panel-Kollektion Paravan von Lievore Altherr aus Barcelona wird um ein Set von Accessoires ergänzt, das dabei unterstützt, Räume zu organisieren und individuell zu gestalten. Muster, Materialien und Farben des modularen Systems können nach eigenem Gusto zusammengestellt werden – mit Whiteboard, Haken, Spiegel und Zeitschriftenhaltern und weiteren Raffinessen. Der Vielfalt an Optionen scheinen dabei kaum Grenzen gesetzt.

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Arper: Cila Go und Paravant, Foto: Claudia Maurino

Nicht nur Farben, sondern auch Epochen vermischten sich bei dem Schweizer Hersteller Vitra zu wohnlichen Collagen aus kombinierten Einzelstücken.  Die unterschiedlichen Wohnumgebungen, die mit einer Mischung aus Neuheiten, Updates und bekannten Klassikern vorgestellt wurden, könnten vielfältiger kaum ausfallen: Ständige Begleiter aus den 50er-Jahren wie der Eames Plastic Chair – neu wiederaufgelegt mit Schalen aus Fiberglass und in 14 neuen Farben, die teils dem Originalentwurf entsprechen, stehen neben dem Vlinder Sofa – einem neuen Entwurf der holländischen Designerin Hella Jongerius, dessen behäbige Polster an die 70er-Jahre erinnern und mit einem bunten Patchwork-Überwurf ausgestattet ist. Die große Bandbreite an Farben, die Vitra zeigt, schließt nichts aus: Alles zwischen leuchtend knalligen Tönen, dunkel-getragener Boudoir-Stimmung oder Szenographien in Pastell ist möglich. Statt minimalistischer Reduktion herrscht satte Vielfalt an Möbeln, Accessoires und Leuchten. Alles ist erlaubt. Und die Postmoderne als Mix aus unterschiedlichen Zeitschienen wieder en vogue.

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Vitra: Wohncollage mit Vlinder Sofa von Hella Jongerius, Foto: Vitra

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Vitra: Wohncollage Salone del Mobile 2019, Foto: Vitra

Dass Mode und Interieurs auch Hand in Hand gehen können, machte das neue Costume-Sofa des Münchner Designers Stefan Diez für Magis deutlich: Das modulare Polstermöbel besteht aus einer 4 mm dünnen tragenden Struktur aus wiederverwendetem und wiederverwendbarem Polypropylen, das mit einem austauschbaren Stoffüberwurf überzogen ist. Ein Kleid, das gewaschen und ausgewechselt werden kann. Die Wünsche des Kunden ändern sich mit verschiedenen Lebenssituationen und Bedürfnissen. Deshalb ist die Anpassung an wandelbare Kundenwünsche für die Möbelindustrie ein Schlüsselkonzept, das dringend nach Lösungen verlangt.

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Magis: Costume-Sofa von Stefan Diez, Foto: Magis

Fuori Salone: Inszenierungen der Stadt
Auch in den Showrooms, die während des Salone im Zentrum von Mailand zu sehen waren, konnten die Farbwelten kaum raffinierter ausfallen: Das deutsche Label Cor zeigte ein neues Möbelkonzept des Schweizer Designers Jörg Boner. Nenou präsentierte sich in einem radikal in Rottönen gehaltenen Interieur – einer Wohnung, die vom Heizkörper bis zum Lichtschalter farblich einheitlich gestaltet war. Sessel, Hocker, Tisch und Bank der neuen Familie Nenou passen sich dieser Farbwelt an und können in Wohn- und Arbeitsumgebungen integriert werden. Die skulpturalen Polstermöbel sind aus der Grundform des Kegels mit verschiedenen Einschnitten und Freiformkurven konzipiert. Sie können als Solitäre aber auch in Form einer Topographie eingesetzt werden, was durch die temporäre, gelungene Inszenierung in der Via Solferino offensichtlich wurde.

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COR: Nenou von Jörg Boner, Foto: COR

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COR: Nenou von Jörg Boner, Foto: COR

Dass Wohnen und Arbeiten in unserer Gegenwart beinahe ein- und dasselbe sind, zeigte das amerikanische Label Herman Miller auf seine eigene Art: Unter dem Motto »All together now« waren im Showroom im Brera-Viertel gleich mehrere Protagonisten der Herman Miller Group ausgestellt. Neben Bürointerieurs des eigenen Labels waren dabei auch Möbel und Stoffe, Accessoires und Leuchten der Marken Hay, Geiger oder Maharam, zu sehen. Insgesamt 450 Produkte kamen so zusammen. Wohnzimmerlounge und Schlafzimmer, eine Küche und Büroarbeitsplätze gingen ineinander über – die ganze Welt des Alltags, kompakt inszeniert in einem Showroom.

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Herman Miller Group, Foto: Nicholas Calcott

Den Funktionalismus auf den Kopf zu stellen, war in den 1980er-Jahren Ziel der Gruppe Memphis gewesen. Mit gewagten Entwürfen, die sich vom »Less is More« abwandten, stellten Ettore Sottsass und Alessandro Mendini, der später zur Gruppe hinzukam, die Möbelwelt auf den Kopf.  Wer dieses Jahr zum Salone in Mailand war, der mag die Relevanz von Entwürfen wie dem Carlton-Regal von Sottsass mit neuen Augen sehen: Die Grenzen des strengen Funktionalismus zu überwinden ist nach wie vor ein Thema. Nur hat die Möbelindustrie längst erkannt, dass sich diese Grenzen sich im Alltag ohnehin aufgelöst haben und fließend ineinander übergehen.

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Memphis: Carlton-Regal von Ettore Sottsass, Foto: Sandra Hofmeister

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