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Länderpavillons der Architekturbiennale in Venedig, Foto: Jakob Schoof

Präsenz gezeigt: Die Länderpavillons der Architekturbiennale in Venedig

Deutschland zeigt Virtual Reality in leeren Sälen, Australien heftet nur einen QR-Code an die verschlossene Tür seines Pavillons: So sieht das eine Extrem aus in den Länderpavillons der diesjährigen Architekturbiennale. Am anderen, materiellen Ende der Skala bewegen sich die Vereinigten Staaten: Vier Geschosse hoch ragt das Skelett eines halbierten Holzhauses auf, das die Kuratoren Paul Andersen und Paul Preissner vor den Eingangshof des neoklassizistischen US-Pavillons gestellt haben.

Wie die Länder der Welt, gehemmt durch die Corona-Pandemie, ihre Baukultur in Venedig präsentieren würden, gehörte zu den spannendsten Fragen im Vorfeld der Architekturbiennale 2021. Die meisten haben sich zum Glück für eine Form der physischen Präsenz entschieden.

Regionale Bautraditionen, globale Ressourcenfragen und das soziale Zusammenleben sind die dominierenden Themen in den diesjährigen Biennale-Länderpavillons. Die vom deutschen Kuratorenteam gewählte Cloud-Lösung schont zweifellos Ressourcen, bleibt aber in der digitalen Umsetzung einiges schuldig. Andere Beiträge vermitteln die aktuellen Herausforderungen auf konventionellere, aber eindrucksvollere Weise. Zum Beispiel die japanische Präsentation: Ein unspektakuläres, abbruchreifes japanisches Holzhaus aus den 50er-Jahren hat das Kuratorenteam um Kozo Kadowaki in seine Einzelteile zerlegt und auf die Reise nach Europa geschickt. Balken, Wandpaneele, Lampenschirme und die Badewanne liegen nun säuberlich aufgereiht auf dem Pavillonboden.

So sehenswert wie verrätselt ist der Beitrag der Türkei, wo Kuratorin Neyran Turan den Planungs- und Bauprozess eines fiktiven Bauvorhabens in monochrom gelben Dioramen inszeniert. Dass die Installation auf die Ressourcenverschwendung am Bau verweisen soll, weiß man jedoch erst nach Lektüre des Begleittexts – in diesem Fall hat die Ästhetik die Botschaft glatt ausgestochen.

Direkter sind die Kuratorinnen des dänischen Pavillons an ihr Thema herangegangen. Marianne Krogh und Lundgaard & Tranberg haben in den Räumen des Pavillons Becken und Rinnsale voller Regenwasser angelegt. Dazu wird gratis Tee ausgeschenkt, um auf den Wert sauberen Trinkwassers aufmerksam zu machen. Die Vereinigten Arabischen Emirate präsentieren einen Ausblick in die Post-Stahlbeton-Ära. Das halbfertige Iglu in der Mitte des Ausstellungsraums besteht aus einer betonartigen Substanz, die die Kuratoren Waed el Awar und Kenichi Teramoto gemeinsam mit Wissenschaftlern aus Salz entwickelt haben.

Wie wir zusammenleben werden

„How will we live together?“ lautet bekanntermaßen das diesjährige Biennale-Motto. Das „Together“ betont der Pavillon der nordischen Länder mit einer Wohnlandschaft im Maßstab 1:1. Gestaltet hat sie das norwegische Büro Helen & Hard nach dem Vorbild seines viel beachteten Gemeinschaftswohnprojekts Vindmøllebakken in Stavanger. Der „Garden of Privatised Delights“ von Unscene Architecture im britischen Pavillon ist eine knallbunte, neo-postmoderne Stadtlandschaft, die dazu aufruft, Pubs, High Streets und Kinderspielplätze mit neuem Leben zu erfüllen. Ähnlich farbenfroh, doch konventioneller, die Installation von Bovenbouw Architectuur: 50 Modelle belgischer Gebäude aus den letzten 20 Jahren haben die Kuratoren zu einer Kleinstadt mit Puppenstuben-Ästhetik zusammengestellt.

Die Belgier zeigen faszinierende Architektur – doch ihre Inszenierung hat zugleich etwas Gespenstisches. Denn in vielen Ländern sind genau solche (Innen-)Stadtlandschaften in den letzten Monaten zu leeren Kulissen geworden. Erstaunlicherweise befasst sich nur ein einziger Länderbeitrag mit dem Thema, das seit Beginn der Corona-Pandemie wie ein Elefant im Raum steht. In „Platform Austria“ untersuchen Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer die Veränderungen, die die Geschäftsmodelle von Amazon, Delivery Hero und Co. in unseren Städten, unserer Architektur und unserer Sozialstruktur hinterlassen. Vor 20 Jahren war die Verlagerung des Gemeinschaftslebens in virtuelle Räume schon einmal das große Thema. Statt des damals prognostizierten Niedergangs der Städte trat bekanntermaßen das Gegenteil ein. Ob die Folgen der neuen Digitalisierungswelle ähnlich glimpflich sein werden? Sicher können wir uns da nicht sein.

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