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Foto: Jakob Schoof

Raum- und Zeitreisen: Die Highlights der Architekturbiennale (4)

Venedig liegt am Wasser – diese Tatsache inspiriert Kuratoren, Architekten und Künstler immer wieder dazu, maritime Anspielungen in ihre Biennale-Installationen aufzunehmen. Mehrere Beispiele hierfür gibt es auch auf der diesjährigen Architekturbiennale zu sehen.

Byzanz, das heutige Istanbul, zählte im Mittelalter zu den wichtigsten Handelspartnern Venedigs. Und auch heute wieder zieht die wirtschaftlichen Beziehungen und Migrationsströme zwischen der Türkei und dem Rest Europas wieder viel Aufmerksamkeit auf sich. Der Biennale-Beitrag des Landes, so fremd und harmlos er anmuten mag, erhält dadurch einen hohen Aktualitätsbezug. Ausgestellt ist die Installation »Darzanà« in einem der sanierten Werftgebäude des Arsenale; hergestellt wurde sie in einer aufgelassenen Schiffswerft am Bosporus. Etwa 500 Stück Abfallmaterialien aus deren Fundus – von der Kabeltrommel bis zum Schiffskiel – hängen an Stahlseilen im Halbdunkel des Ausstellungsraums. Sie bilden ein farbenfrohes, 30 Meter langes und vier Tonnen schweres Fantasieschiff, das die Fährnisse der Seefahrt vergangener Tage ebenso in Erinnerung ruft wie die Bedeutung offener Grenzen für die Völkerverständigung. Nach Ende der Biennale wird die Installation zerlegt und soll zurück nach Istanbul reisen. Dort wird sie zum zentralen Element eines neuen Schifffahrtsmuseums werden.

Einen komplett anderen Zugang zur Schifffahrt sucht das Binnenland Serbien in seinem Pavillon in den Giardini. Die drei jungen Architekten Stefan Vasić, Ana Šulkić und Igor Sjeverac versetzen die Besucher in den Bauch eines imaginären, blau lackierten Schiffsrumpfes. Sonst enthält der Raum nichts, außer den Klängen einer Soundinstallation. Als »Gefäß für Ideen« bezeichnet der Architekturkritiker Hans Ibelings ihn in einem Essay. Seine Schöpfer wollen damit zur Reflexion über die Knebelung architektonischen Schaffens durch Vorschriften und Geldmangel einladen und dazu auffordern, zumindest geistig immer wieder zu neuen Ufern in der Architektur aufzubrechen.

Willkommene Abkühlung im australischen Pavillon
»Reporting from the Front« lautet das diesjährige Motto der Architekturbiennale. »Reporting from the Edge« ist der Titel der Ausstellungszeitung, in der die Australier ihren Biennale-Beitrag dokumentieren. Gezeigt wird die Installation in dem neuen, 2015 eingeweihten australischen Pavillon von Denton Corker Marshall. »From the Edge« hört sich avantgardistisch an, thematisiert aber ein in Australien alltägliches Architekturelement: den Swimmingpool. Er ist in »down under« nicht einfach Luxusgut, sondern sozialer Treffpunkt, Mittel der Körperhygiene in abgelegenen Aborigine-Siedlungen und Geburtsstätte zahlreicher olympischer Schwimm-Medaillen. Auf Videointerviews reflektieren Designer, Musiker, ein Umweltschützer und zwei Olympiasieger aus Australien die Bedeutung des Pools in ihrem Land. Diese lässt sich auch im Maßstab 1:1 nachempfinden: Ein knietiefes Wasserbecken im Raum und ein Panoramafenster mit Blick auf den vorbeiführenden Kanal laden zur Reflexion über die sehr unterschiedliche Bedeutung des Wassers in Australien und Venedig ein.

Nicht nur das Wasser, auch das Tageslicht ist zugleich wichtige Ressource und atmosphärisches Mittel beim Bauen. Die Energieplaner des Büros Transsolar und die Architektin Anja Thierfelder verdeutlichen dies in ihrer Installation in den abgedunkelten Sälen des Arsenale. Mit starken Scheinwerfern und Nebelwerfern suchen sie darin die Lichtatmosphäre zu erzeugen, die dereinst auch im neuen Louvre Abu Dhabi von Jean Nouvel entstehen soll. Im Atrium des Museums werden Sonnenlichtstrahlen durch Dachöffnungen einfallen. Weil die Wüstenluft in Abu Dhabi viel Staub enthält, sollen sie auch als solche (und nicht nur als Lichtflecken auf dem Boden) sichtbar werden. In Venedig kombiniert das Team Transsolar/Thierfelder diesen Lichteffekt mit Standleitern aus Holz – eine Anspielung darauf, dass vergleichbare Strahlenbündel im Englischen gelegentlich als »angel’s staircase« (Engelsleiter) bezeichnet werden.

Stimmungsvoll geht es auch beim Beitrag Singapurs zu. Unter dem Motto »Space to Imagine, Room for Everyone« kombiniert Kurator Wong Yunn Chi mehrere Themen miteinander: das Wohnen in der dicht bebauten Stadt, den Trend des Urban Gardening und die Aneignung einer aufgelassenen Bahnstrecke quer durch den Stadtstaat durch die Bürger Singapurs. So beschaulich die Installation mit ihren hinterleuchteten Glaslampions (die Fotografien von Wohninterieurs zeigen) auch wirken mag: Wirklich konfliktfrei geht es in keinem dieser drei Bereiche des städtischen Zusammenlebens zu.

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Auch diesmal wieder: der Gebäudebestand als Ressource
Der Umgang mit Bestandsgebäuden steht im Zentrum des spanischen und des tschechisch/slowakischen Pavillons. Auf inhaltliche Dichte setzen dabei die Spanier, deren Installation zum Biennale-Beginn mit dem »Goldenen Löwen« ausgezeichnet wurde. Der Titel »Unfinished« führt dabei etwas in die Irre: Es geht keineswegs nur um Bauprojekte, die infolge der Finanzkrise 2008 ins Stocken gerieten, sondern ganz allgemein um das Weiterbauen im Bestand nach dem Motto: Ein Gebäude ist nie wirklich »fertig«. Weit über 50 beispielhafte (Um-)Bauten werden in der Ausstellung gezeigt. Viele davon unterstreichen, wie sich auch mit sehr sparsamen Mitteln kreative Nachnutzungen für Bestandsgebäude realisieren lassen - gute Ideen einmal vorausgesetzt.

Einen Mangel an Ideen und Sensibilität konstatieren hingegen die Kuratoren des tschechisch-slowakischen Beitrags zur Biennale, wenn es um den Umgang von Planern, Investoren und Politikern mit der Nachkriegsarchitektur geht. Sie verdeutlichen dies am Beispiel der 1963-1979 errichteten Nationalgalerie in Bratislava von Vladimir Dedeček. Wie in einem Brennglas fokussierten sich in dem brutalistischen Bauwerk seit der Wende 1989 die Abriss- und Neubaufantasien der Investoren, die Abneigung der Politiker gegen die Relikte des Realsozialismus und der Widerstreit zwischen Architekten und Denkmalschützern um den richtigen Umgang mit dem Museumsbau. Die etwas kryptisch zu lesende, rotlackierte Stahlskulptur im tschechisch-slowakischen Pavillon mutet an wie ein Mix aus Tragwerksmodell und Boxring auf Stelzen. Eine Anspielung auf den Aufruf, den die Kuratoren im Biennale-Katalog lanciert haben? Dort schreiben sie, die Beteiligten mögen im Umgang mit dem Dedeček-Bau den Kampfmodus verlassen und zu einer freudvolleren, »tänzerischen« Haltung finden.

Im Untergrund lauert das Grauen
Das wäre – selbst wenn es unrealistisch ist - auch den Bewohnern der umkämpften Regionen in Syrien, Irak und anderswo zu wünschen. Ihnen hat das Kollektiv Forensic Architecture um den israelischen Architekten Eyal Weizman seine Installation im Souterrain des zentralen Biennale-Pavillons gewidmet. Die am Goldsmiths in London beheimatete Forschergruppe hat sich zum Ziel gesetzt, anhand von Amateurvideos, Satellitendaten und anderen Quellen den genauen Hergang von Kriegsgräueln im Nahen und Mittleren Osten zu rekonstruieren. Die Ergebnisse sollen später als Beweismittel etwa vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag dienen können.

In ihrer Biennale-Installation verdeutlichen Forensic Architecture ihre Vorgehensweise anhand israelischer Bombenangriffe auf den Gaza-Streifen sowie einer US-amerikanischen Drohnenattacke auf ein dicht besiedeltes Stadtviertel in Pakistan. In einem Video und Computeranimationen erläutern Weizman und seine Kollegen, wie sie den Tathergang schrittweise rekonstruiert und dabei sogar den verwendeten Drohnentyp identifiziert haben. Den Raum, in dem die Drohne detonierte, haben sie für die Ausstellung im Maßstab 1:1 nachgebaut. Weit weg von den sozialen, ökologischen und baukulturellen Fragen, die Aravenas Architekturbiennale sonst verhandelt, führt diese denkwürdige Installation die Besucher in die Grenzbereiche von moderner Archäologie, Waffentechnik, Bildanalyse und internationalem Kriegsrecht.

Installationen und Beiträge, die in diesem Kapitel genannt sind:

Darzanà: Two Arsenals, One Vessel (Türkei)
Generalkommissarin: Istanbul Foundation for Culture and Arts (İKSV)
Kuratoren: Feride Çiçekoğlu, Mehmet Kütükçüoğlu, Ertuğ Uçar

HEROIC: Free Shipping (Serbien)
Generalkommissar: Ivan Raskovic
Konzept und Entwurf: Stefan Vasić, Ana Šulkić Igor Sjeverac

The Pool – Architecture, Culture and Identity in Australia (Australien)
Generalkommissarin: Janet Holmes
Kuratoren: Amelia Holliday und Isabelle Toland (Aileen Sage Architects) mit Michelle Tabet
 
Lightscapes: Local Identity – Exploring a Forgotten Resource
Transsolar (Matthias Schuler) mit Anja Thierfelder
 
Space to imagine, room for everyone (Singapur)
Generalkommissar: Jeffrey Ho, DesignSingapore Council
Kurator: Wong Yunn Chii, National University Singapur
 
Unfinished (Spanien)
Generalkommissare und Kuratoren: Iñaqui Carnicero + Carlos Quintans
 
Care for Architecture: Asking the Arché of Architecture to Dance (Tschechien und Slowakei)
Generalkommissarinnen: Monika Mitášová, Monika Palčová
Kuratoren/Ausstellungsgestaltung: Benjamín Brádňanský, Petr Hájek, Vít Halada, Ján Studený, Marián Zervan (Kunst- und Designakademie Bratislava und Universität Trnava)
 
Forensic Architecture
Eyal Weizman, Goldsmiths College, University of London, UK

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