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Zukunft des Bauens, Veranstaltung, Köln

»Re-cycle, Re-use«, Köln // Rückblende

Banal und doch erschreckend – mit jedem Produkt, das wir heute für ein Bauvorhaben einsetzen, dünnen wir die zur Verfügung stehenden Ressourcen weiter aus, während die  Abfallmengen kontinuierlich ansteigen.  Die Statistiken zur Endlichkeit unserer Ressourcen sind nicht neu, aber die Vorzeichen sind heute günstiger den je, dass durch ein verändertes Bewusstsein innerhalb der Gesellschaft und den weiter zunehmenden wirtschaftlichen Druck der Übergang von der linearen zur Kreislaufwirtschaft gelingen kann. Gute Ansätze dazu gibt es von Seiten des Gesetzgebers, der Industrie, der Sozialwirtschaft und aus der Baupraxis.
 
Tanja Brockmann, Referatsleiterin im Referat Bauen und Umwelt des BBSR, Berlin gab den Einstieg in die Thematik mit einer Übersicht zu aktuellen Forschungsprojekten und den Aktivitäten des Referats im Bereich ressourceneffizientes Bauen. Ziel ist dabei der effizientere Umgang mit endlichen Ressourcen anhand verschiedener Strategien – von einem vermehrten Einsatz von Sekundärrohstoffen, über die Substitution von abiotischen durch biotische Rohstoffe und der Erschließung vorhandener Einsparpotenziale bis hin zu Suffizienzbetrachtungen. Erarbeitet wurde beispielsweise ein Bewertungssystem nachhaltiges Bauen, bei dem nicht einzelne Produkte betrachtet werden, sondern immer der Kontext des gesamten Gebäudes. Einen guten Einstieg auf Produktebene bietet hingegen das Internetportal WECOBIS. Darüber hinaus können die Datenbank zur Ökobilanzierung ÖKOBAUDAT sowie das Gebäudeökobilanzierungstool ELCA dem Planer bei der Materialwahl behilflich sein. Alle Tools sind öffentlich und kostenfrei zugänglich.

Ein starkes Plädoyer für die Wiederverwendung von Bauprodukten und -stoffen kam aus Wien. Markus Meissner, Gesellschafter der Pulswerk GmbH versteht seine Aufgabe darin, nach konstruktiven Ansätzen und Lösungen zu suchen wie durch die Wiederverwendung Umweltvorteile mit sozialen und ökonomischen Vorteilen verknüpft werden können. Mit dem BauKarussel wurde auf Grundlage der österreichischen Recycling-Baustoffverordnung von 2016 begonnen den Sektor des Rückbaus in Richtung Kreislaufwirtschaft zu entwickeln. In Zusammenarbeit mit Gebäudeeigentümern, Projektplanern und -entwicklern werden im Bereich des abbruchvorbereitenden Rückbaus wiederverwendbare Bauteile und Komponenten ausgebaut und für den erneuten Einsatz im Neu- oder Umbau zur Verfügung gestellt. Parallel dazu werden recyclingfähige Baustoffe manuell getrennt und der stofflichen Verwertung zugeführt. Diese Arbeiten führen Arbeitskräften aus sozialwirtschaftlichen Unternehmen durch, die somit wieder an den ersten Arbeitsmarkt herangeführt werden können. Erste Erfolge wurden bereits erzielt, z.B. konnten im Neubauareal Biotope City in Wien aus alten Fabrikhallen XPS-Platten ausgebaut, geprüft und als Perimeterdämmung wiederverwendet werden. BauKarussel soll nach den ersten operativen Einsätzen nun zu einer juristischen Einheit werden, neue Projekte akquirieren und das bereits gewonnene Wissen weiter teilen.

Zu Optimierungspotenzial im Bereich der Baukonstruktion forscht Hans Drexler von DGJ Architektur, Frankfurt. Zu kurz greift der Ansatz der Primärenergieeinsparung im Gebäudesektor, der in den letzten Jahren vielfach zu aufwändigen Konstruktionen und einem vermehrten Einsatz von Technik geführt hat. Im Zuge einer ganzheitlicheren Betrachtungsweise zeigt sich, dass weiteres Potenzial für ein nachhaltigeres Bauen vor allem in der Baukonstruktion und den dafür eingesetzten Materialien liegt. Der Baustoff Holz hat sich dabei als besonders vorteilhaft erwiesen. Die Schwachstelle liegt hierbei hauptsächlich noch im Bereich der Verbindungsmittel, die zu Wärmebrücken, ungleichmäßiger Lastverteilung und vermehrten Kosten führen. Der Forschungsansatz von Drexler konzentriert sich daher auf kraftschlüssige Verbindungen aus Holz auf Grundlage traditioneller Zimmermannsverbindungen. Dies mit modernen Fertigungsmethoden zu kombinieren und so zu nachhaltigen und kostengünstigen Konstruktionen zu kommen ist das Ziel. Nach kleineren Prototypen wurden die gewonnenen Erkenntnisse jetzt auf das selbstverwaltete Studierendenwohnheim Collegium Academicum im Kontext der IBA in Heidelberg übertragen.
 
Ein weiteres Forschungsprojekt präsentierte Felix Heisel vom Fachgebiet Nachhaltiges Bauen am KIT Karlsruhe. Das NEST ist ein modular aufgebautes Forschungsgebäude in Dübendorf bei Zürich, in dem neue Baustoffe und Systeme, aber auch zukünftige Wohn- und Arbeitsformen unter realen Bedingungen getestet, weiterentwickelt und validiert werden können. In diesem Kontext soll in der Unit Urban Mining and Recycling (UMAR) eine Wohneinheit aus vollständig recyclierbaren Elementen entstehen und damit den Beweis antreten, dass der Wechsel von einer linearen zur Kreislaufwirtschaft tatsächlich gelingen kann. Das Gebäude der Zukunft versteht sich somit als städtische Mine, als Materiallager und -labor. Das Monitoring der bewohnten Einheit läuft über fünf Jahre, bevor das Gebäude dann komplett rückgebaut wird. Um dies zu erreichen setzten die Verantwortlichen auf ein hohes Maß an Vorfertigung, den Einsatz von neuen, aus Recyclingstoffen erzeugten Materialien und auf ökonomische Leasingmodelle, wie sie von einigen Industrieunternehmen bereits angeboten werden. Alle Materialen können online und auch vor Ort näher in Augenschein genommen werden. Ein nächster Schritt besteht darin, eine solche Materialdatenbank auf Stadtebene hochzuskalieren und Fragen zu den benötigten Daten, zur Speicherung und weiteren Nutzbarkeit zu klären.

Antonino Vultaggio, Partner bei HPP Architekten in Düsseldorf entwickelt mit seinem Büro nachhaltige Gebäude aus der Praxis heraus. Der Ansatz ist dabei, alle Ebenen des Planens und Bauens in Kreisläufen zu denken – also nicht nur das Materialwirtschaftliche, sondern auch das städtebauliche Umfeld, das Mobilitätskonzept, die Energieversorgung etc. und somit einen Mehrwert über das reine Gebäude hinaus zu schaffen. Anhand des aktuellen Bauvorhabens »The Cradle«, ein Holz-Hybridbau im Düsseldorfer Medienhafen, erläuterte Vultaggio die Vorgehensweise. Alles beginnt mit dem Entwurf. In diesem Fall erforderte die prominente Lage zum einen ein repräsentatives Gebäude, zum anderen galt es, das vorgegebene Baugrundstück bestmöglich zu nutzen, etwa durch den Blick aufs Wasser auf der einen Seite und die Verschattung durch das nebenstehende Hochhaus auf der anderen. Durch eine wabenartige Fassadenstruktur und die den Gegebenheiten angepasste Ausrichtung des Gebäudes konnte so z.B. auf zusätzlichen Sonnenschutz verzichtet werden – wodurch Material-, Energie- und Wartungskosten eingespart werden. Fazit: Material, Ressource und Design bedingen sich immer gegenseitig und können nicht unabhängig von einander gedacht und geplant werden. Im Rahmen der Unterstützung durch die EPEA wird ein sogenannter Material Passport erstellt – verbunden über eine BIM-Schnittstelle entsteht so für das gesamte Gebäude ein Katalog, der die Möglichkeit bietet, die verbauten Materialien mit ihren spezifischen Eigenschaften auch zukünftig zu lokalisieren und anderweitig nutzbar zu machen. Perspektivisch können Gebäude somit zu den Materiallagern der Zukunft werden und das Entwerfen maßgeblich verändern.

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