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Foto: Jakob Schoof

Reflexionen über die Ressourcenfrage: Die Highlights der Architekturbiennale (1)

14 Einzelthemen hat Alejandro Aravena in einer Handskizze aufgelistet, die er unter sein Biennale-Motto »Reporting from the Front« subsumiert. Die Palette reicht von der wachsenden Ungleichheit auf dem Globus über Umweltverschmutzung und Verbrechensbekämpfung bis zu Verkehrsinfrastrukturen. Ganz besonders am Herzen liegt dem diesjährigen Biennale-Direktor jedoch die Ressourcenfrage. Das macht er gleich im Eingangsraum des Arsenale in Venedig deutlich. Die Wände sind mit geschichteten Bruchstücken von Gipskartonplatten verkleidet; von der Decke hängen kilometerweise Aluminiumschienen von Trockenbauwänden – allesamt Überbleibsel von der Kunstbiennale 2015, die Aravena hier kreativ weiterverarbeitet hat.

Gleich einen Saal weiter finden sich zwei weitere Reflektionen zum Thema Ressourcenschonung. Rechter Hand eine Installation des chinesischen Pritzker-Preisträgers Wang Shu. In teppichgroßen Holzrahmen hat er Collagen jener traditionsreicher Baumaterialien zusammengestellt, die er in seinen Bauten vorzugsweise verwendet: Ziegel, glasierte Fliesen, Naturstein und Holz – das meiste davon aus bestehenden Gebäuden wieder verwendet. An der Wand dahinter Aufnahmen von Wangs Gebäuden in deren meist ländlichem Kontext.

Noch grundsätzlicher befasst sich im gleichen Raum das ecuadorianische Architektenkollektiv Al Borde mit den Ressourcen beim Bauen. Money rules the world – und je nach Bauprojekt steht dem Architekten davon eine sehr unterschiedliche Menge zur Verfügung. Die Installation »Dark Resources« besteht aus quadratmetergroßen, abgeklebten Feldern auf dem Boden. Darin stapeln sich Pappkartons mit Kunststofftüten, die Centstücke enthalten. Die Geldmenge entspricht den Baukosten unterschiedlicher Projekte von Al Borde. Die Unterschiede sind drastisch – vom fast hüfthohen Kartonstapel bis zur schier unglaublich geringen Summe von 27,80 Euro je Quadratmeter, bei der man sich fragt, was außer einem neuen Wandanstrich wohl dabei herausgesprungen ist.

Modulare Mock-ups
Mit vorgefertigten, transportablen oder aus anderen Gründen kostengünstigen Baukonstruktionen setzen sich gleich mehrere Beiträge auseinander. Meist handelt es sich dabei um Mock-ups und Prototypen real existierender Gebäude. Oder gleich um das Gebäude selbst: Grupo Talca aus Chile hat eine komplette Schutzhütte mit Aussichtsdeck, die das Architekturbüro 2006 in den chilenischen Anden errichtet hatte, zerlegt und im Freigelände der Biennale wieder aufgebaut. Die verwitterte Massivholzstruktur überstand den Umzug ohne größere Schäden. Ein Video dokumentiert  den Ab- und Wiederaufbau, den die gleichen Handwerker realisierten wie schon die ursprüngliche Errichtung des Bauwerks vor zehn Jahren.

Im Regelfall migrieren freilich eher Menschen als Gebäude durch die Welt. Vor allem für die Zuwanderer-Community der Region Brüssel hat das belgische Architekturbüro ORG Permanent Modernity in Anderlecht eine neue Markthalle aus Betonfertigteilen errichtet. Ein Mock-up der Tragstruktur war ebenfalls am Hafenbecken des Arsenale zu sehen. Die modulare Konstruktion ist bei diesem Gebäude nicht nur Mittel zur Kostenreduktion (nach Angaben der Architekten kostet die Markthalle kaum mehr als ein industrielles Lagerhaus), sondern auch gestalterisches Mittel. Die Wandelemente und Tordurchgänge der Markthalle setzen sich aus gerade einmal fünf unterschiedlichen Betonfertigelementen zusammen. Durch geringfügige Variationen der Bauteilformen – mal gerader Unterzug, mal Bogen und mal M-förmig abgeknickter Sturz – gewinnt die Konstruktion enorm an Ausdruckskraft. Am gebauten Objekt in Anderlecht wird das Ganze durch eine stählerne Sheddachkonstruktion ergänzt, die die lichten Markthallen überspannt.

Ein Turm, der Wasser erntet
Architektur, die aktiv Naturressourcen verfügbar macht, kennen wir in Mitteleuropa vor allem im Zusammenhang mit Null- und Plusenergiegebäuden. In anderen Weltregionen ist freilich auch Wasser eine seltene Ressource. Für nebelreiche, aber regenarme Gegenden in Afrika, Asien und Lateinamerika hat der italienische Architekt Arturo Vittori das Projekt »Warka Water« konzipiert: Türme unterschiedlicher Höhe aus Bambus und Polyesternetzen, an denen die Luftfeuchtigkeit kondensieren soll und in einer Zisterne am Fuß des Turms gesammelt wird. Jeder Turm soll auf diese Weise bis zu 100 Liter Wasser pro Tag »ernten«. Die leichtgewichtige Konstruktion ist modular aufgebaut, sodass jedes der Bestandteile sich von einer Person zu Fuß transportieren lässt. Sechs Prototypen des Turms wurden bereits an unterschiedlichen Standorten in der Welt errichtet. Nach Abschuss der Pilotphase will Vittori die Türme ab 2019 in Serie herstellen.

Regelrecht bescheiden nimmt sich dagegen Kanadas Biennale-Auftritt aus. Der kanadische Pavillon in den Giardini wird derzeit saniert, und so musste Kurator Pierre Bélanger mit seiner Installation auf den Vorplatz zwischen den britischen, französischen und deutschen Pavillons ausweichen. Sein Thema ist jedoch wahrhaft weltumspannender Natur: die Extraktion fossiler und mineralischer Ressourcen aus dem Boden, die wohl kaum ein Land so prägt wie Kanada. 10000 Bergbauanlagen von der Goldmine bis zum Teersandabbau hat Bélanger im Land gezählt. Deren geopolitische Bedeutung reflektiert er im flächenmäßig kleinsten Beitrag zur diesjährigen Architekturbiennale: ein Tablet-Computer, versenkt unter einem Guckloch inmitten einer weißen Scheibe im Boden. Darauf zu sehen ist eine schnelle Bilderfolge, die die Geschichte, geopolitischen Zusammenhänge sowie die sozialen und ökologischen Begleiterscheinungen des Bergbaus nicht nur in Nordamerika illustriert.

Kurze Werbepause

Installationen und Beiträge, die in diesem Kapitel genannt sind:

Coexisting Scene – A construction experiment and the rescue of a village
Amateur Architecture Studio – Wang Shu, Lu Wenyu

Dark Resources
Al Borde - David Barragán; Pascual Gangotena; Marialuisa Borja; Esteban Benavides

The Pinohuacho Experience
GrupoTalca – Martín del Solar, Rodrigo Sheward

Monument for an Open Society
ORG Permanent Modernity - Alexander D'Hooghe, Luk Peeters, Natalie Seys

Warka Water Project
Architecture and Vision – Arturo Vittori

Extraction (Kanada)
Generalkommissarin: Catherine Crowston, Art Gallery of Alberta
Kurator: Pierre Bélanger, OPSYS

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