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Zukunft des Bauens, Berlin, 2019, Veranstaltung, Ressource Bestand, Nachbericht

»Ressource Bestand«, Berlin // Rückblende

Der gewählte Ort passte gut zu »Ressource Bestand«, Thema der ersten Veranstaltung der Reihe »Die Zukunft des Bauens«, die DETAIL research gemeinsam mit der Forschungsinitiative Zukunft BAU des BBSR und BMI durchführt – ein alter Gewerbehof, erbaut zu Beginn des 20. Jahrhunderts, lag nach der Wende mehr oder weniger im Nirgendwo in der Mitte Berlins, bis ihn der BDA 1995 sanierte und mit der Gründung des DAZ einen Ort des Austausch, der Vermittlung und Debatte über Architektur schuf. In der unmittelbaren Umgebung ist inzwischen viel entstanden, weitere Sanierungsprojekte sowie ergänzende Neubauten haben die Industriebrachen entlang der Köpenicker Straße längst in einen lebendigen Innenstadtbereich verwandelt.

Das Thema Nachverdichtung war daher auch derjenige Aspekt, der zu Beginn der Veranstaltung unter den Experten, durchaus kontrovers, diskutiert wurde. An der Diskussion nahmen, außer den geladenen Referenten, mit Prof. Natalie Essig und Oliver Jung auch zwei Vertreter der Partnerunternehmen FSDE und Calostat teil. Einem enormen Bedarf und einer steigenden Dichte in den städtischen Ballungsräumen stehen im ländlichen Raum Strukturen entgegen, die, perspektivisch gesehen, zunehmend Leerstand hervorrufen werden. Bleiben hier kluge Konzepte und finanzielle Anreize aus, sind diese Ressourcen zunehmend dem Verfall preisgegeben. Das Szenario wusste Prof. Clemens Deilmann vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e.V. , Dresden, in seinem Vortrag statistisch zu untermauern und somit die allgemein vorherrschende Wahrnehmung der Situation, mit einem starken Fokus auf die urbanen Zentren, zu relativieren. So zielen seine Empfehlungen zum einen auf schnellere Genehmigungsverfahren für die weitere Nachverdichtung sowie Investitionen für preisgünstigen Wohnraum in den Ballungsgebieten ab, zum anderen auf Bestandspflege über maßvollen (Ersatz-)Neubau bis hin zum geförderten Rückbau im ländlichen Raum. Insbesondere die Ortskerne der Klein- und Mittelstädte gilt es, seiner Meinung nach, zu stärken und den weiteren »urban sprawl« einzudämmen.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Wiederverwend- und Wiederverwertbarkeit von Baumaterialien diskutiert, die auch Claus Asam vom BBSR zum Thema seines Vortrags «Der Bestand: heute Haus – morgen Rohstoff?« gemacht hatte. Anhand historischer Beispiele zeigte er zunächst auf, dass das Recycling von Baustoffen keine Erfindung der Neuzeit ist und der Einsatz verbauten Materials für neue Projekte etwa im mittelalterlichen Regensburg gang und gäbe war. Asam ging anschließend auf die Bedeutung von Materialkreisläufen, Ideen zum Baustoffrecycling und die aktuellen Maßnahmen des Bundes diesbezüglich ein.

Die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse und Rahmenbedingungen wurden durch drei sehr unterschiedliche architektonische Beispiele ergänzt, mit denen die Brücke zwischen Theorie und Praxis geschlagen und die Auswirkungen der interdisziplinären Forschungsergebnisse auf die tägliche Arbeit der Teilnehmer aufgezeigt wurde.

Axel Knabe ist Gesellschafter und Geschäftsführer des Büros baukonsult-knabe GmbH in Erfurt. Er stellte ein Umnutzungsprojekt vor, das Teil des Forschungsprogramms Modellwohnen zum nachhaltigen und bezahlbaren Bau von Variowohnungen ist. In unmittelbarer Nähe zum Erfurter Universitätscampus und dem Helios-Klinikum konnte ein 12-geschossiges Gebäude in Stahlbetonskelettfertigbauweise nach zwölf Jahren Leerstand von einer Zahnklinik in ein modernes Wohnhaus für Studierende umgebaut werden. Eine Besonderheit ist die Barrierefreiheit sämtlicher Wohn- und Nutzungsbereiche, die auch Studierenden mit Handicap die Teilnahmen am Gemeinschaftsleben ermöglicht. Neben einer vergleichenden Bewertung der Gebäudesubstanz und eines passenden Umbaukonzeptes, bei dem der Bestand immer spürbar bleiben sollte, spielt für Knabe vor allem auch der spätere Betrieb des Gebäudes eine entscheidende Rolle.

Auch für Julian Breinersdorfer, Architekt und Urbanist aus Berlin lohnt sich Sanierung fast immer. Mit der Umnutzung von Industriearealen hat er bereits mehrere positive Erfahrungen gemacht und sich in der letzten Zeit intensiver mit Potenzialen auf Quartiersebene beschäftigt. Mit seinem Vortrag «Ein Fünftel mehr Berlin« lenkte er das Interesse der Teilnehmer auf noch vorhandene Flächenressourcen in Berlin. Fast 30 Millionen Quadratmeter, die mehr als 700.000 Menschen ein Zuhause bieten könnte, stehen seiner Meinung nach in den Berliner Kleingartensiedlungen zu Verfügung. Wie diese politisch, städtebaulich und architektonisch nutzbar gemacht werden könnten, zeigt seine aktuelle Projektstudie – eine Vision davon, wie Wohnraum aus einer bestehenden Stadttypologie behutsam heraus entwickelt werden könnte.

Den Abschlussvortrag hielt Christian Hellmund, assoziierter Partner bei gmp in Berlin, und nahm damit einen weiteren Perspektivenwechsel vor – denn, obwohl ein vorrangiges Thema, macht nicht nur Wohnungsbau eine Stadt aus. Die Expertise des Büros gmp liegt vornehmlich auf öffentlichen Gebäuden und eindrucksvollen Neubauten. Zunehmend beschäftigt man sich auch mit Bestandsbauen, insbesondere der Moderne. Der Flughafen Tegel, den das Büro gmp Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre plante, wurde z.B. erst kürzlich in die Denkmalliste aufgenommen. Mit der Sanierung und Umgestaltung des Dresdner Kulturpalasts präsentierte Hellmund im Rahmen der Veranstaltung ein herausragendes Beispiel einer architektonisch gelungenen und technisch anspruchsvollen Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege. Dresden hat mit dem Umbau einen lebendigen Ort zurück bekommen und dabei ein Stück seiner DDR-Identität bewahrt.

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Zukunft des Bauens, Nachbericht, Berlin
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